

Mendrion war es, der die wahren Worte sprach. »Wenn du schon
vor deine Hochzeit anfängst zu trinken, wie soll das dann erst
gehen, wenn du verheiratet bist?« Wahre Worte, und doch
völlig unangebracht. Der Hauptmann Mendrion hatte schon wieder
vergessen, wo sein Platz war. Dannen wünschte, er könne
das auch.
»Ich hab dich auf meine Hochzeit eingeladen«, knurrte
Dannen, »aber nicht, damit du mir Vorträge
hältst!« Dafür waren die Frauensleute da - seine
Schwester, die war ja gerade in der Übung seit ihrer
gemeinsamen Reise, und, um dem Ganzen noch eins draufzusetzen,
seine Mutter. Dannen grauste vor seiner Ehe, aber nicht, weil dann
eine Frau mehr an ihm herummeckern konnte. Sondern weil er im
Grunde seines Herzens wußte, daß sie der Fehler seines
Lebens war.
Hana ziehen lassen. Das war die einzige sinnvolle Lösung.
Laßt sie ihr Kind nehmen und sonstwohin gehen. Es würde
ihnen keinen Ärger machen. Jedenfalls nicht mehr, als sie
jetzt ohnehin schon mit Varyn hatten. Niemand würde jemals
erfahren, wer der Vater war. Gebt ihr noch einen Beutel Geld mit,
damit sie und das Kind nicht in Armut leben müssen, und dann
lebwohl. Ein letzter Blick, ein letztes Nicken, und dann ein und
für allemal Freiheit auf beiden Seiten. Neue Männer
für Hana. Neue Frauen für Dannen. Aber nein - in dem
entscheidenden Moment, wo er einmal in seinem Leben alle hätte
richtig machen können, hatte er natürlich alles falsch
gemacht, und war auch noch stolz gewesen auf seine brillante
Argumentation.
Jetzt mußte Hana ihn heiraten, ob sie wollte oder nicht -
und oh, sie wollte nicht, das sah man ihr schon von weitem an.
Dannen hätte sich ohrfeigen können - daß er das
nötig hatte! Warum schlug er sie nicht gleich nieder und band
sie am Bett fest, damit sie erst recht nicht wegrennen konnte, das
kam doch ungefähr aufs Gleiche raus… Es war wie
verhext. Dannen konnte nicht einmal mehr sagen, ob er Hana
überhaupt noch liebte, aber egal was sie tat, oder was er tat,
er kam nicht von ihr fort. Und jeder Schritt, den einer von beiden
in die falsche Richtung tat, machte es für sie beide nur um so
schwerer.
»Ich wußte nicht, daß du es so eilig hast
damit«, sagte Mendrion, und der Schluck, den er von seinem
Bier nahm, war mehr eine Entschuldigung dafür, daß er
den Krug nicht angerührt hatte, als bis das letzte Restchen
Schaum eingefallen war.
»Ich auch nicht«, antwortete Dannen kurz angebunden.
Warum hatte er Mendrion jetzt bloß eingeladen? Doch nicht, um
sich das Herz auszuschütten! Dannen verstand sich selbst immer
weniger. Es gab den einen Dannen und den anderen, und sie drifteten
immer weiter auseinander. Leider war der eine Dannen, der ein
getreuer Diener seines Hauses war und alles tat, um Schande und
Gefahr von Vigilanders Sippschaft fernzuhalten, ein Arschloch - und
der andere, der eigentlich nichts wollte als ein gemütliches,
friedliches Leben, auch. »Ich hätt Venna mitnehmen
sollen, weißt du noch, die Schankmagd - da hätten sie
Augen gemacht!« Und diese Venna, im Unterschied zu Hana,
hätte sich am Ende sogar gefreut, ihn zu heiraten. So aber
kriegte er eine Frau, die ihn nicht liebte, ein Kind von einem
anderen bekam, und die bestenfalls seinen Haushalt führen
würde, aber niemals, todsicher niemals, mit ihm ins Bett gehen
würde. Es war ein Fehler… Und Dannen hatte keine
Ahnung, wie er da jemals wieder raus kommen sollte. Zumindest nicht
lebend.
»Manchmal hab ich das Gefühl, du denkst einfach zu
viel«, sagte Mendrion und kam gar nicht weiter, weil ihm
Dannen sofort das Wort abschnitt.
»Ich denke nicht genug! Was soll ich denn machen, von einem
Tag auf den anderen heißt es, ich werde König,
weißt du, was das bedeutet? Jeder Furz, den ich von heut an
tue, hat irgendwas zur Folge, was das ganze Land betrifft! Was
sollte ich auch damit rechnen, daß mein verdammter Bruder
sich einfach so umbringen läßt?« Dannen
stürzte den Rest seines Bieres runter und verfluchte sich
selbst, daß er sich von Mendrion auf Bier hatte runterhandeln
lassen.
