Fünftes Kapitel

Was hatte Anders mit der Bibliothekstür gemacht, bis sie nachgab? Hatte er dagegen geschlagen, getreten, sich dagegen geworfen? Anders mochte stärker sein als Halan, aber im Kampf mit einer Tür war er vermutlich unterlegen. Er konnte Halan mit dem Gesicht gegen eine Wand schlagen, ihm die Nase brechen, aber… hätte Lorimander diesen Schlag ausgeführt…
Die Nachkommen des Engels der Stärke waren keine riesenhaften, muskelbepackten Bestien. Aber ihr Erbe war Kraft, reine körperliche Kraft, die es Lorimander ermöglicht hatte, Selmars Schädel zu zerschmettern, das Tor, das große, undurchdringliche Eichentor aufzubrechen. Die Delegation aus Loringaril war fort, samt Kutsche und Reitern. Als Halan das Schloßtor erreichte, fand er es zerstört vor. Und die Wachen am äußeren Tor? Niedergeritten. Schwer verletzt, aber lebend. Über der Straße tanzte noch der Staub. Lorimanders Flucht konnte noch nicht lange zurückliegen, nicht länger als ein paar Minuten. Halan rechnete, versuchte sich zu erinnern, wie lange es dauerte, Pferde zu satteln, eine Kutsche einzuspannen. Ember hatte schnell reagiert, aber nichts geplant. Er mußte –
Einer der verletzten Männer stöhnte.
»Ruhig«, sagte Halan. »Gleich kommt Hilfe.« Er hoffte es. Helfen konnte er selbst nicht. Er war kein Heiler. Und er durfte diese Männer auch nicht berühren.
Er trat durch das Tor. Was war mit dem Fallgitter? Wer hatte es hochgezogen? Er blickte nach oben. Niemand. Lorimander mußte es gepackt und hochgeschoben haben. Es hing schief in seiner Verankerung, rührte sich nicht, als Halan versuchsweise den Hebel zog.
Als Halan auf die Straße hinaustrat, um sich die Wegspuren anzusehen, überkam ihn das unsichere Gefühl, das er jedesmal hatte, wenn er das Schloßgelände verlassen mußte. Die übliche Vertrautheit, die Nähe seines Engels, verschwanden, als existierten sie auf dieser Seite des Tores nicht. Ein Gefühl von Gewöhnlichkeit, Sterblichkeit, ging von den schiefen kleinen Lehmhäusern aus, die sich entlang der Straße aneinander kauerten. Und Bedrohung. Halan merkte, daß er beobachtet wurde. Hier war er noch nie gewesen. Er war diese Straße eilig entlanggeritten, hatte sie im Inneren einer Kutsche befahren, aber noch nie hatten seine Füße diese holprige Kopfsteinpflaster betreten. Hastig wollte er sich auf das königliche Gebiet zurückziehen, zusehen, daß Hilfe für die Verwundeten kam - aber wer sich nicht um den toten Botschafter kümmerte, der war Anders ins Schloß gefolgt - als er hinter sich Stimmen hörte.
»He, das ist doch einer von denen! Ist er das?«
Halan zuckte zusammen. Plötzlich füllte sich die Straße mit Menschen. Sie quollen aus allen Türen, Dutzende, mit seltsam schwankenden Schritten.
»Der König! Ein Hoch auf den König!«
»Bist du bekloppt? Das ist doch kein König!«
»Ein Hoch auf den König!«
Mit zitternden Knien schaffte es Halan auf seine Seite der beiden Tore. Dann blieb er stehen. Er konnte nicht einfach weglaufen, zulassen, daß dieser Pöbel das ungeschützte Tor durchquerte, in den Schloßpark eindrang. Es war niemand anderes da. Halan stellte sich unter den Torbogen, hob die Arme und bemühte sich, einschüchternd auszusehen.
»Zurück!« rief er. »Keinen Schritt weiter!« Würde auszustrahlen war eine Sache, etwas, worin Halan geübt war. Autorität war etwas anderes. »Im Namen Korisanders, fort mit euch!«
»Ich sag doch, das ist kein König!«
»Dann war der König in der Kutsche!«
Es mochten vielleicht ein Dutzend Leute sein, aber Halan war zu nervös, um sie auch nur zählen zu können. Er registrierte, daß sie betrunken waren, und er ekelte sich vor ihnen. Das Volk feierte seinen neuen König, wartete vor den Schloßtoren, bis die Kanonen erklangen und von der glücklichen Krönung berichteten. In dieser Nacht hatte es keine Kanonen gegeben. Das Volk trank weiter, und es war verunsichert. Man wollte einen König sehen.
»Geht nach Hause!« rief Halan. Sie durften nicht erfahren, was geschehen war. Wer wußte, wie sie in ihrem Zustand reagieren würden? Der Geruch von Alkohol kam näher als die Menschen selbst, die in sicherem Abstand stehenblieben und Halan anstarrten. Zumindest erkannten sie ihn als Engelsgeborenen, und die natürliche Scheu vor ihm konnte kein Bier der Welt vertreiben.
»Wir wollen den König!« rief jemand.
Halan konnte nicht beurteilen, wer der Wortführer war. Er antwortete nicht, wagte auch nicht, seine Arme sinken zu lassen, obwohl seine Schultern zu schmerzen begannen. Hinter sich hörte er Schritte, doch er drehte sich nicht um. An den Geräuschen war zu erkennen, daß sich endlich jemand um die verletzten Torwächter kümmerte.
»Halan!« Aralee also auch. »Kommst du bitte?«
Halan warf einen schnellen Blick über seine Schulter. »Ich halte das Tor!« rief er.
Aralee, die neben einem der Männer kniete, schüttelte den Kopf, stand auf und klopfte den Staub von ihren Hosen. »Daß muß nicht sein. Komm!«
Sie ging zu ihm hinüber, nahm ihn beim Arm und wollte ihn fortführen, weg vom Tor, zum Schloß hin. Halan riß sich los.
»Siehst du nicht?« Er zeigte auf die Leute. »Ich muß das Tor bewachen!«
»Das kannst du überhaupt nicht!« sagte Aralee scharf. »Halan, du wirst drinnen gebraucht! Dein Onkel braucht dich!«
»Aber die Leute da -«, versuchte Halan es noch einmal. »Das Fallgitter…«
»Halan, es ist egal, ob ein halbes Dutzend Narren durch den Park trampelt oder nicht, hörst du, völlig egal! Es kann kein größeres Unheil anrichten, als in dieser Nacht bereits geschehen ist.«
Mit kleinen, bestimmten Schritten und sanftem Druck bewegte sie ihn auf das Schloß zu. Ihre Hand stützte ihm mehr, als daß sie ihn schob. Plötzlich konnte Halan nicht mehr leugnen, daß sein Kopf mit hämmerndem Schmerz angefüllt war, seine Beine vor Erschöpfung nachzugeben drohten, ihren Weg nicht mehr von allein gefunden hätten.
