Zweites Kapitel

Als wäre nichts geschehen, ließen Lydas geübte, ruhige Finger die Schwanenfedern zu neuem Leben erwachen. Auch Lydas Augen waren auf die Arbeit gerichtet, doch sie sahen nicht hin. Ihr Blick war nach innen gewandt, auf ihre Gedanken. Stille soll eure Köpfe füllen und eure Herzen und eure Seelen, auf daß ihr nicht die Heiligkeit des Todes durch kalte Worte entweiht.
Lydas Lippen schwiegen wieder, füllten das kleine Zimmer mit etwas, das zumindest den Anschein von Stille erweckte, während in Lydas Inneren ein Kampf tobte. Sie hatte das Schweigen verletzt. Sie hatte gesprochen, geschrieen sogar, als sie schweigen mußte. Vielleicht, so versuchte sie sich zu sagen, hatte sie so einen Menschen gerettet, vielleicht sogar drei. Aber sie glaubte es nicht. Kein Gesetz verbot ausdrücklich, die Augen eines toten Engelsgeborenen zu öffnen und hineinzublicken, zumindest keines in diesem Land. Aber nicht nur der Stille Codex, auch die weltlichen Gesetze verboten einer Totenmagd, zwischen dem Tod des alten und der Krönung des neuen Königs auch nur einen Laut von sich zu geben. Dieses Gesetz hatte sie gebrochen. Es gab keine Entschuldigung. Vielleicht - sie versuchte sich einzureden, daß es nur ein vielleicht war - hatte sie die ganze Familie ins Unglück gestürzt.
Lyda wollte keine Schuldgefühle zulassen, bis sie mit ihrer Arbeit fertig war. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit, bis das Grabgewand für den König fertig sein mußte, zwei Tage nur noch, und zwei Nächte, in denen sie nicht schlafen, sondern arbeiten würde. Die Federn lagen, in kleine Haufen aufgeteilt, vor ihr auf dem Boden, nach Größe geordnet. Das Muster war bekannt; seit Jahrhunderten wurden die engelsgeborenen Könige in diesen Gewändern bestattet, und ebenso lange hüteten die Totenmägde die Kunst des Federnknüpfens. Auch wenn kaum eine Totenmagd jemals auch nur in die Nähe eines Königs kam, hätte doch eine jede von ihnen das gekonnt, was Lyda nun tat. Hätte jede andere auch geschrieen?
Wieder drängte sich Lyda dieses Bild auf, das sie versuchte, aus ihrem Kopf zu verbannen: Das große, leere Auge des toten Königs. Wer in die Augen eines toten Engelsgeborenen blickte, wer sich darin verlor, der verlor seinen Verstand… Lyda fröstelte. Ihre Hände begannen zu zittern, und einen Moment lang mußte sie die Arbeit hinlegen. Auch sie hatte in dieses Auge gesehen, lange genug, daß es sich in ihrem Gedächtnis festsetzen, sie heimsuchen konnte… Stille! Sie hatte die Stille gebrochen! Lyda preßte sich die Hände vor das Gesicht, als könne dies ein zerstörtes Schweigen zurückbringen, als könne sie ein undurchdringliches Hindernis zwischen ihre Augen und das Bild schieben.
Aber die vertraute Wärme ihrer Hände brachte keinen Frieden für Lyda. Diese Hände mußten ihre Arbeit verrichten, durften nicht zittern, mußten Federn mit kräftigen Fäden aneinander knüpfen, bis etwas neues daraus erwuchs, ein Gewand wie Flügel.
Mit grimmiger Konzentration starrte Lyda auf ihr Werk. Die Federn waren alles, was jetzt zählte, nur die Federn. Schwanenfedern. Einst hatten sie heiligen Vögeln gehört. Sie hatten besondere Ehrfurcht verdient und besondere Ehrfurcht erfahren. Kleine Hautfetzen klebten an ihren Schäften, waren hängengeblieben, als zaghafte, unsichere Hände die toten Vögel rupften.