»Dann denkst du an die falschen Sachen«, sagte
Mendrion ungerührt. Es war wirklich an der Zeit, ihn wieder
zurechtzustutzen, er bildete sich einfach zu viel ein auf seine
Position. Er war zweimal zum richtigen Moment am richtigen Ort,
aber in seinen Augen machte ihn das jetzt zum besten Freund des
Fürsten - nein, schon des Königs Dannen. Oder wo er
gerade dabei war noch besser gleich zum Schwager… Dannen
hatte bessere Freunde, die er mehr schätzte. Nur war keiner
von ihnen mehr hier - sie waren alle drüben im Krieg, und man
mußte nur darauf warten, wer von ihnen als nächstes
sterben würde. »Was erwartest du, wenn deine Familie in
die Schlacht zieht?«
»Aber warum kann nicht Rul sterben?« wütete
Dannen. »Um den wär es nicht schade, verdammter
Bastard… oder mein alter Herr, der wartet doch nur darauf -
aber doch nicht Gerrat!« Irgendwo in Dannens Hirn saß
eine Stelle, die hatte damit gerechnet, und die dachte, daß
auch der König damit gerechnet hatte. Hätte er sonst
Dannen eingeweiht in die Geheimnisse des Hauses? Ruß auf das
heilige Schwert, damit die Klinge auf Geheiß des Engels
schwarz wurde… Sie verdienten es, daß Vigilander ihr
Haus auslöschte, ihr ganzes Haus, Dannen eingeschlossen, das
war die Strafe für Frevler. Er hatte mit Gerrat angefangen,
das war sicher der falsche, aber er würde nicht mit Gerrat
aufhören. »Warum nehmen wir nicht gleich Varyn,
drücken ihm das Schwert in die Hand und die nächstbeste
Krone auf den Kopf und haben den ganzen Scheiß hinter uns?
Spart dem Kerkermeister eine Schüssel Grütze am Tag, und
seinen armen kleinen Bruder können wir dann auch endlich
wieder raus lassen.«
»Sitzt der etwa immer noch in dem Loch?« Für
einen Moment klang Mendrion entgeistert.
Dannen nickte. »Was juckt dich das, du warst bereit, ihn im
Krieg sterben zu lassen, hier lebt er wenigstens. Ich hab
dafür sorgen lassen, daß er eine bessere Behandlung
bekommt, er hat eigenes Licht und so, ich bin ja kein Unmensch, und
die Engel wissen, der Junge hat nichts getan.« Die Engel
wußten eine ganze Menge, und der andere Junge hatte auch
nichts getan und wurde trotzdem behandelt wie ein
Schwerverbrecher… »Frage mich nur, was mein Vater
jetzt mit den beiden vorhat, und ob überhaupt. Wenn er die auf
Dauer da unten sitzen lassen will, werd ich fuchsig.«
Natürlich, es war seine Idee gewesen, die beiden einzusperren,
aber doch nicht gleich für so lange! Bis das mit Gerrat
geklärt war, und mit Hana, und dann wieder raus mit den
beiden! Aber jetzt mußte Dannen erst noch heiraten, und so
wie es aussah, würde sich in der Zeit für die Jungs
nichts ändern. »Wir hatten soviel Scherereien, die
beiden zu bekommen, und jetzt läßt mein Vater sich Zeit,
sie überhaupt mal anzusehen, wirklich, wenn ich das
gewußt hätte!«
Wenn man Dannen Zeit ließ, fand er immer etwas neues, um
sich aufzuregen, und wenn man ihm ein paar Humpen Bier dazu gab,
wurde er nur noch besser darin. »Ich hab die Nase voll, ich
laß die zwei jetzt raus und schleif sie zu meinem Vater, und
dann soll der mal selbst sehen, was er mit ihnen macht!«
»Keine gute Idee«, sagte Mendrion.
»Was?« schnaubte Dannen. Mendrion hatte nicht
über seine Einfälle zu entscheiden!
»Würde bis morgen warten, wenn ich du wär«,
sagte Mendrion. »Es ist mitten in der Nacht, dein Vater ist
schon zu Bett, du hattest das eine oder andere Bier, und morgen
leben die Jungen immer noch, und was du nicht vergessen solltest:
Du heiratest in der Frühe.«
Da, jetzt hatte er es. Dannen hatte wirklich gehofft, das zu
vergessen. Aber dann sollte er morgen eben zwei Gäste mehr auf
seiner Hochzeit haben.