»Die Bücher«, stammelte er. »Die Chronik ist im Unterkeller! Ich muß nachsehen, was zu tun ist!«
Er registrierte, daß Aralee ihn nicht zum Hauptportal, sondern zur seitlichen Pforte führte, und er war dankbar dafür.
»Die Grafen sind erzürnt«, sagte Aralee. »Sie nehmen ihre Schwäne und reisen ab, überzeugt, daß es keine Krönung mehr geben wird. Du kannst sie nicht aufhalten. Laibrin weiß nicht, ob er bleiben soll oder heimreisen und seinem König Bericht erstatten, aber da ich ihm ein Schlafmittel gegeben habe, wird sich seine Entscheidung bis morgen vertagen. Aber das ganze Schloß ist in Aufruhr. Es gehen die wildesten Gerüchte um, bis hin zu einer Geschichte, in der Korisanders Statue zum Leben erwacht, die Krone von Alexanders Kopf nimmt und davonfliegt.«
»Sie wissen von der Totenmagd«, murmelte Halan. »Anders hat es verraten. Wohin führst du mich?«
Aralee schob ihn in ein dunkles Zimmer, und bis sie die Lampe entzündet hatte, gelang es Halan nicht, sich zurechtzufinden. Dann erkannte er Aralees Zimmer, oder vermutete zumindest, daß dies Aralees Zimmer war, ein Ort, den er noch nie betreten hatte.
»Setz dich«, sagte sie und deutete auf einen seidenbezogenen Sessel. »Du bist zu erschöpft, um zu stehen.« Sie selbst schien noch wacher zu sein als sonst, und Halan fiel auf, daß sie sich hektischer bewegte, öfter blinzelte. Sie verschwand hinter einem Vorhang im Nebenzimmer. Der Sessel war weich, aber Halan lehnte sich nicht zurück, versuchte, der Müdigkeit zu widerstehen. Es gab zu viel zu tun, als daß er hätte schlafen dürfen.
Aralee kam zurück, einen Becher in der Hand. »Ich möchte, daß du das hier trinkst«, sagte sie. »Es ist kein Gift, das kann ich dir versprechen. Ich habe selbst davon getrunken. Es wird dich erfrischen und für die nächsten Stunden wachhalten.«
Halan fragte nicht, was es war. Er freute sich nicht einmal, daß ihm Aralee ihr geheimes Giftversteck offenbart hatte. Aber er vertraute ihr in diesem Moment, war zu müde, es nicht zu tun, und so nahm er den Becher und trank ihn ohne zu zögern leer. Es schmeckte unangenehm bitter, nicht wie eine Erfahrung, die man zweimal machen wollte, und es wirkte nicht. Weder ließen Halans Kopfschmerzen nach, noch verschwand die bleierne Müdigkeit aus seinem Körper. Er schüttelte sich.
»Anders hat sich in seinem Zimmer eingeschlossen«, sagte Aralee. »Er reagiert nicht, wenn man ihn ruft. Kannst du es versuchen?«
»Was soll ich tun? Die Tür aufbrechen? Bin ich Lorimander?«
»Wie du es anstellst, weiß ich nicht, aber Anders ist dort oben nicht sicher. Ich weiß nicht, was heute noch geschehen wird, aber die Stimmung kocht langsam über. Wenn alle Gerüchte zusammenlaufen, wenn sich die angestaute Spannung entlädt -«
Halans Kopfhaut kribbelte. Er widerstand dem Drang, sich zu kratzen, und zwinkerte. »Was meinst du?«
»Hier im Schloß leben allein dreihundertfünfzig Menschen, und die meisten von ihnen sind deiner Familie treu ergeben, vor allem aber lieben sie deinen Ahn Korisander von ganzem Herzen, wären bereit, für ihn zu sterben, oder zu töten. Wenn diese Menschen jetzt anfangen zu glauben, daß Anders gegen die Elomaran gefrevelt hat - wenn der Nilomar aufbräche, um das Schloß zu verschlingen, könnten die Unruhen nicht schlimmer sein.«
Halan schüttelte den Kopf. »Es ist doch alles wieder ruhig. Es wird keine Aufstände geben. Alle lieben Anders.«
Aralee blickte ihn reglos an, ihre Augen glitzernd und dunkel. »Warum sollten sie - wenn nicht einmal du ihn liebst?«
Halan erstarrte. Er wollte antworten. Aber ich liebe ihn doch! Es stimmte. Er wußte, daß es gelogen war. Er antwortete nicht.
»Hier im Schloß weiß jeder, wie er ist. Jeder kennt seine Wutanfälle. Du bist nicht der erste, den er grundlos verprügelt hat. Es waren schon zu viele Andere zur falschen Zeit am falschen Ort.«
»Aber -«, versuchte Halan sie zu unterbrechen, doch dann wußte er selbst nicht, wie er fortfahren sollte.
»Noch an diesem Tag, das kann ich dir prophezeien, wird es zum Ausbruch kommen. Viele haben wie wir die Nacht hindurch gewacht, viele, weil sie arbeiten mußten, andere, weil sie auf den König warteten, oder auf Korisander selbst. Einige haben sich enttäuscht schlafen gelegt, sie werden bald aufwachen, und wütend sein. Andere sind betrunken, wie die Leute auf der Straße. Hier gibt es niemanden, der nicht vom Verschwinden der Krone weiß. Und niemanden, der nicht glaubt zu wissen, was das bedeutet.«
»Aber die Krone wird bald gefunden sein!« sagte Halan. »Ich lasse Reiter nach Loringaril schicken, und dann -«
»Bist du so blind, Harold von Korisanders Blute?« fragte Aralee spöttisch. »Kennst du nur das, was in Büchern steht, und weißt nicht, wie das Volk auf der Straße denkt? Es war damals das Volk, das Korisanders Sohn zu seinem König machte, König nicht von göttlicher Gnade, sondern der des Volkes, und ebenso hat das Volk die Macht, jeden König, und sei er zehnmal der Sohn eines Engels, seines Throns zu entheben. Du kennst die Prophezeiung nicht? Niemand hat sie jemals aufgeschrieben, denn es war noch niemals nötig, verstehst du? Dort draußen kann kaum jemand lesen - ihr seid die Hüter der Weisheit, und ihr hütet sie gut. Willst du die Worte hören?«
Halan nickte. Sein Kopf war jetzt wieder völlig klar, wach und klar und bereit, die ganze Welt in sich aufzunehmen.