Lyda bezweifelte nicht, daß die Frauen des Hofes geübt darin waren, ein Huhn, eine Ente oder eine Gans zu rupfen. Doch einem toten Schwan die Federn auszureißen war etwas anderes. Plötzlich kam eine Ehrfurcht auf, die Lyda fast befremdlich erschien, eine Angst, den Schwänen nach ihrem Tod noch Schmerzen zuzufügen oder auch nur eine der kostbaren Federn zu beschädigen. Lyda, der nur drei Tage blieben für die Herstellung des komplizierten Flügelgewandes, mußte untätig zusehen, wie dicke, robuste Küchenfrauen mit verweinten Augen zaghaft an den Federn zupften, bis diese sich endlich lösten - ein Verfahren, das jedem Vogel sicherlich mehr Schmerzen zugefügt hätte als schnelles, sicheres Ausreißen. Aber Lyda nahm diese Frauen in ihrer Trauer ernst. Auch wenn sie über keinen der toten Schwäne auch nur eine Träne vergießen würde, respektierte sie es, wenn andere es taten. Sie würde niemals Trauer belächeln.
Für Lyda waren die toten Schwäne nicht heiliger als jeder andere tote Vogel, oder, besser gesagt, jeder andere tote Vogel nicht weniger heilig als ein Schwan. Es machte auch keinen Unterschied, ob ein toter Mann in seinem Bett nun auf einen Engel zurückging oder ein ganz gewöhnlicher Mensch war, solange es eine Familie gab, die um ihn trauerte, und eine Totenmagd, die an seiner Seite schwieg.
Aber diese Totenmagd hatte nicht geschwiegen, und nun klebte Blut an den Federn, das Blut eines Jungen und das Blut eines Engels zugleich. Lyda wußte, daß es ihre Schuld war. Das Auge wurde geöffnet, das Schweigen gebrochen, und die Schwäne stellten sich gegen den Engelsgeborenen… Warum belastete sie sich damit? Warum gab sie nicht die Schuld dem Sohn des Königs, diesem verstörten jungen Mann, er alles ausgelöst hatte? Lyda schüttelte den Kopf und arbeitete verbissen weiter.
Langsam begann das Gebilde unter ihren Händen Form anzunehmen, wie ein mächtiger Flügel auszusehen, als plötzlich die Tür aufging. Das harte Geräusch, als ihre Unterkante über den Steinboden schrappte, zerstörte die Stille, die Lyda um sich herum erschaffen hatte, und ließ sie aufblicken. Ab und zu kamen Dienerinnen und stellten ihr einen Krug Wasser und etwas zu essen ihn. Sie störten nicht. Diener konnten ihre Arbeit nahezu so still verrichten wie Totenmägde. Doch diesmal stand das Essen noch unberührt vor Lyda; ihr fehlte der Appetit, etwas zu sich zu nehmen, und sogar zu einem gelegentlichen Schluck Wasser mußte sie sich zwingen.
Und es war kein Diener, der in der Tür stand. Verwirrt blickte Lyda auf einen jungen Mann, den sie nicht erwartet hatte, in ein kaltes, leeres, maskenhaftes Gesicht. Sie hatte es schon Hunderte von Male gesehen, auf den alten Gemälden, welche die endlosen Gänge und Flure säumten, aber dies war ein lebender Mensch, oder zumindest etwas, das nahe heran kam. Seit der Zeit, als der leibhaftige Sohn des Elomaran Korisander König war, vor mehr als tausend Jahren, bemühten sich seine Nachfahren, dem Engel zu gleichen, verbargen ihre Züge unter muschelweißer Schminke, die kein Alter zuließ und keinen Ausdruck.
Seit mehr als zehn Jahren lebte Lyda nun schon als Totenmagd am Hofe, hatte schweigend alte Dienerinnen und Knechte, kleine Kinder und kranke Männer gewaschen, hatte der Hebamme zugenickt, wenn eine Frau im Kindbett starb, aber in all der Zeit war sie der königlichen Familie nur durch diese gemalten, ewig huldvoll lächelnden Ahnen begegnet. Es lebten Hunderte von Leuten am Hof, und nur durch drei von ihnen floß das Blut von Korisander, dem Engel der Weisheit. Nun blieben nur noch zwei von ihnen übrig: Alexander, junger Bruder des Königs und nächster in der Thronfolge, und Harold, der Sohn des Verstorbenen. Beide hatte Lyda am Totenbett kennengelernt, aber diesen Engelsgeborenen, der in der geöffneten Tür stand, hatte sie noch nie zuvor gesehen.