Am anderen Morgen erwachte
Dannen lang vor dem Tag. Das war um die Jahreszeit nicht weiter
schwer, aber daß er gleich so früh aufwachen würde,
hätte er dann doch nicht erwartet, nach dem Bier. Aber er
hatte nicht gut geschlafen und nicht viel, und wie es zu erwarten
war, fühlte er sich komplett erschlagen. Das war weniger eine
Frage von Brummschädel, als mehr von kalten Füßen.
Der Winter kam früh in diesem Jahr, und in Dannens Bett hatte
er damit angefangen. Da fehlte jemand anderes, um es
vorzuwärmen… Was ihn dann gleich wieder auf seine
bevorstehende Hochzeit brachte und ihm den Tag versaute, eh der
überhaupt angefangen hatte. Auch daß es um diese
Jahreszeit sein mußte, kurz vor dem Winteranfang - letztes
Jahr um die Zeit hatte er Hana verloren, statt sie zu gewinnen, und
sie ausgerechnet jetzt zu heiraten, war ein Hohn. Aber das war es
sowieso.
Dannen reckte die verspannten Glieder und bewegte sich ein
bißchen, um wieder warm zu werden. Er hatte keine Lust, sich
wieder hinzulegen, lieber wollte er seine letzten Stunden in
Freiheit genießen, wie hatte er nur mit nüchternem Kopf
so eine Idee fabrizieren können? Half alles nichts, geheiratet
mußte werden, es sei denn, es gelang Dannen jetzt, sich
entweder so zu verstecken, daß ihn niemand fand, oder sein
Pferd bereitzumachen und sich selbst aus dem Staub - aber wohin
sollte er reiten, heim nach Car Lamanthul? Und wo würde man
ihn als erstes suchen? Nein, da machte es mehr Sinn, jetzt Hana aus
dem Schlaf zu klopfen, ihr zu sagen, sie sollte sich was warmes
anziehen, ihr ein Pferd zu geben und das Beste zu
wünschen… Aber das konnte Dannen nicht, und es war zu
gefährlich. Wenn der König das in den falschen Hals bekam
und Hana die Jäger hinterherhetzte - wie weit konnte eine
schwangere Frau reiten, und wie lange? Und er hatte sie schon beim
letzten Mal, als er die Chance gehabt hätte, nicht freigeben
können. Er konnte es auch jetzt nicht. Sie war immer noch die
Frau, die er mehr geliebt hatte als jede andere.
Statt dessen erinnerte sich Dannen, nachdem er noch ein Paar warme
Socken angezogen hatte zu denen, die er schon trug, an sein
Versprechen aus der Nacht, und er ging in den Kerker hinunter, um
zu sehen, ob da schon jemand auf war und wie es den Jungen ging. Er
hatte sich die vergangenen Tage über nur um seine eigenen
Dinge geschert, und das waren mehr als genug, seit Gerrat tot war,
und war froh, keinen Gedanken mehr an Varyn verloren zu haben und
an dessen Bruder erst recht nicht. Jetzt hatte er irgendwie
schlechtes Gewissen ihretwegen, eigentlich waren das ja doch noch
Kinder, und in der Zeit, die sie gemeinsam unterwegs waren, hatte
er sie ja doch irgendwie besser kennen gelernt, so gut man jemanden
kennen lernen konnte, der nicht mehr er selbst war nach dem Verlust
seiner ganzen Familie. Gerrats Tod hatte ihm geholfen, die zwei
besser zu verstehen, was nicht gut war. Es ging nicht darum, die
Jungen zu verstehen. Es ging darum, herauszufinden, was Varyn war
und zu welchem Engel er gehörte, und zu verhindern, daß
er sie alle in ihren Betten ermordete und das Land an sich
riß.
Der Kerker schlief genauso wie der Rest der Burg, auch der
Kerkermeister war nicht mehr wach - nicht, daß es einen
Unterschied machte, die Zellentüren waren mit dicken Riegeln
gesichert, und wer es schaffen sollte, da durch zu kommen, dem
machte auch ein alter Mann mit Gicht in den Knochen nicht mehr viel
aus. Trotzdem warf Dannen einen Blick in die Kammer des Mannes, der
nie das Tageslicht sah, und dort fand er einen Anblick vor, der ihn
irgendwie erleichterte: Denn dort auf dem Boden, zusammengerollt
auf einem Stück Fell, lag der Gaven und schlief. Dannen
mußte bei sich schmunzeln. Gaven war ein häßlicher
kleiner Bengel, aber man mußte ihn irgendwie mögen, und
wenn es aus Mitleid war, man konnte ihm nicht lange böse sein,
und ebenso wenig mochte man ihn lange einsperren. Da hatte sich der
Kerkermeister die Aufforderung, dem Jungen Licht und etwas mehr
Essen angedeihen zu lassen, etwas weiter ausgelegt und sich selbst
für Gesellschaft gesorgt. Kerkermeister war wirklich einer der
letzten Berufe, die Dannen sich vorstellen konnte, direkt vor
König.