»Sie ist nur kurz«, sagte Aralee. »Wenn Korisanders Kinder die Krone verlieren, gehört sie dem, der sie findet. Das nennt man Engelsurteil.«
Einen Moment starrte Halan sie an, versuchte, ihre Worte nicht zu verstehen, nicht zu glauben. Aber er verstand sie nur zu gut, und er wußte, daß es stimmte. Wenn auch nur ein unbescholtener Bauernbursche morgens aus seinem Haus trat und die Krone Korisanders draußen in einem Ginsterbusch fand, und sie an sich nahm, um sie sicher zu ihrem rechtmäßigen Träger zu bringen, so würde man, sobald er das Schloß betrat, ihn selbst krönen. Niemand als Anders durfte die Krone finden, schnell, bevor jemand anderes, vielleicht der Dieb selbst, mit ihr entkam. Einen kurzen Moment lang hatte Halan die schreckliche Vision von Ember von Valon auf dem Engelsthron, die Krone auf seinem Haupt, und zitterte. Was hatte Aralee ihm da eingeflößt? Natürlich waren seine Gedanken klar, und sie schossen pfeilschnell durch seinen Kopf, aber sie waren… irgendwie falsch, nicht so wie er normalerweise gedacht hätte.
Er trat an das Fenster und streckte seinen Kopf hinaus, um frische Luft zu schnappen. Unter ihm lag der Burghof, und über ihm -
»Du und mein Vater, ihr habt euch geliebt, nicht wahr?« fragte er abrupt und wußte selbst erst einen Moment später, warum er ausgerechnet jetzt ausgerechnet das fragte.
Aralee reagierte verärgert. »Das spielt jetzt wirklich keine Rolle!«
»Wenn es keine Rolle spielt, kannst du es mir ja auch sagen!«
»Worauf willst du hinaus?« fragte Aralee.
»Gib es endlich zu!«
»Wenn es dich glücklich macht - ja, ich habe ihn geliebt!«
Halan dachte überhaupt nicht daran, aufzuatmen. »Aber das bedeutet - ihr mußtet diskret sein. Es durfte niemandem auffallen, wenn du nachts zu ihm gegangen bist.« Aralee hörte sich alles sprachlos an. »Wie du schon sagst - alle Diener erzählen Geschichten, und wenn auch nur eine von deinen Frauen etwas geahnt hätte… Wo ist die Treppe? Im Nebenzimmer? Oder hinter dieser Wand?«
»Was meinst du?« fragte Aralee leise.
»Dein Zimmer liegt genau unter dem des Königs, in dem jetzt Anders ist. Du mußt eine geheime Treppe benutzt haben. Ich muß zu Anders. Also - wo ist die Treppe?« Halan wußte, daß auf jeden bekannten Raum des Hauses mindestens einer, wenn nicht sogar zwei, kam, der auf keiner Karte erzeichnet war. Keine zwei Flure waren wirklich auf einer Höhe, und wenn man das Schloß von außen betrachtete, hatte es mehr Räume als innen. Es mußte eine geheime Treppe geben!
»Sie muß aber geheim bleiben«, sagte Aralee. Sie war erschrocken. Jetzt konnte sie Halan nicht mehr einordnen. Sie ging zum Fenster hinüber, bewegte, wenn er es richtig erkennen konnte, ein Paneel, und mit einem leisen, gut geölten Knirschen, glitt die Wand an der anderen Seite des Raumes auf. Dahinter gähnte Finsternis.
Es dauerte einen Moment, bis Halans Augen die schmale Treppe erkannten, die sich in der Dunkelheit steil nach oben wand. Er nickte und stand auf.
»Warte«, sagte Aralee. »Eines noch.« Halan, schon halb in der finsteren Öffnung, stockte und zog den Kopf zurück. »Ich habe deinen Vater geliebt, Halan, wirklich und wahrhaftig, seit dem allerersten Tag, an dem er nur das Kind, das ich war, gesehen hat. Von ganzem Herzen habe ich ihn geliebt - nenn mir auch nur einen Grund, warum ich ihn dann hätte umbringen sollen?«
Halan wußte hierauf keine Antwort. So weit waren seine Gedanken nie gegangen; nach dem Warum hatte er nie gefragt, und es interessierte ihn auch nicht. Aber das wollte er jetzt nicht sagen. Er war dankbar für Aralees Antwort. So zuckte er nur die Schultern und stieg die Treppe hinauf.

Obwohl seine Augen, die sonst im Dunkel fast ebensogut sehen konnten wie im Licht, mit einem Mal große Probleme hatten, sich zurechtzufinden, war der geheime Schnappmechanismus von dieser Seite aus leicht zu durchschauen. Als Halan seine Finger über die Innenseite der Tür gleiten ließ, fand er den Riegel sofort und hatte ihn im nächsten Moment gelöst. Die Tür glitt zur Seite. Ihm schlug ein allzu vertrauter Geruch nach Zedernholz entgegen, und er begriff, warum er noch nie zuvor von dieser Geheimtreppe gehört hatte. Wer sich bis zum hintersten Ende der Kleiderkammer durchgearbeitet hatte, dessen Sinne waren von all den wunderschönen Gewändern so verwirrt, daß er außerstande war, so etwas subtiles wie eine Geheimtür zu entdecken. Halan kämpfte sich, von seltsamer Ungeduld beseelt, aus der Kleiderkammer hinaus. Ärmel schienen nach ihm zu greifen, ihn festzuhalten, und als Halan nach Luft schnappte, war sie zu dünn zum Atmen. Aber er wußte, daß nichts davon Wirklichkeit sein konnte, nur Einbildung, hervorgerufen durch Aralees Trank.
Im Zimmer des Königs - daß es jetzt Anders’ sein sollte, konnte Halan nicht so recht glauben - war es hell wie der Tag draußen. Anders hatte zwar seine Zimmertür mit jedem nur erdenklichen Riegel versperrt, doch nicht einmal die Vorhänge zugezogen, geschweige denn einen hölzernen Laden vor dem großen Fenster angebracht. Er lag in seinem Bett, auf der Seite zusammengerollt, daß es enger nicht ging, die Arme um die Beine geschlungen, und schlief. Das Schwanengewand hatte er ausgezogen, aber es war nirgendwo zu sehen. Anders trug immer noch die selben Untergewänder wie am vergangenen Morgen. Halan haßte es, ihn jetzt wecken zu müssen, ihm den letzten Moment Frieden, der ihm vielleicht noch blieb, zu nehmen. Aber es ging nicht anders.
Vorsichtig streckte Halan die Hand aus, berührte den Jungen an der Schulter. »Anders… Alexander… du mußt aufstehen!«
Anders rührte sich. Erst drehte er sich nur im Schlaf, dann spannten sich die Muskeln unter Halans Hand an, kam Leben in den Körper. Hastig und erschrocken riß Anders den Kopf hoch, aber auch Halan erschrak, als er in das Gesicht seines Onkels blickte, das Gesicht des rechtmäßigen Königs. Tränen hatten die Überreste der Schminke teils fortgewaschen, teils verschmiert, teils tiefe Kanäle in das eingetrocknete Silber gegraben; die Haut darunter glänzte, wie ein See unter treibenden Eisschollen. Aber das Schlimmste waren Anders’ Augen. Die Wut war aus ihnen verschwunden, und mit ihr, wie es schien, alles Leben, alles, was Alexander war.