Lyda war verwirrt. Ihre Finger verhaspelten sich. Wer war dieser Mann? Warum sagte er nichts, rührte sich nicht? Er schien sie zu beobachten. Was wollte er von ihr? Sie zwang sich, seinen Blick zu erwidern, während sie selbst reglos saß. Zwei Statuen starrten einander an.
Angst war fremd für Lyda. Alle Angst ließ sich zurückführen auf die eine, die Angst vor dem Tod. Es verging kaum eine Woche in Lydas Leben, in dem sie ihm nicht begegnete, und er hatte längst seinen Schrecken für sie verloren, wenn es so etwas überhaupt jemals gegeben hatte. Ebensooft, wie sich in den Armen der Hebamme ein Augenpaar öffnete, schloß sich eines unter Lydas Händen. Tod und Geburt waren wie Himmel und Abgrund, gleich starke Teile des Lebens, an entgegengesetzten Enden, wenn auch oft nur wenig Zeit zwischen ihnen lag. Lyda fürchtete nicht den Tod, und nicht die Toten.
Sie fühlte Angst.
Der Engelsgeborene sprach. »Ich möchte dich nicht von der Arbeit abhalten. Wenn du wünschst, daß ich gehe, gib mir ein Zeichen.«
Lyda rührte sich nicht, aber ihre Anspannung ließ nach. Nun wußte sie endlich, wer da vor ihr stand.
Gestern hatte sie Harold zum ersten Mal gesehen, aber wenn dieses kalte, leere Gesicht auch nur wenig Ähnlichkeit mit dem verheulten jungen Mann vom Vortag hatte, wußte Lyda doch, daß diese Stimme zu ihm gehören mußte. Sie war leise, leidenschaftslos, melodisch, aber nur auf den Klang der Wörter bedacht, nicht auf ihren Inhalt. Es war die Stimme eines Mannes, der um jeden Preis vermied, etwas zu empfinden. Er tat ihr leid.
Aber in seinen Augen lag ruhiger Verstand. Vielleicht wäre er jetzt wahnsinnig, wenn Lyda nicht geschrieen hätte. Vielleicht hatte sie ihn tatsächlich gerettet. Sie mußte plötzlich lächeln.
Es entging ihm nicht.
»Ich habe ein paar Fragen an dich, aber ich werde sie so stellen, daß es genügt, wenn du nickst oder den Kopf schüttelst. Ich weiß, daß du schweigen mußt.«
Lyda wandte ihren Blick ab, sah wieder auf die Federn. Vielleicht war dies eine versteckte Anklage - die Stimme verriet nichts davon. Sicherlich kursierten am Hof Geschichten und Gerüchte über alle Mitglieder der königlichen Familie, doch Lyda gab nichts darum. Sie wollte sich selbst ein Bild von den Menschen machen, wenn nicht von den Lebenden, dann von den Toten. Nun wünschte sie sich, vielleicht das ein oder andere Mal dem Geschwätz gelauscht zu haben. Harold war jemand, den sie nicht einordnen konnte.
»Bitte, hab keine Angst vor mir. Ich bin nicht hier, um dir Vorwürfe zu machen. Ich bin der Chronist meines Onkels, und es ist wichtig, daß ich alles für die Nachgeborenen festhalte. Aber es ist noch wichtiger, daß kein schlechtes Licht auf unsere Familie fällt. Ich bin ein Gelehrter. Ich hasse Lügen. Aber ich werde mit keinem Wort erwähnen, daß du aufgeschrieen hast.« Selbst jetzt lag kein Vorwurf in seiner Stimme. »Nur für mich, als Gelehrten, muß ich wissen, warum du es getan hast. Du hast das Auge meines Vater gesehen, nicht wahr?«
Hastig nickte Lyda. Ihre Finger hatten zu ihrer Aufgabe zurückgefunden, arbeiteten wieder, als ob nichts sei.
»Hast du schon einmal in die Augen eines Engelsgeborenen geblickt?« Wieder nickte Lyda. »Eines toten Engelsgeborenen?«
Lyda erstarrte. Das Auge war wieder vor ihr. Langsam gelang es ihr, den Kopf zu schütteln. Aber da prasselten schon weitere Fragen auf sie ein, zu schnell, als daß Lyda sie hätte beantworten können.