Er beschloß, die beiden erstmal schlafen zu lassen und sich
direkt um Varyn zu kümmern. Der würde schon wach sein.
Dannen wußte nicht, ob der Junge überhaupt mal die Augen
zukriegte, wann immer er ihn nachts zu Gesicht bekam, war der am
stillen Brüten, hellwach, und die Ringe unter seinen Augen
waren unterwegs nicht besser geworden. Aber all die Zeit über,
seit er ihn in Ausnahmezustand vor dem eingestürzten Stollen
eingesammelt hatte, war nie die Gelegenheit gewesen, in Ruhe mit
dem Jungen zu reden - und auf Elomond. Wochenlang, und nie war
Dannen dazu gekommen, ihn mit den längst einstudierten Worten
zu konfrontieren um zu sehen, wie er darauf reagierte. Nicht,
daß es jetzt noch viel ausmachte, Varyn war ein
Engelsgeborener ohne jeden Zweifel, aber trotzdem… Dannen
gab einen einmal gefaßten Plan nur ungern wieder auf. Und
hier konnte ihm der Bursche wenigstens nicht weglaufen.
Dannen war froh um die Fackel in seiner Hand, weil sie ein
bißchen Wärme gab - war es in seiner Kammer schon kalt
gewesen, war es hier unten richtig frostig. Kein Ort, wo man sich
lange aufhalten mochte. Falls Dannen überlegt hatte, sich in
einer der Zellen zu verstecken, um der Hochzeit zu entgehen,
verwarf er das sofort wieder. Fehlte nur noch, daß sein Atem
zu Rauch gefror, aber so kalt war es dann wohl doch noch nicht.
Vielleicht im Winter… Winter war immer ihre
Versteckspielzeit gewesen, aber die Zeiten lagen zu lang
zurück, als daß Dannen sich erinnern konnte, ob er dann
schon einmal hier gewesen war. Verboten war der Kerker ihnen
allemal, aber er wurde auch nie groß genutzt - Schurken
richtete man hin, statt sie durchzufüttern. Und der
Kerkermeister war früher mal einer der Waffenmeister gewesen,
ehe ihm Arme und Beine lahm wurden und er im Keller abgestellt
wurde, mehr ein Akt der Gnade, denn keiner wußte so recht, wo
hin mit dem alten Kerl.
Dannen ging etwas langsamer und suchte die Worte zusammen, die er
sich zurechtgelegt hatte - so oft hatte er das schon im Kopf
durchgespielt, aber die fremden Wörter jetzt über die
Lippen zu bringen, war etwas anderes. Wenn Gerrat sein Elomond
lernte, hatte Dannen immer besser Dinge zu tun gefunden - ein
König mußte die Sprache wohl können, aber wann
hatte Dannen schon damit gerechnet, daß er das einmal werden
sollte? Jetzt rächte sich das, und nicht nur mit der Sprache.
Also: ‘Andalin tir elomarl su raka?’ - Hast du heute
schon den Himmel gesehen? Dannen schüttelte den Kopf. Gab
es etwas Mieseres, das man einen Jungen im tiefsten Kerker fragen
konnte? Als sich Dannen den Satz aussuchte, paßte das alles
noch sehr schön, aber jetzt sollte er sich doch besser einen
anderen überlegen, oder hoffen, daß Varyn doch kein
Elomond konnte, wenn er nicht mit einer gebrochenen Nase enden
wollte. Daß, oder gleich ganz auf das Experiment
verzichten.
Dannen stand vor der verschlossenen Tür, eine Hand am Riegel,
die andere an der Fackel, und rief sich verzweifelt Wörter und
Satzbau in den Kopf. Einigermaßen verstehen war eine Sache,
selbst sprechen eine andere. Dannen mußte sich mit vor langer
Zeit auswendig gelernten Sprüchen behelfen, Segen und Gebete
für kleine Kinder. Der Himmel soll dir helfen, das mußte
er doch noch auf die Reihe bringen! ‘Elomar loentos ejon
tai’ Oder loentoi? Ejos? Egal. Irgend einen
Sinn würde es schon machen. Dannen hoffte nur, daß ihm
Varyn dann nicht in fließendem Elomond antworteten
würde, sonst stand er nämlich dumm da. Elomar loentos
ejon tai… Dannen schob den Riegel zurück und
öffnete mit Schwung die Zellentür.