»Was - wie kommst du hierher?« fragte Anders entgeistert.
»Durch die Kleiderkammer. Dahinter ist eine Geheimtreppe. Aber komm jetzt. Ich kann es dir später erklären. Wir müssen… fort.«
Das Schreckliche an diesem Moment war nicht, das sagen zu müssen - sondern daß Anders nicht einmal widersprach.
Er schrie nicht herum, stellt keine Fragen, rappelte sich nur mit fahrigen, völlig übermüdeten Bewegungen auf und schlurfte zur Kleiderkammer hinüber.
»Warte!« sagte Halan. Auf dem Waschtisch hinter dem Vorhang stand noch ein Krug mit kaltem Wasser. Um frisches zu schicken wäre zu riskant gewesen… aber es mußte auch so gehen. Anders schüttelte sich, als Halan ihm das Gesicht mit einem kalten Lappen abrieb, bis fast nichts mehr von der Schminke zu sehen war, doch er leistete keinen Widerstand. Danach wirkte er zumindest ein wenig frischer, aber kein bißchen glücklicher. Wenn er zumindest zornig geworden wäre! Doch es schien, als sei sein Wille gebrochen. Halan mußte ihm frische Kleider und ein Obergewand heraussuchen und ihm beim Anziehen helfen.
»Aralee wird dir gleich etwas geben, daß dich wach macht«, versuchte Halan Anders aufzumuntern. »Den rechten Arm hoch. Gut so. Sie bereitet alles vor, damit wir das Schloß problemlos verlassen können. Und in ein paar Tagen, wenn sich die Aufregung etwas gelegt hat -«
»Sei still«, murmelte Anders. »Du redest doch sonst auch nicht ununterbrochen! Deine Versuche kannst du dir sparen. Es hat doch alles keinen Sinn mehr. Wir können uns genausogut umbringen. Geht schneller.« Seine Stimme klang dumpf und tonlos.
»Was?« fragte Halan und ließ entgeistert eine Sandale fallen.
»Würdevoll, natürlich. Nicht aus dem Fenster springen. Gift, oder so. Aralee hat doch bestimmt welches.«
Halan schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht, das von den Scheuerversuchen noch gerötet war. »Hör auf damit!«
Anders starrte ihn nur reglos und trübsinnig an. »Du weißt so gut wie ich, wo die Krone ist, und daß wir sie nicht wiederfinden.«
»Die Loringarim haben sie gestohlen«, erwiderte Halan. »Wenn wir uns beeilen, können wir sie noch ein- und zurückholen.«
Anders schüttelte den Kopf, rührte sich aber sonst nicht, machte nicht einmal Anstalten, seine linke Sandale, die direkt neben seinem Fuß lag, anzuziehen. »Du weißt es besser, wenn sogar ich es weiß. Alle wissen es besser. Korisander hat seine Krone zurückgeholt, weil wir sie nicht länger verdienen. Ich verdiene sie nicht. Niemand sonst kann sie genommen haben.«
»Es gibt viele Möglichkeiten«, wandte Halan ein. »Die Loringarim -«
»- waren ständig unter meiner Aufsicht. Ember ist der einzige von ihnen, der den nötigen Verstand hat, und er kann es nicht gewesen sein. Niemand kann es gewesen sein.«
Endlich gelang es Halan, seinem Onkel auch die andere Sandale anzuziehen und ihn die Geheimtreppe hinunterzuführen. Er wagte es nicht, ihn loszulassen, aus Angst, Anders könne straucheln und fallen. Aralee war nicht in ihrem Zimmer, aber sie kam schnell wieder zurück.
»Das Schloß erwacht«, sagte sie. »Noch wird nur geflüstert, doch es scharen sich immer größere Gruppen um die Störenfriede.«
»Anders kann zu ihnen sprechen«, meinte Halan und wußte beim Anblick von Anders, der reglos und zusammengesunken in Aralees Sessel saß, daß er genau das nicht konnte.
Aralee schüttelte den Kopf. Ihre Finger waren nervös verknotet. »Ihr müßt fort, die Krone zurückbringen. Aber noch soll es niemand erfahren. Ihr wißt, daß es hier einen Fluchttunnel gibt?«
Halan widersprach ihr energisch. »Das ist unmöglich! Kein Engelsgeborener würde jemals an Flucht denken!«
»Und nicht einmal Korisander, der Allerweiseste unter den Engelsgeborenen, würde einen Weg ersinnen, um im Fall einer feindlichen Belagerung die harmlosen zivilen Schloßbewohner in Sicherheit zu bringen?« fragte Aralee spöttisch. »Oder weißt du nicht, daß Flucht sehr viel weiser sein kann als sinnloses Kämpfen?«
Halan antwortete nicht. Anders zuckte die Schultern. Dann begann er, sich unter Zuhilfenahme seiner Zähne die Handschuhe von den Fingern zu zerren. Blut quoll hervor, als die Verkrustungen wieder aufbrachen. Anders blickte auf seine Hände, und lächelte.
»Korisander hat es die ganze Zeit über gewußt«, sagte er ruhig, mit einem zufriedenen Beiklang, der Halan Schauer über den Rücken jagte.
»Für Spielereien ist jetzt keine Zeit«, herrschte Aralee ihn an. »Zieh dir deine Handschuhe wieder über! Und trink das!«
Halan kannte den Kelch, den sie nun ihrem Sohn reichte. Auch wenn er die Wirkung an sich selbst sehr viel später bemerkt hatte, dauerte es nicht lange, bis sichtbar Leben in Anders kam. Er stand auf und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen, während Aralee versuchte, ihnen den Ablauf der geplanten Flucht zu erklären. Kurz darauf begann er auch schon, seiner Mutter ins Wort zu fallen. Halan atmete erleichtert auf. Aber er wollte nicht wissen, wann die Wirkung der Kräuter verflog, und ob dann die Erschöpfung kam und ihren Teil zweifach forderte. Noch war der Tag jung.
»Wir brauchen zwei Diener, die loyal hinter uns stehen«, sagte Anders. »Und eine schnelle Kutsche, aber eine unauffällige. Du kannst schon anfangen, meine Sachen zusammenzupacken. Ich brauche keinen Fluchttunnel -«
»Keine Diener«, sagte Aralee gleichzeitig. »Zwei gute Pferde, wenn wir einen Weg finden, sie zum Tunnel zu bekommen. Und schlichte Kleidung, die zum Reiten geeignet ist.« Ihre Stimme klang laut und schrill beim Versuch, Anders zu übertönen.
Halan ließ sie streiten. Er hatte Besseres zu tun, als hier über Kutschen und Fluchttunnel zu diskutieren, vor allem, da er sich für das eine nicht interessierte und über das andere nicht genug wußte. Als er aufstand und Aralees Zimmer verließ, um Gänge und Treppen hinunter in den Keller zu hasten, schoß ihm durch den Kopf, wie bemerkenswert gut sich Aralee doch mit en verborgenen Teilen des Schlosses auskannte.