»Kannst du in den Augen der Toten lesen? Kannst du sehen, woran sie gestorben sind? Hast du geschrieen, weil du gesehen hast, daß er umgebracht wurde? Weil Aralee ihn umgebracht hat? Hat sie ihn vergiftet?«
Daß sie sich nicht rührte, schien ihn nicht zu stören. Vielleicht glaubte er auch, darin seine Antwort finden zu können; vielleicht ging es ihm nur darum, die Fragen überhaupt zu stellen.
Als sie merkte, daß er sie immer noch beobachtete, sah sie auf. Sein Blick verlangte keine Antworten, er verlangte, daß sie nickte, daß sie das bestätigte, was für ihn längst fest stand. Lyda nickte nicht.
Er schaute sie erwartungsvoll an, schob seinen Kopf ein wenig vor, nickte kaum merklich. In seinem Gesicht stand kein Zeichen von Ungeduld - wie lange würde er warten, bis sie sich rührte? Gern hätte sie ihm gesagt, daß er gehen sollte, ihn mit abwehrender Handbewegung verscheucht. Aber er war keine Fliege, er war ein Königssohn, und sie war nur eine Totenmagd. Sie wollte nicht unhöflich gegen ihn sein.
»Ist mein Vater vergiftet worden?« fragte er noch einmal.
Lyda zuckte die Schultern und senkte den Blick wieder. Sie wußte es nicht, und es war auch nicht ihre Aufgabe, es herauszufinden. Es änderte nichts daran, daß er König tot war. Warum konnte Harold es nicht auf sich beruhen lassen? War dieses beharrliche Fragen ein Anzeichen dafür, daß er am Ende doch wahnsinnig wurde?
Lyda versuchte, ihn zu ignorieren, sich wieder in Stille einzuhüllen und weiterzuarbeiten. Wenn er ihr dabei zusehen wollte, bitte. Solange sie von lebenden Augen angestarrt wurde, konnte sie es noch aushalten…
Kurz darauf war ihr, als hätte sie ein Geräusch gehört wie eine Tür auf Steinboden, und als sie irgendwann ihren Blick wieder hob, war der Engelsgeborene fort. Nur die Tür stand einen Spaltbreit offen.

Nie wieder würden sich die Augen des Königs öffnen. Niemals wieder würde seine Stimme zwischen diesen Wänden widerhallen, würde seine Hand etwas berühren, würde er leben.
Der König war nicht alt gewesen: Ein Mann in der Blüte seiner Jahre, Mitte vierzig, hätte gut und gerne noch fünfzehn Sommer lang leben können. Aber auch das Blut eines Engels konnte ein schwaches Herz nicht stärken, es nicht länger schlagen machen. Nun war er also tot, und zurück blieben, in einem Hofstaat von Hunderten, nur drei, um ihn zu vermissen: Eine Frau, ein Mann und ein Junge… Lyda beobachtete sie genau. In den letzten beiden Tagen, in den schlaflosen Nächten, hatte sie lieber über Harold seltsamen Besuch nachgedacht und seine Anschuldigungen gegen Aralee, als über das, was im Sterbezimmer vorgefallen war, über das geöffnete Auge. Jetzt versuchte sie abzuschätzen: Sah so eine Mörderin aus? Oder einer, der seinen Verstand verloren hatte? Die Frau, nur wenig älter als Lyda selbst, war die Stiefmutter des Königs, die Spätfrau seines längst verstorbenen Vaters. Sie hatte den Kranken während seiner letzten Tage gepflegt, aufopfernd wie eine Ehefrau… oder seinen Tod besiegelt. Lyda bemühte sich, nicht in ihr Gesicht zu blicken, aus Angst, das einmal gesäte Mißtrauen könne aus ihren Augen sprechen.
Es war nicht an ihr, über Mörder zu richten, Schuld von Unschuld zu unterscheiden. Sie war für die Toten da; ihnen zu dienen, hatte sie ihr Leben verschrieben. Nicht den Lebenden.
Die Stimmung zwischen Harold und Aralee erschien angespannt, aber es lag keine offene Feindschaft in der Luft. Die Beisetzung des Körpers nahm aller Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch, und Harold war zu intelligent, um seine Vorwürfe ohne jeden Beweis vor all den Trauergästen offen vorzubringen.