Und dann erstarben die vorbereiteten Worte auf Dannens Lippen.
Varyn saß auf der Pritsche, die langen dünnen Beine
angezogen und mit den Armen umschlungen, und blickte Dannen aus
seinen unheimlichen grauen Augen weit offen und hellwach an. Sein
Gesicht war im Fackelschein ohne jede Farbe, seine Wangen noch
hohler als sonst, wie ein Gespenst. Nach ihrer ersten Begegnung
hatte Varyn nicht mehr so ausgesehen, daß man Angst vor ihm
haben mußte, aber jetzt war wieder so ein Moment - aber
diesmal war Dannen darauf vorbereitet. Es war nicht der Junge, vor
dem er erschrak. Es war das, was Varyn in der Zwischenzeit mit
seiner Zelle gemacht hatte.
Dannen sah Wörter an den Wänden, Elomond, Zeichen an
Zeichen, in weiß auf dem grauen Grund. Er wußte nicht,
wo der Junge so plötzlich Kreide hergenommen hatte, vielleicht
trug er sie die ganze Zeit mit sich herum, auch das Zeichen,
daß Dannen an dem Stollen gesehen hatte, war in Kreide. Aber
es ging nicht um das womit, es ging um das was. Dannen machte einen
Schritt in die Zelle, hielt die Fackel vor sich, um einen Sinn in
das Geschriebene zu bringen - in dem Moment sprang Varyn auf und
begann, mit fieberhaften Bewegungen mit den Ärmeln die Zeichen
fortzuwischen.
»Halt!« rief Dannen. »Weg von der
Wand!«
Der Junge hörte ihn nicht. Dannen packte ihn bei der Schulter
und riß ihn zurück, versuchte ihn mit einer Hand
festzuhalten, während er las, was an Schrift
übriggenblieben war - vieles war verschmiert, nicht erst seit
jetzt, aber es war egal. So oder so wurde Dannen aus den Zeichen
nicht schlau. Die Schrift war Elomond, keine Frage, aber welche
Sprache das sein sollte, wußte Dannen nicht. Das waren nur
Silben, die zusammen keinen Sinn ergaben, wie das Geschmier eines
Kindes, das gerade schreiben lernte.
»Was soll das heißen?« fragte Dannen schroff und
ließ Varyn los, so abrupt, das der zu Boden sackte.
»Nichts«, murmelte Varyn und rappelte sich auf, dann
stellte er sich so mit dem Rücken zur Wand, daß Dannen
der Blick auf die Zeichen wieder versperrt war. »Das
heißt nichts.«
Dannen zog die Tür hinter sich zu. Das war ein Risiko, allein
mit einem unberechenbaren Jungen in einer Zelle, und nicht nur,
weil jemand von außen hätte absperren können. Das,
was Dannen in Varyns Augen gesehen hatte, wollte er nicht Wahnsinn
nennen, und die Unterhaltungen, die sie unterwegs geführt
hatten, locker und freundschaftlich, Dannen wollte Varyn im
Zweifelsfall auf seiner Seite haben und nicht zum Feind, waren auch
die von normalen Menschen. Aber sie waren nicht normal, alle beide
nicht, und das wußten sie auch - und was immer es war in
Varyns Augen, es machte Dannen kälter als der Winter in seinem
Bett.
»Varyn«, sagte er. »Mach mir nichts vor. Ich hab
es gesehen, und das nicht zum ersten Mal. Wer hat dir diese Zeichen
beigebracht?« Es gab nicht viel Auswahl. Ein Engel würde
sich leichter in dieses entlegene Tal verirrt haben als ein
Engelsgeborener.
»Ich selbst«, antwortete Varyn. »Warum fragt
mich jeder danach? Sie gehören mir. Euch bedeuten sie nichts.
Ihr habt Eure eigenen Zeichen.«
Dannen versuchte zu lächeln. »Das sind meine eigenen
Zeichen. Darum frage ich.«
Varyn schüttelte den Kopf, dann nestelte irgendwie in seinem
Hemd herum und zog dann ein ziemlich mitgenommenes Stück
Pergament hervor. Was immer er da alles mit sich rumschleppte,
Kreide, Schreibzeug… »Hier, das habe ich von Eurem
Schreiber bekommen. Völlig andere Zeichen.«
Es war genau das, worüber sich ein Mann am Tag seiner
Hochzeit unterhalten sollte: Schriftzeichen. An jedem anderen
Morgen hätte man Dannen damit jagen können, aber jetzt
nahm er die Abwechslung dankend an. »Hast du dich nie
gefragt, warum wir uns auf deine Fährte gesetzt haben? Sicher,
es gibt die Schrift, die der Schreiber benutzt, gut für
Soldlisten, Briefe, alles mögliche, Weiberkram. Es gibt aber
noch eine andere Schrift, in der die Sprache der Engel
niedergeschrieben wird. Sie ist nur für Engel und ihre
Nachkommen. Das sind ihre Zeichen.«
Varyns Lippen begannen sich zu kräuseln, verzogen sich zu
einer Art Lächeln, aber er mußte nichts sagen, und auch
Dannen grinste.