Sein Ziel war der Unterkeller, dieses verwirrende, in den Stein unter dem Schloß gehauene Netz von Gängen und Kammern, in das man die Bibliothek ausquartiert hatte. Dort war er noch nie gewesen, aber in diesem Moment machte er sich keine Gedanken darüber, daß er sich verlaufen konnte. Je weiter er sich von Alexander entfernte, desto mehr verloren die Dinge an Bedeutung.
Eine Fackel in der Hand, stieg er die Kellertreppe hinunter. Fast träumerisch bog er auf der nächsten Ebene in einen Gang ein, als ihm einfiel, daß er noch viel tiefer hinunter mußte. Wie viele Keller hatte das Schloß eigentlich? Halan begann, von Stufe zu Stufe zu hüpfen beim Versuch, sie zu aufzuzählen: Keller, Eiskeller, Unterkeller, Verlies… Oder war nicht doch der Eiskeller ganz unten? Halan ertappte sich dabei, daß er stehenblieb und nachdachte, über eine Sache, die völlig bedeutungslos war. Plötzlich wollte er hinabsteigen bis in die unterste Tiefe, bis in den Nilomar, wollte diesem Schloß alle Geheimnisse, die es in den letzten Jahrhunderten bergen gelernt hatte, entreißen… Hier unten konnte man sich auch verstecken, konnte alle Unruhen und Aufstände abwarten und dann, wenn sich alles wieder gelegt hatte, zurück ans Tageslicht treten… Hier unten waren die Bücher. Darauf kam es an.
Halan hatte erwartet, daß noch eine lange, aufregende Suche vor ihm lag und war fast enttäuscht, auf der zweiten Unterebene noch von der Treppe aus auf eine Tür zu leuchten, auf die, in Kreide nur, aber mit schönen, geschwungenen Buchstaben, die von seinem Vater oder Anders stammen mußten, geschrieben stand: Bibliothek (Lager). Sie war nicht verschlossen. Halans Herz hämmerte, das Blut rauchte vor Aufregung und seltsamen Tatendrang durch seine Ohren, als er den Raum betrat. Ein Geruch nach Moder und altem Leder, nach Pergament und Papier, ein Geruch uralten Wissens schlug ihm entgegen und trieb ihm die Tränen in die Augen. Alle Vorgänge des vergangenen Tages hatte er würdevoll und mit Fassung getragen, aber nun fühlte er, wie ein befreiendes Schluchzen in ihm aufstieg. Hier waren die Bücher, ungeordnet in die Regale geräumt, aber unversehrt, ein Teil noch in hölzernen Kisten verstaut - dort war der Ständer mit den Landkarten… Mit der Fackel wanderte Halan ehrfürchtig an den Reihen vorbei, las im flackernden Licht die in Goldschrift in die Rücken geprägten Titel, und fühlte das Glück. Für den Tod seines Vaters war er nach Koristir zurückgekommen, aber erst jetzt war er heimgekehrt.
Jegliches Zeitgefühl verlor sich zwischen Reihen von Büchern. Halan legte die Fackel nicht aus der Hand, sah nicht nach, ob er sie vielleicht in eine Wandhalterung stecken konnte - die Bücher blieben an ihren Plätzen stehen, es reichte Halan, daß sie dawaren, daß er sie wiedererkannte und sich ihres Inhalts erinnerte. Zwischen den Büchern war es egal, wie alt er war, welches Jahr, welches Jahrzehnt draußen herrschte. Die Bücher brachten ihre eigene Zeit mit sich, bargen sie, ließen jeden daran teilhaben, der es wagte, sich dorthin zu bewegen. Hier waren die zahllosen Bände der Chronik, hier waren Abschriften aller Bücher, die es gab - bis auf zwei - eine, die Halan nicht hatte fertig stellen können, und natürlich Tolimanders Buch, das Buch der Gerechtigkeit, das Buch, das einzigartig bleiben mußte, gehütet von Tolimanders Erben… Gerechtigkeit…
Plötzlich fiel Halan ein, welcher Tag es war, warum er und die Bücher hier unten waren. Als wäre dies seine eigene Chronik, lief der vergangene Tag von Halans Augen ab, als geschehe alles noch einmal. Nur, daß Halan diesmal schon wußte, was kommen würde.
Warum war es niemandem aufgefallen? Halan riß das Buch der Weissagungen und die Landkarte, für die er heruntergekommen war, an sich und stürmte, ohne auch nur einen Gedanken an die Dienerschaft, seine Würde und den Anblick, den er bieten mochte, zu verlieren, die Treppen hinauf. Die Augen der Portraits in den Gängen folgten ihm vorwurfsvoll, fragten Warum hast du das nicht gemerkt? Hastig und ohne anzuhalten rannte Halan, fand den Weg, ohne daran zu denken, daß er nur ein Fremder war in diesen Mauern. Buch und Karte unter dem Arm, die in zwischen verloschene Fackel noch immer in der Hand, barst er in Aralees Zimmer. Es war verlassen. Aber jetzt wußte er, wie die Geheimtür zu öffnen war.

Wie lang dieser Tunnel war, konnte Halan unmöglich sagen, weder, was vor ihnen lag, noch, wieviel sie noch zurückzulegen hatten. Da sie sich nur auf Knien fortbewegen konnten, wurde jeder Fuß des Weges zu einem Kampf. Halan fühlte den kalten, feuchten Boden unter seinen Händen, und seine Beine waren klamm und taub, schmerzten nicht länger von den unebenen Steinen, gegen die er stieß. Die Luft roch lehmig. Halan fror. Die Müdigkeit kehrte langsam zurück.
Wie alt mochte dieser Tunnel sein? Warum hatte Aralee ihn entdeckt, aber niemand vor ihr?
»Kannst du nicht schneller?« bellte Anders hinter ihm und stieß ihm in die Beine. »Willst du, daß sie deinetwegen entkommen?«
Halan antwortete nicht. Er schob sich vorwärts, hoffte, daß der Gang bald ein Ende finden und sich zumindest wieder verbreitern würde. Mehrmals war er schon mit dem Kopf gegen die Tunneldecke gestoßen.
Wieder fühlte er einen Schlag gegen seine Unterschenkel. Wieder kroch er weiter, als ob nichts sei. Es war das einzige, was er tun konnte. Halan war noch nie auf Streit mit Anders ausgewesen, und ausgerechnet hier unten, im Finsteren, damit anzufangen, wäre der helle Wahnsinn gewesen.
»Ich habe gesagt, schneller! Glaubst du vielleicht, ich will den Rest meines Lebens hier unten verbringen? Beeil dich!« Noch ein Schlag. Wenn es das nächste Mal passierte, beschloß Halan, würde er dem Jungen zeigen, wo seine Grenzen waren. Er würde nach hinten austreten.