Sie waren alle in der großen Halle versammelt: Der Tote, aufgebahrt auf grauem Tuch in der Mitte des Saals, und Lyda und seine Familie direkt bei ihm. Die großen Steinschalen, in denen zwei Tage lang die Knochen der Schwäne gebrannt hatten, rauchten nun nicht mehr, sondern standen als Barrieren da, welche die hohen Trauergäste - die Grafen und ihre Familien - auf der einen Seite von den Massen des Gesindes auf der anderen trennten. Sie waren, wie auch Lyda selbst, bloße Kulissen bei dieser Zeremonie. Alle Augen lagen auf den beiden jungen Engelsgeborenen. Beide waren bis an den Rand der Unerkenntlichkeit geschminkt, nur ihre Augen leuchteten als echt in ihren Gesichtern, wie Engel, die Engelsmasken trugen.
Ungeschminkt, wie Lyda sie das erste Mal gesehen hatte, trugen sie zwar eine starke Familienähnlichkeit, aber Harolds Gesicht war schmaler, verschlossener und erwachsener, während Alexander zwar die gleichen kühlen, unerbittlichen Lippen und steilen Wangenknochen hatte, aber auch Impulsivität und Jugend ausstrahlte - ein junges Mädchen hätte ihn sicher als den hübscheren der beiden bezeichnet. Nun konnte man sie nur noch an ihren unterschiedlichen Haarlängen unterscheiden. Alexander war derjenige, dessen Haar kurz und glatt wie ein blauschwarz glänzender Helm um seinen Kopf anlag. Vor seiner Brust hing das silberne Medaillon des Thronfolgers. Lyda bemerkte, daß der Junge außerdem, anders als sein Neffe, Handschuhe trug, die nicht Teil des rituellen grauen Trauergewandes waren, sondern sicher die Wunden verbergen sollten, welche die Schwäne ihm im Todeskampf geschlagen hatten. Es waren Wunden, die niemand sehen durfte, und um Lydas Herz wurde es klamm. Fast war es ihr, als wende der König seinen Kopf zu ihr und blicke sie mit seinen toten Augen an. Fröstelnd trat sie einen Schritt zurück.
Dies nahm Harold als Zeichen dafür, daß es nun am ihm war, seine persönlichen Abschiedworte an seinen Vater zu richten. Er sprach leise, als er zu der Bahre hintrat, aber Lyda kam nicht umhin zu hören, was er sprach.
»Du hast mir meine Bücher weggenommen, du hast meine Mutter hingerichtet. Jetzt bist du tot, und du wirst mir niemals sagen, warum du es getan hast. Sie werden dich in das Loch werfen, und ich werde dich nie wieder sehen. Ich weiß, daß sie dich vergiftet hat, aber du wirst dein Geheimnis mit in den Nilomar nehmen, und ich werde niemals Beweise haben.«
Er flüsterte nicht, versuchte nicht, seine Worte vor Aralee zu verbergen. Sie sagte nichts, erstarrte nur, zitterte einen Moment lang und war dann wieder vollkommen ruhig. Doch Lyda sah auch, wie der Thronfolger versteifte, wie sich seine behandschuhten Hände zu sicherlich schmerzhaften Fäusten krampften, wie aus einer geraden Körperhaltung eine sehr gerade wurde. Alexander sah aus, als hielte er gerade mühsam beherrscht einen Wutausbruch zurück. Doch alle waren sich der besonderen Situation bewußt, des traurigen Anlasses, und der vielen Gäste. Harold trat wieder zurück.
»Nun bist du am Zuge, Großmutter«, sagte er. Unter allen anderen Umständen hätten die Worte freundlich geklungen.
Aralee trat tief durch, dann tat sie wie geheißen. »Fahr wohl«, murmelte sie, »und mögen die Elomaran dich beschützen.«
Das war es, was Leute normalerweise dann zum Abschied sagten, wenn sie eine Person nicht gekannt hatten oder sonst nichts zu sagen wußten. Aber welchen Wunsch gab man auch einem Mann mit, den man selbst vergiftet hatte?