»Wir sind hier unter uns, Varyn. Wir wissen beide, daß
du ein Engelsgeborener bist, du mußt mir nichts vormachen,
ich habe Augen im Kopf. Die Idee, dich im hintersten Bergkaff zu
zeugen, war gut, und die Idee, einen Bergmann aus dir zu machen
noch besser, denn wärst du nicht den halben Tag völlig
verdreckt rumgelaufen, hätten selbst eure Leute das
früher oder später gemerkt. Aber was für ein Engel
hat dich gezeugt, Varyn? Und warum hat er dir seine Schrift
beigebracht, aber nicht seine Sprache?«
»Ich hab nie eine andere Sprache gebraucht.« Varyn
entschied sich beim Antworten für die einfachere Frage,
natürlich. »Und auch nie andere Zeichen.«
»Und welcher Engel?« fragte Dannen nochmal. Wenigstens
stritt der Junge jetzt nichts mehr ab, entweder ließ er sich
leicht in die Enge treiben, oder er haßte Lügen noch
mehr als Dannen. Und die Frage kam nicht von ungefähr. Dannen
hatte wirklich keine Ahnung, was Varyn sein sollte, und er dachte,
daß er doch alle Engel kennen müßte. Aber keiner
von ihnen hatte graue Augen.
Dannen ging sie im Kopf durch, so wie er sie von den Abbildungen
kannte. Vigilander, die kannte er von sich selbst, zwei
verschiedene Farben, braun oder grün, so wie auch das Schwert
die Farbe ändern konnte, nur daß es bei den Augen echt
war. Lorimander, blau. Iriander, rot. Korisander, auch blau.
Elysander, golden. Alexander, grün. Kaliander, auch grün.
Jetzt kam Dannen etwas ins Schwimmen, wer fehlte, das waren noch
keine acht… Tolimander. Dannen hatte keine Ahnung mehr, wie
der aussah. Hatte Tolimander graue Augen? Das konnte sein,
paßte zu ihm, der ganze Engel war ja irgendwie grau mit
seinem ‘Gerechtigkeit steht über Gut und … Aber
wie sollte Tolimander ein Kind im Bergland Doubladirs aussetzen?
Und warum? Tolimander, vor allem! Dieser
wir-halten-uns-aus-jedem-Krieg-raus-Engel, versuchte der das jetzt
etwa hintenrum?
»Ich kann’s nicht sagen«, flüsterte Varyn.
»Und bitte, das andere, was Ihr gerade gesagt habt - behaltet
das für Euch!«
»Einen Dreck werd ich tun!« entfuhr es Dannen.
»Du weißt, daß mein Vater dich verhören
will, du weißt, warum du hier unten sitzt - alles, was du uns
irgendwie sagen kannst, hilft dir selbst mehr als uns, denn solange
wir dich nicht einschätzen können, bist du eine Gefahr
für uns.«
Wieder lächelte Varyn. »Ich bin eine Gefahr für
alle, die mir nahe kommen. Und für mich selbst.«
»Red keinen Unsinn! Ich meine es ernst!«
»Ich auch.« Das Lächeln erstarb.
Dannen hatte schon eine Hand am Schwertgriff und ließ es
dann doch sein. »Eigentlich bin ich gekommen, um dich heute
hier rauszuholen, dich und deinen Bruder. Vielleicht freut es dich
zu hören, daß der nicht mehr in seiner Zelle sitzt? Der
Kerkermeister hat ihn bei sich aufgenommen.«
Varyn verzog keine Miene. »Dann ist der Kerkermeister ein
Dummkopf.« Er drehte die Hände ineinander, während
er sprach, und Dannen fielen seine zerschrammten Fingerkuppen und
gesplitterten Nägel auf. Wenn er die Kreide bis aufs letzte
Krümelchen aufgebraucht hatte, mußte das wehgetan haben.
»Gaven muß nur hingehen und mich aus meiner Zelle
befreien, dann komme ich in der Nacht und reiße Euer Land an
mich, ganz wie Ihr befürchtet.«
»Ich befürchte gar nichts«, antwortete Dannen.
»Ich hoffe.« Jetzt war das Lächeln an ihm. Wenn
Varyn ihm den ganzen Dreck abnahm, Krone und Königreich,
konnten sie dann nicht beide zufrieden sein?