Aber Anders drängte weiter, und Halan kroch weiter, langsam und gleichmäßig, ohne eine Pause zu machen um nach weiteren hervorstehenden Wurzeln in der Decke zu tasten. Gegen eine war er bereits gestoßen, das war ein gutes Zeichen - es bedeutete, daß sie nicht mehr so tief unter der Erde waren, und bald schon unter dem Wald, und daß dieser Gang ein Ende nehmen würde. Doch Halans Arme wurden schwer und seine Beine müde; eine Unterbrechung hätte bedeutet, alle Kraft endgültig zu verlieren. Das, was der Trank ihm geborgt hatte, forderte er nun zurück. Sie mußten den Ausgang erreichen, bevor die Wirkung auch bei Anders nachließ.
Hinter ihm keuchte Anders. »Jetzt mach schneller, die Luft wird schon ganz dünn! Wenn du dich nicht beeilst, wird sie gleich ausgehen, und wir müssen ersticken!« Seine Stimme war höher als gewöhnlich, schriller, nicht ängstlich, aber erfüllt von Panik. Der nächste Schlag war heftiger.
Halan war dankbar für die Dunkelheit, die sie verbarg, auch vor ihren eigenen Augen. Er hätte es nicht ertragen, sie hier zu sehen, auf den Knien im Dreck. Ihre Fackel hatten sie löschen und zurücklasen müssen, als die Decke so niedrig wurde, daß sie gezwungen waren zu kriechen. Durch den Stein, durch den Lehm… wohin führte dieser Gang? Halan konnte nicht sagen, wo sie waren, ob sie auf- oder abwärts krochen. Vielleicht würde sich gleich der Nilomar wie ein großes Loch unter ihnen auftun und sie verschlingen, ganz ohne Totenmagd und Zeremonie… Doch sein Verstand sagte Halan, daß sie sich langsam aber sicher dem Ende des Tunnels näherten, daß die Luft weniger nach Lehm roch las mehr nach Erde, fruchtbarer Erde, die lebte und in der Dinge lebten. Er war froh, auch sie nicht sehen zu können.
Hinter ihm heulte Anders auf. »Wenn du dich schon nicht rührst, dann laß zumindest mich vorbei, damit wenigstens einer von uns den Ausgang findet!«
Wieder dachte Halan daran, ihn zu treten, und wieder ließ er es sein. Sie waren gerade dabei, einem Tumult unbeschadet zu entkommen. Da mußten sie nicht den Aufrührern die Arbeit abnehmen und sich gegenseitig verletzten. Zumindest einer von ihnen sollte die Ruhe bewahren.
Der Gang war zuende. Halan stieß so abrupt gegen eine Wand, daß er Anders nicht mehr rechtzeitig Bescheid geben konnte und der Junge ihn fast umrempelte.
»Paß doch auf!« rief Anders. »Was ist los?«
Vorsichtig richtete Halan sich auf. An seinem Ende war der Gang wieder höher. Eingetrocknetes Erdreich rieselte Halan ins Gesicht, als er nach einem Ausstieg tastete. Eine Luke versperrte die Öffnung und verhinderte, daß irgend eine Form von Licht den an erhellt hätte. Halan fühlte grob bearbeitetes Holz und stemmte sich dagegen. Aber wenn sich auch der geheime Einstieg im Schloßkeller so leicht hatte öffnen lassen, als würde der Tunnel noch tagein, tagaus benutzt, verhielt es sich an seinem fernen Ende vollkommen anders. Die Klappe klemmte.
»Hilf mir!« preßte Halan, dem schwindelig war von all dem Blut, das die Anstrengung in seinen Kopf drückte und der nicht wußte, wie ihn seine knie nach dieser schmerzhaften Kriechtour jemals wieder tragen sollten, hervor. »Bitte«, fügte er hinzu.
Im nächsten Moment traf ihn ein Schlag von hinten, so daß ihm die Luft wegblieb und er gegen die Wand gedrückt wurde. Anders war aufgesprungen und versuchte nun mit aller Kraft - und er schien viel davon übrig zu haben - die Klappe aufzudrücken. Immer wieder stieß er sich vom Boden ab, schlug die Handflächen gegen das Hindernis, als berste er vor Wut.
»Geh auf!« schrie er. »Geh auf! Geh auf!«
»Warte!« Halan mußte er dreimal wiederholen, ehe Anders ihn hörte, reagierte und innehielt. »Es muß einen Riegel oder so etwas geben, auf unserer Seite. Der Fluchttunnel darf keine einfache Möglichkeit sein, um ins Schloß zu gelangen.«
»Einfach ganz sicher nicht«, zischte Anders. »Und konntest du das nicht früher sagen?«
Gegen seinen Willen mußte Halan lachen, als er sich vorstellte, wie es wohl aussah - Anders, der wie von Sinnen unter der versperrten Luke auf und ab hüpfte. »Korisander ist auch dein Vorfahr«, meinte er trocken. »Du hättest vor mir auf die Idee kommen können, Alexander von Korisanders Blute.«
Dies zu sagen war definitiv ein Fehler. Halan hörte noch, wie Anders tief Luft holte. Einen Moment lang herrschte Stille. Noch einen. Einen dritten. Halan hielt selbst den Atem an in Erwartung eines Wutausbruchs, von Schlägen, Schmerzen. Dann, endlich, atmete Anders wieder aus und sagte mit ruhiger Stimme: »Wenn ich eine Waffe hätte, wärst du jetzt tot, Halan. Aber du hast Recht.«
»Was?« Halan verschluckte sich vor Erstaunen.
»Du hast Recht.« Anders Stimme war tonlos. »Es sollte einen Riegel geben, aber ich finde keinen. Wir sitzen hier unten fest, ohne Wasser, Luft, etwas zu essen, Licht, und zum zurückkriechen bist du zu müde, und ich würde auch nur die Hälfte des Weges schaffen, und wir sind hier unten eingesperrt und können uns nicht rühren, und Lorimander sucht mit meiner Krone das Weite, und ich sterbe fast vor Angst.« Danach herrschte Schweigen.
Halan richtete sich wieder auf und begann, nach einem Schloß oder Riegel zu tasten. Aber vielleicht war die Klappe gar nicht verriegelt. Vielleicht lastete ein Gewicht auf ihr, ein umgestürzter Baum…
»Ich habe keine Angst«, sagte er leise.