Nun, als letzter, wie es sich gehörte, war Alexander an der Reihe, denn seine Worte wogen am schwersten und durften aus den Ohren des Toten von nichts verdrängt werden. Kurz kam Lyda in den Sinn, daß Harold als Engelsgeborener nach Aralee hätte sprechen müssen, aber nun war es bereits geschehen und konnte nicht umgekehrt werden, und sicherlich gab es Schlimmeres. Die Schritte des Jungen, als er sich seinem toten Bruder näherte, waren zögerlicher, als seine ansonsten selbstbewußte Haltung vermuten ließ, und gaben Aufschluß darüber, wie es hinter der Maske aussehen mochte. Alexander beugte sich tief über den Toten, und dann, als seine Lippen nahe genug waren für einen letzten Kuß, bewegte er sie, als würde er flüstern. Doch Lyda erkannte, daß er nichts sagte, nur stumm die Worte formte, vielleicht sogar nur den Mund auf und zu klappte, um für die Außenstehenden die Illusion eines Abschiedsgrußes zu erzeugen. Was er seinem Bruder mitzuteilen hatte, war privater Natur und nicht für lebende Ohren bestimmt, auch nicht für die Ohren einer Totenmagd.
Als er geendet hatte, legte Lyda legte das Tuch über dem Toten zusammen und nähte es mit schnellen, geübten Stichen zu. Nun war der König in nichts mehr von jedem anderen toten Mann zu unterscheiden, nur noch ein ungefähr menschenförmiges graues Bündel. Nichts war mehr zu sehen von dem prachtvollen weißen Federgewand, von den mächtigen Engelsschwingen, die den toten Erben eines Elomaran nun für alle Ewigkeit umschließen würden wie in einem tiefen, geborgenen Schlaf. Doch sie fühlte seinen Blick immer noch, fühlte die Augen durch das Tuch hindurch auf ihr ruhen. Einen Moment später war das Gefühl verschwunden. Jetzt lag nur noch ein gesichtsloser Toter vor ihr.
Lyda gab das Zeichen. Vier kräftige Knechte traten vor und hoben die Bahre, und mit ihr das Bündel, das einmal über das Land regiert hatte, auf ihre Schultern. Ein Engelsgeborener wog nicht schwerer als jeder andere tote Mann. Lyda ging voraus, die beiden lebenden Korisanderskinder links und rechts der Bahre, und dahinter folgten erst Aralee, dann, in einigem Abstand, die Grafen, dann, mit noch etwas mehr Abstand, die Dienerschaft. Es war eine große, schweigende Prozession, die hinaus in den Hof trat und langsam hinwanderte zu der Spalte, die ein direktes Tor zum Nilomar darstellte, jenem bodenlosen Loch in der Erde, in dem alle Toten des Hofes versenkt wurden, schon lange, bevor Lyda hierher gekommen war, schon seit Jahrhunderten.
Draußen griff das Wetter die Spannung auf, die innerhalb der Familie herrschte. Die Luft war unerträglich schwül und drückend, und finstere, teils nahezu schwarze, teils gräulichgelbe Wolken hingen so dicht und tief, daß es fast schon so schien, als hüllten sie auch die Turmspitzen des Schlosses ein. Doch dies waren nicht die Vorboten von Unheil. Mit Erleichterung stellte Lyda fest, daß zumindest hier alles so war, wie es sollte. Der Himmel trauerte, denn einer vom Blute der Engel würde diese Welt nun für immer verlassen. Wenn Korisander seine graue, stofferne Hülle durchbrach, um in einem fernen Land, in einer fernen Zeit, neu zu leben, würden aus dem künstlichen Gewand mächtige, weiße Flügel gewachsen sein. Doch für diese Welt war der König für immer verloren, und darum trug der Elomar Trauer. Er sollte heute noch, als einziger, vielleicht, für ihn weinen.
Normalerweise war der Abgrund mit zwei schweren Steinplatten verschlossen, damit die Unterwelt von der Oberwelt getrennt war. Doch nun waren beide Platten aus ihrer Verankerung gehoben, mit tödlicher Ruhe wartete der Nilomar auf ein neues Opfer. Ein kühler Windhauch schlug Lyda entgegen, aber daran war sie gewöhnt. So oft war sie schon diesen Weg geschritten, hatte sich diesem Schlund genähert, daß sie sich nicht mehr von ihm einschüchtern ließ. Jetzt brachte die kühle Luft eine erfrischende Auflockerung der Spannung. Man mußte den Nilomar nicht fürchten, er war auch nur ein Teil der Welt, der Untere Abgrund.
Auf den Steinplatten stellten die Träger die Bahre ab, und zwei andere, welche die langen Seile mitgebracht hatten, machten sich daran, sie um den Leichnam zu legen, damit man ihn in die Tiefe hinablassen konnte.