»Und wenn ich sage, ich will Eure Krone nicht?« fragte
Varyn.
Dannen zuckte die Schultern. »Dann sind wir schon zu
zweit.« Er trat einen Schritt zurück und machte die
Tür wieder auf. »Aber ich bin wirklich gekommen, um dich
hier rauszulassen, das war kein Scherz, und Gaven nehme ich auch
gern mit.«
Varyn blickte ihn zweifelnd an, als traue er dem Braten nicht -
zugegeben, er hatte Grund dazu. Als Dannen ihm damals sagte,
daß er mitzukommen hätte, war auch noch nicht vom Kerker
die Rede, und ebensogut konnte oben das Henkersbeil auf ihn warten.
Aber warum sollte es? »Will Euer Vater mich jetzt
sehen?« fragte er mit Zögern in der Stimme.
Lachend schüttelte Dannen den Kopf. »Nicht daß
ich wüßte. Aber ich heirate heute, und ich dachte mir,
ich lade euch ein.« Es wurde ein grimmigeres Lachen als
beabsichtigt. Wenn man Dannen mal gesagt hätte, daß
seine Hochzeit so ablaufen würde, hastig anberaunt und mit
weniger Gästen, als man für eine normale Fuchsjagd
einlud… Das Lachen endete, das Kopfschütteln blieb.
»Sofern ich dein Wort habe, daß ihr zwei keinen Mist
macht.«
»Ihr müßt kein schlechtes Gewissen haben,
daß Ihr mich hier abgeladen habt«, sagte Varyn leise.
»Wirklich nicht.« Und wenn man Dannen gefragt
hätte, hätte er gesagt, daß Varyn nach den Tagen im
Kerker tatsächlich besser aussah als vorher. Wenn er die Zeit
zum Nachdenken genutzt hatte, war das sogar verständlich.
Varyn hatte viel zu verarbeiten vor sich und zu spät damit
angefangen. »Und Ihr heiratet besser ohne mich.«
Dannen spielte beleidigter, als er eigentlich war. »Du sitzt
lieber in einer kalten, feuchten, dunklen Zelle, als mit mir auf
meine Hochzeit zu trinken?« Engel, er säße ja
selbst halb lieber hier unten! Aber er hätte nicht mit Varyns
Nicken gerechnet.
»Wenn es Euch nichts ausmacht, ja. Ihr habt noch genug
Ärger mit mir. Da sollt Ihr wenigstens eine angenehme Hochzeit
haben.« Langsam klang er wirklich so, als ob er etwas im
Schilde führte… Dannen fragte sich, ob er anfangen
mußte, sich Sorgen zu machen. Aber er war bereit, den Jungen
beim Wort zu nehmen. Die Hochzeit würde schon schlimm genug
werden, ohne daß er einen maulenden Halbstarken da sitzen
hatte - in Wirklichkeit hoffte er ja nur, daß in Anwesenheit
des Jungen irgend etwas passieren würde, das im letzten Moment
das Schlimmste verhindern würde… Dannen legte den Kopf
schief. »Wie du willst.« Er schob sich wieder
rückwärts aus der Zelle. »Dann muß auch
keiner wissen, daß ich hier war.«
»Und das, worum ich Euch gebeten habe?« fragte Varyn
vorsichtig.
»Bleibt erst einmal unter uns.« Natürlich, es
ging Dannens Vater etwas an. Aber wenn der bislang so wenig
Interesse an dem Burschen gezeigt hatte, war er selber
schuld… »Ich bringe euch heute Abend einen Krug Wein
runter, dann könnt ihr wenigstens einen Schluck auf meine
Braut und mich trinken.«
»Wen heiratet Ihr denn?« fragte Varyn.
Dannen lächelte. »Die schönste Frau der
Welt.« Und für einen Moment war ihm tatsächlich
wohl bei dem Gedanken.

Und dann gab es kein Wegrennen
mehr. Dannen stand vor der Tür des Thronsaals. Sein
frischgestutzter Bart juckte zum Verrücktwerden an den
Stellen, an denen man sich am schlechtesten kratzen konnte, direkt
auf Höhe des Kehlkopfes, und Dannen wünschte sich, zum
tausendsten Mal, er hätte ihn sich nie wachsen lassen. Oder
zumindest diesen besonderen Tag genutzt, um ihn sich wieder
abzurasieren, um wieder der alte Dannen zu werden, der er selbst
war und nicht nur ein müder Abklatsch seines Bruders. Oder,
noch schlimmer, seines Vaters. Aber jetzt war es zu spät und
das Rasiermesser noch ferner als die Freiheit.