»Das macht keinen Unterschied. Du bist müde, das ist nicht viel besser. Nicht für mich. Ich kann beides nicht brauchen.«
»Warten wir einfach«, schlug Halan vor. »Versuchen wir, etwas zu schlafen. Aralee sagte, sie weiß, wo der Tunnel endet. Wenn sie mit unseren Sachen kommt, kann sie uns helfen.«
»Seit wann vertraust du Aralee so sehr? Eben noch war sie es, die mir die Krone gestohlen und uns alle vergiften wollte, und jetzt… Warum deutest du nicht an, daß sie uns eine Falle gestellt hast? Daß es keine Anzeichen für einen Aufstand gab, außer in ihren Schilderungen? Daß erst Koris stirbt, dann die Krone verschwindet, dann wir, und sie endlich am Ziel ist, die Herrschaft über das Schloß erlangt hat? Du sagtest selbst, daß sie die Krone hätte nehmen können.«
»Anders, sie ist deine Mutter!«
»Und? War sie das vorgestern nicht, als du sie beschuldigt hast? Du hattest Recht, Halan. Ich hasse es, das zugeben zu müssen, aber du hattest Recht. Wir sind verloren. Wir werden hier unten sterben, ganz allein und im Dunkeln.«
Halan hörte auf, nach dem Riegel zu suchen. Er kniete sich hin, tastete im Dunkeln nach seinem Onkel und schloß ihn in die Arme, weil er wußte, daß Anders jetzt Trost brauchen konnte. Im Dunkeln fühlte er Anders’ Wärme, roch Steinstaub und Schweiß. Ohne Parfum, ohne Puder und Schminke roch Anders verletzlich, verletzlicher als seine Stimme verraten konnte, menschlicher. Erst sperrte er sich gegen die Umarmung, dann ließ er seinen Kopf gegen Halans Schulter sinken. Halan klopfte ihm vorsichtig auf den Rücken - sein Vater hatte das früher immer getan, und als Empath sollte schließlich wissen, was man in solchen Situationen machte.
»Was machen wir jetzt nur?« fragte Anders leise. »Was machen wir jetzt nur? Was machen wir -«
Halan antwortete nicht. Er antwortete ruhig und bemühte sich, nichts von seiner Angst, seiner Beklommenheit auf den Jungen abfärben zu lassen. Wenn Anders keine Angst mehr hatte, konnten sie immer noch einen Weg hinaus finden.
»Ich würde das so gerne glauben«, flüsterte Anders. »Ich will, daß Lorimander und seine Sippschaft meine Krone haben und ich sie ihnen einfach wieder abnehmen kann. Aber es ist doch zuviel passiert… Ich weiß, warum Korisander sich die Krone zurückgeholt hat.«
Halan merkte, wie es um ihn kälter wurde. »Wegen der Totenmagd? Und weil ich das Auge von… deinem Bruder… aufgemacht habe?«
An seiner Schulter schüttelte Anders den Kopf. »Nein, es war - es war wegen mir, weil ich -«
Hin und her - trotz der Dunkelheit, trotz der Kälte, trotz der bleiernen Müdigkeit arbeitete Halans Verstand schneller, als er sich selbst folgen konnte. Hin und her… plötzlich begriff Halan, woran ihn diese Kopfbewegung erinnerte. Sie waren gerettet.
»Es ist eine Schiebetür!« rief er. »Man kann sie nicht aufstemmen! Aber sie läßt sich zur Seite schieben!«
Mit vor Aufregung zitternden Händen drückte er vorsichtig gegen die Luke und versuchte, sie erst zu der einen, dann zu der anderen Seite zu schieben. Sie kratzte und hakte, aber dann glitt sie in eine verborgene Höhlung.
»Das hast du gut gemacht«, sagte Anders. Aber er klang nicht so, als ob er besonders glücklich dabei war.
Tageslicht ertränkte die beiden.

Bis sich ihre Augen an die ungewohnte Helligkeit gewöhnt hatten, verging ein Moment. Dann realisierten sie, daß sie in einem Loch standen, dessen Rand sie mit ausgestreckten Armen gerade eben erreichen konnten. Sie halfen sich gegenseitig hinaus, nachdem die erste Lähmung abgeklungen war. Halan hob Anders hoch, so daß er sich über die Kante hinaushieven konnte, und ließ sich dann selbst von ihm in die Höhe ziehen. In Anders’ jungen Armen steckte nicht viel Kraft, wie Halan hatte er niemals arbeiten müssen, aber sein Griff war fest, zäh und verbissen. Es war nicht Anders’ Schwäche, sondern Halans Erschöpfung, die ihn straucheln ließ und mehrmals abzurutschen, als er versuchte, mit seinen Füßen Halt an der Wand zu finden.
Um sie herum stand ein Turm - nur um sie herum, nicht über ihnen, denn das Gebäude, aus grob behauenem Stein vor etlichen Jahren errichtet, war lange schon eingestürzt. Halan kannte die Ruine - er war noch nie hier gewesen, aber man fand sie auf den Landkarten, und in der Chronik stand darüber geschrieben. Hier war einst ein Schloß, eine Burg, vor tausend Jahren, noch bevor die Elomaran in die Welt kamen. Hereingewehtes Laub bedeckte den Fußboden, und oben in der Wand wuchs eine junge Birke, durch deren Blätter das Licht fiel. Irgendwo sang ein Vogel. Die Steine waren feucht. Es mußte geregnet haben.
»Mach die Klappe wieder zu«, sagte Anders. »So, daß niemand sie findet.«
Als er sich bemühte, diesem Befehl folge zu leisten, konnte Halan nicht umhin, die Kunstfertigkeit zu bewundern, mit der man versucht hatte, diesen Einstieg, der nur ein Ausstieg sein durfte, zu verbergen. Der Boden, unter dem Dreck und Laub, bestand aus Steinfliesen, und die hölzerne Klappe war auf ihrer Oberseite mit grauem Lehm bedeckt, paßte sich so glatt ein, als sie einmal geschlossen war, daß ein scharfes Auge vielleicht die Fugen erkannt hätte, die wie gewöhnliche Rillen im Boden aussahen, aber keine Möglichkeit, die Luke zu öffnen. Es ging einfach nicht. Nachdem sie einmal wieder an ihrem Platz war, konnte man nach allen Richtungen dagegen drücken - sie rührte sich nicht. Halan setzte sich auf, lehnte sich an die Wand und schloß die Augen. Warten, auf Aralee, auf die Pferde, Gepäck, Nachricht aus dem Schloß. Er fühlte, daß Anders ihn beobachtete, aber es war ihm gleich.
Einen Moment fragte er sich, ob vielleicht Aralee, diese gewöhnliche, menschgeborene Frau, nicht die gescheiteste von ihnen allen war. Diese ganze Flucht - ihre Idee. Der Fluchttunnel… Laibrin, der allein in seine Heimat zurückkehrte, den Aralee aber zumindest ein Stück des Weges weit begleiten würde… alles paßte so perfekt zusammen. Halan wäre niemals auf diese Idee gekommen. Ohne Aralee würde er sich vielleicht immer noch den Kopf darüber zermartern, wie sie die Pferde erst in den Keller hinunter und dann durch den Tunnel bekommen sollten… Und über diesen Gedanken, obwohl um ihn herum alles kalt und feucht war, schlief Halan ein.
Was ihn weckte, waren Stimmen, und er wußte, daß er nicht lange geschlafen hatte, zumindest nicht lange genug.
»Alexander, ich stehe tief in Eurer Schuld«, sagte Laibrin gerade.