Die Trauergäste verharrten in respektvollem Abstand, sei es vor dem toten Engelsgeborenen und seiner Familie, sei es vor dem gähnenden Loch. Die beiden jungen Männer dagegen traten nahe an den Abgrund heran. Harold rückte immer näher, beugte sich vor, als käme er gar nicht auf die Idee, daß auch Lebende in den Abgrund stürzen konnte. Lyda beobachtete ihn, doch sie würde nicht einschreiten. Diesmal würde sie nicht von ihrer wahren, ihrer einzigen Aufgabe, abweichen.
Alexander trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme vor der Brust, als wolle er allen zeigen, daß er mit diesem Treiben nichts zu schaffen hatte. Er blickte zu seiner Mutter hinüber, die nickte und ein wenig verständnisvoll lächelte. Im nächsten Moment verengten sich seine Augen, er sprang vor, packte den fasziniert in die Tiefe starrenden Harold bei der Schulter und riß ihn zurück. Einem ahnungslosen Zuschauer mochte die ganze Gefahr und die Wut, die dahintersteckte, entgehen. Wer nicht die Blicke gesehen hatte, das Leuchten in Harolds Augen, sah nur, wie der zukünftige König seinen Neffen beherzt aus einer Gefahr rettete. Er hörte nicht, wie Alexander zischte: »Beim nächsten Mal stoße ich dich hinein, dann wirst du zumindest nie wieder so etwas machen.«
Harolds Schultern sackten zusammen, als Alexander ihn losließ. Er murmelte etwas tonlos Entschuldigendes. Die Knechte hatten endlich ihre Seile so befestigt, daß sie zwar fest und sicher saßen, sich aber auch schnell wieder lösen würden. Und endlich standen nun auch die Gefäße mit der Asche draußen, links und rechts neben dem Abgrund. Sie waren steinern, schwerer als der Tote selbst, aber es gab genug kräftige Männer am Hofe, um auch das schwerste Gefäß zu schleppen.
Irgendwo in der Ferne rollte Donner, leise und langanhaltend, als sie den toten König an den Abgrund trugen und langsam begannen, ihn hinabzulassen, vier Männer, zwei auf jeder Seite, ein jeder mit einem Seilende in Händen.
Mit einem Schritt zur Seite schob sich Harold wieder näher an Alexander heran. In der schattigen Luft wirkten die beiden plötzlich kleiner, und verloren, und je tiefer die Männer den Toten in die Erde hinab ließen, desto kleiner wurde Alexander. Jetzt war er auf einmal nur noch ein Junge von sechzehn Jahren, der seinen Bruder verloren hatte und allein zurückblieb. Er blickte nicht zum Abgrund hin, und nicht zu seiner Mutter, die in zwei Schritt Entfernung stand, sondern zu Boden. Lyda wäre gern zu ihm hingegangen, hätte ihm Trost gespendet, aber sie wußte, und nicht erst durch Harolds Worte, wie sehr die Engelsgeborenen auf ihre Würde bedacht waren, und sich trösten zu lassen, war ein Zeichen von Trauer, und Trauer war ein Zeichen von Schwäche. Alexander brauchte Lydas Hilfe, und er sollte sie auch bekommen, aber erst, wenn die Zeremonie vorüber war und es keine Zuschauer mehr gab.
Die Knechte hielten nun die hintersten Enden der Seile. Tiefer konnten sie den König nicht in den Boden hineinlassen, aber bevor sie endgültig losließen, verharrten sie noch einen Moment. Lyda sah noch einmal zu den beiden Engelsgeborenen hinüber, sah, wie Harold eine Hand auf Alexanders Schulter legte, sah, wie der Junge erstaunt aufblickte und zu lächeln begann. Auch Lyda lächelte kurz, erleichtert.
Dann gab sie den Knechten das Zeichen. Zwei von ihnen ließen das Seil los, die beiden anderen begannen nach einem Moment der Reglosigkeit, die Seile langsam wieder einzuholen, sie aufzuwickeln, während der tote König hinabstürzte in die endlosen Tiefen des Nilomar. Er allein mochte wissen, wohin ihn seine Reise nun führen mochte.