»Spart Euch das Gerede«, knurrte Anders. »Reitet Eures Weges, kommt gut nach Hause und vergeßt, daß Ihr jemals Euren Kopf für dieses Nagetier hingehalten habt.«
Halan schlug die Augen auf. Aralee und Laibrin zu Pferd, zwei Packpferde dabei, völlig unverdächtig, um aus einem Schloß, in dem gerade ein Aufstand ausbrach, fortzureiten. Nur, daß das Gepäck auf den Pferden nicht dem Botschafter gehörte…
»Aber ich habe mit meine Ehre für ihn gebürgt, und er hat Eure Krone -«
Anders sprang von dem Mauersitz hinunter, auf dem er mit angewinkelten Beinen gehockt hatte. Er schien noch wach zu sein, zumindest wach genug, um Laibrin anzuschreien. »Seid still! Ember ist das nicht wert! Er ist ein schleimiger Kriecher, aber er hat weder Selmar erschlagen, noch meine Krone gestohlen. Dieser armselige Wicht glaubte, daß er ein Spion war. In Wirklichkeit war er doch nur ein Lockvogel.« Er machte eine kurze Pause, als überlege er, ob er das Nächste erzählen sollte oder besser nicht. Dann fuhr er, mit ruhigerer Stimme, fort: »Halan hat sie durchschaut. Wißt ihr, wen die Loringarim zum Stehlen geschickt haben?«
Mit müdem, immer noch von Entsetzen gezeichneten Gesicht, aus dem kein Trank von Aralee das Geschehene und Gesehene auslöschen konnte, schüttelte der Indiradrim den Kopf. »Was war mit den beiden Frauen?« fragte er.
Anders schüttelte den Kopf. »Unwichtig. Bei ihrer Flucht haben sie die zwei sogar zurückgelassen, vielleicht als ein verunglücktes Krönungsgeschenk für mich, aber ich habe keine Verwendung für sie. Nein, sie hatten einen Diener dabei, einen von diesen unscheinbaren, unsichtbaren Männern. Nachdem er einmal im Schloß war, hat ihn niemand mehr gesehen, oder zumindest nicht mehr auf ihn geachtet. Aber Halan hat ein gutes Gedächtnis, und er hat den Kerl wiedererkannt. Erstaunt euch das?«
Laibrin schüttelte den Kopf. Aber wie sollte er sich nach so einer Nacht noch über irgend etwas wundern?
»Seinen wirklichen Namen kennen wir nicht«, fuhr Alexander im Plauderton fort. »Aber er ist kein Unbekannter für uns. Er stand vor Jahren in unseren Diensten, bis er eines Diebstahls beschuldigt wurde und verschwand, ehe die Angelegenheit geklärt werden konnte. Es heißt, er habe das Land verlassen. Aber ich nehme an, ihr kennt ihn besser als ich?«
»Wie kommst du darauf?« fragte Aralee, während Laibrin nur geradeaus, an Anders vorbei, starrte.
»Er weiß es gut genug«, erwiderte Anders. »Er ist der fähigste Spion, den Indiradin aufbringen kann, auch wenn er langsam alt wird. Wäre unser alter Freund uns nicht dazwischen gekommen, hätte vielleicht Laibrin jetzt meine Krone.« Er lachte. »Es wundert mich, daß ihr ihn nicht erkannt habt!«
Halan hörte sprachlos zu. Seine Worte aus Anders’ Mund klangen zu gut, zu schlüssig, aber nicht wirklich überzeugend. Warum konnte er sich an einen Mann wie diesen Diener erinnern, aber nicht mehr, woher er Embers doch sehr viel auffälligeres Gesicht kannte?
Laibrin starrte Anders an - Halan schien er überhaupt nicht wahrzunehmen. Doch sein Gesicht verriet nichts. Es war von den vorausgegangenen Ereignissen zu sehrgezeichnet, als daß er noch Erstaunen, Überraschung oder Furcht hätte ausdrücken können. »Ich wußte es nicht«, antwortete er nur.
»Werdet Ihr uns begleiten?« fragte Anders. »Nur ein Stück weit, bis wir in Loringaril sind. Ich würde Euch gerne im Auge behalten.«
Aralee schüttelte heftig den Kopf. »Alexander, für solchen Unsinn ist keine Zeit. Nehmt die Pferde, Kleidung ist im Gepäck, ihr habt Geld, alles was ihr braucht. Aber Laibrin muß zurück in sein Land, dort kann er mehr für euch tun.«
Die Pferde erschienen Halan wie durch einen Nebel, grau und namenlos. Es waren gewöhnliche Pferde aus den Stallungen, nicht mit Anders’ prächtigem Rappen zu vergleichen. Halan konnte gut reiten, aber er hatte nie viel Freude dabei empfunden. Pferde waren noch schwieriger zu verstehen als Menschen, und da sie keinen Verstand hatten, nicht einmal Anstalten machten zu denken, war wenig Sinn darin, es auch nur zu versuchen.
Aber als Halan nun auf diesem fremden Pferd durch einen fremden Wald trabte, in das Schütteln vom Schlafen abhielt, fühlte er eine seltsame Verbundenheit mit diesem Tier, daß ihn, ohne zu fragen, ohne zu denken, in eine fremde Zukunft trug, vielleicht für immer fort aus Koristan. In diesem Moment war es egal. Sie waren in Sicherheit.
»Ich frage mich, wer länger durchhält - wir oder die Pferde?« rief Anders über seine Schulter Halan zu. Er wollte schneller reiten, im Galopp hinter Lorimander herjagen, doch es war offensichtlich nicht im Stande, das mitzumachen. Anders war unruhig, er rutschte im Sattel hin und her, aber er konnte nicht mehr tun.
»Es ist erbärmlich«, sagte Anders. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie das ist! Aber ich muß ihre Gefühle teilen.« Er sah munter aus, aber Halan wußte, daß der Junge längst keine Kontrolle mehr über seine Gaben hatte. Die Müdigkeit verlangte ihren Zoll, aber in einem Gasthof abzusteigen, ehe die Sonne unterging, hätte zu verdächtig gewirkt.
Der kühle Wind, der ihnen ins Gesicht schlug, hielt ihnen die Augen offen und belebte Halans Geist, bis seine Ohren endlich so wach waren, als hätte es die Nacht nie gegeben. Halan ertappt sich dabei, daß er immer wieder zurückblickte, sich suchend umsah, bis es sogar Anders auffiel.
»Was machst du da? Wen suchst du?« Und als Halan nur die Schultern zuckte - er wußte es nicht, er konnte es nicht sagen - fuhr Anders fort, diesmal mit unterdrückter Furcht in der Stimme: »Was ist dort?«
Halan zeigt nach hinten, in das diesige Grün des Waldes, in dem sich für das Auge noch nichts von dem regte, was dem Ohr schon lange bekannt war. »Jemand folgt uns«, sagte er.

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