Lyda nahm ein Tuch aus einfachem grauen Stoff und ging zu dem ersten der beiden Steintöpfe hinüber. Aus den Federn der getöteten Schwäne hatte sie ein Grabgewand geknüpft, das Fleisch würden die Trauernden heute essen müssen, nachdem man es zwei Tage lang in den Eiskellern gelagert hatte - und hier waren nun die Knochen: Grauweiße Asche und die verkohlten, aber noch grob erkennbaren Überreste von etwas, das einmal Gelenke, Köpfe und Schnäbel gewesen war. Der feine weiße Staub fühlte sich immer noch warm an und blieb an Lydas Händen kleben, als sie den Inhalt der Schale auf das Tuch schob. Die Anwesenden mochten für die Seele des Königs beten, aber Lyda betete dafür, daß der drohende Regen noch so lange ausharrte, bis sie zumindest diesen Teil des Rituals hinter sich gebracht hatte. Es wäre ein zu schlechtes Zeichen gewesen, wenn sich diese Asche plötzlich in schmutziggrauen Schlamm verwandelt hätte…
Sie schlug das Tuch mit der Asche zu einem Bündel zusammen und hob es hoch, so daß alle es sehen konnten. Diese Asche war so leicht, daß Lyda sich einen Moment lang wunderte, aber sie ließ sich nichts anmerken, trat an den Abgrund heran, dessen undurchdringliche schwarze Tiefe sie einen Moment lang schwindelig machte, und löste dann das Tuch, behielt nur einen Zipfel in der Hand zurück. Die Asche fiel nicht nach unten - zwar die größeren Überreste, doch die Asche selbst schien in der Luft zu verharren, wurde vom Wind, der aus dem Nilomar emporschlug, ein wenig empor getragen, bevor sie langsam, tanzend, nach unten zu gleiten begann. Nichts konnte dem Sog des Abgrunds, seiner dunklen Anziehung, lange wiederstehen. Dennoch hatte Lyda ein Kribbeln in der Nase und den Geschmack von Asche auf ihrer Zunge, als sie zurücktrat und zu der zweiten Schale ging, um den Rest der Asche dem toten König nachzuschicken. Sie schluckte mehrmals, aber der Geschmack blieb. Also stimmte es, was man sich erzählte: Daß auch der Obere Abgrund, der Elomar, alles anzog, daß manches nach unten gerissen wurde, aber anderes auch nach oben schweben würde, nicht nur die unsichtbare Seele, sondern auch tote Asche. Und das wiederum bedeutete - wenn der Elomar seinen Anteil an der Asche bekommen konnte - dann bekam auch der Nilomar seinen Anteil an der Seele. Nur ein klein wenig, so wie auch nur ein paar Staubkörner von der Asche nach oben geschwebt waren, und dennoch…
Lyda fröstelte, und nicht nur, weil es langsam kühler wurde. Plötzlich war der Tod auch für Lyda etwas, das man fürchten konnte.
Sie schob die Asche auf das Tuch, achtete darauf, daß nichts in der Schale zurückblieb, und wiederholte das Ritual, diesmal mit klammen Fingern, die zittern wollten. Alexander trat zu ihr hin, den Blick starr auf ihre Hände gerichtet. Lyda zwang sich zur Ruhe. Er konnte nicht wissen, was sie gesehen hatte, nichts von ihrer Angst.
Als die Asche langsam nach unten rieselte, hielt Lyda eine Hand darunter und fing etwas von dem grauen Staub auf, als habe sie ein Lebtag lang nichts anderes gemacht, und in diesem Moment gab es auch wirklich nichts anderes. Dann nickte sie dem Thronfolger zu. Er nahm das Medaillon ab und öffnete es mit ungeschickten Fingern. Als Lyda die Asche sorgfältig in den kleinen Hohlraum schob, sah sie, daß der Junge bereits etwas in die andere Hälfte des Amuletts gesteckt hatte: Eine Strähne schwarzen Haares, vielleicht - ganz sicher sogar - ein Andenken an seinen Bruder. Es freute sie. Alexander bedeckte es schnell mit der Hand, klappte den Anhänger zusammen und hängte ihn sich wieder um. Dann drehte er sich weg und ging mit eiligen, langen Schritten zum Schloß zurück, ohne noch einmal zum Abgrund hinüberzusehen. Die anderen folgten ihm hastig. Innen wartete ein Mahl aus gebratenem Schwanenfleisch.
Nur Lyda blieb zurück, und zwei Männer, um die Steinplatten wieder über den Abgrund zu schieben. Lautlos fiel der erste Regen und wusch die Asche von ihren Händen.

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