Hinter der Thronsaaltür warteten die Gäste - oder das,
was auf die Schnelle an Gästen zusammengekratzt werden konnte.
Dafür, daß immerhin der Kronprinz heiratete, waren nicht
viele Leute da, und Dannen war sich sicher, daß sein Vater
ganz zufrieden deswegen war. Wenn man ihn fragte, was wichtiger
war, Hochzeiten oder Kriege, hätte er sich sofort für
letzteres entschieden, und da auch das ganze Geld dorthin
floß, war es gut, wenn nicht so viele Gäste
durchzufüttern waren. Unten in der Küche garte ein Ochse
am Spieß - und war Dannen der einzige, der sich fragte, ob
man absichtlich einen Ochsen genommen hatte, als Symbol für
das, was die Ehe aus einem Mann machte?
Aber auf die Gäste kam es nicht an, Hauptsache, es gab einen
Richter, um die Trauung zu vollziehen. Richter brauchte man
für alles, außer um einen Krieg zu führen, und
für Beerdigungen natürlich auch nicht, dafür waren
Totenmägde da. Aber ansonsten konnte man fast glauben, der
Richter war wichtiger als der König. Die Aufgaben waren klar
verteilt, aber dies war Doubladir, und da war der Winzer immer noch
wichtiger als der Koch und der König zusammen. Das große
Fressen und Saufen, das im Anschluß folgen sollte, war das
einzige, worauf Dannen sich in dem Moment wirklich freute, und wenn
es nach ihm ging, konnte man auf den Mittelteil wirklich
verzichten… Und dann wurde seine Braut
herbeigeführt.
Dannen fühlte, wie es ihn heiß und kalt überlief,
und er bemühte sich, Hana nicht anzublicken, auch wenn er
jetzt ihr Bräutigam war und es sein gutes Recht - er hatte von
jetzt an darauf zu achten, daß kein anderer Mann sie mehr
anblickte, zumindest nicht so, wie Dannen es gerade versuchte nicht
zu tun. Sie war wirklich unglaublich schön, obwohl sie so
schwanger war, daß man es sehen konnte, aber zu schaden
schien ihr das nicht. War sie sonst mehr eine zierliche Frau, hatte
die Schwangerschaft nicht nur ihren Leib, sondern auch ihre
Brüste anschwellen lassen, und das schadete keiner Frau.
Aber der Grund, daß Dannen schlucken mußte bei ihrem
Anblick und sich wünschte, weit, weit weg zu sein, war der,
daß jeder Zoll ihres Körpers schrie ‘Nicht Deine
Frau!’ Es war Gerrats Kind, das sie so schön gemacht
hatte, Gerrat war der Grund, daß sie überhaupt hier war,
Gerrat war in ihrem Herzen, und das äußerste, was Dannen
von ihr erwarten konnte, war vermutlich eine Ohrfeige. Und so
schön Hana in diesem Moment auch sein mochte, das, in was sich
Dannen am ersten Tag verliebt hatte, fehlte in ihrem Blick, und
diese zierliche Hand sollte nicht zur Faust gebannt sein, sondern
einen Falken halten. Hana war die schönste Frau der Welt. Aber
wenn sich nichts änderte, schnell, war sie bald nichts mehr
als das.
Hinter Hana gingen zwei Soldaten mit Schwertern. Sie sollten
vielleicht aussehen wie eine Ehrengarde, um die Braut zu ihrem
Zukünftigen zu geleiten, aber ihr wahrer Zweck war klar: Sie
sollten verhindern, daß Hana im letzten Moment die Flucht
ergriff. Solche Männer hatte man Dannen nicht an die Seite
gestellt, das konnte er noch ausnutzen, aber er ließ es sein,
blickte nur zu Boden, und dann zwang er sich, Hana ins Gesicht zu
blicken - in den Zorn in ihren Augen, das Funkeln, das sie am Leben
hielt, und das niemandem galt als ihm.
»Hana«, sagte er leise, »du siehst
wunderschön aus.« Wie oft hatte er sich gewünscht,
ihr das sagen zu können, einfach so, als wäre es das
natürlichste auf der Welt? Sie sah wunderschön aus, aber
nicht für ihn…
Hanas Lippen spannten sich. »Und um mir das zu sagen,
mußtet Ihr mich -«
Dannen legte eine Hand an seinen Mund. »Bitte. Keinen
Streit. Das hier ist für mich ebenso schwer wie für
dich.« Er wußte, daß sie ihm niemals glauben
würde.
»Wenigstens Ihr seid jetzt da, wo Ihr hin wolltet«,
sagte sie grimmig. Konnte sie nicht wenigstens so tun, als
möge sie ihn, zumindest ein ganz kleines bißchen?
»Du glaubst, ich wollte eine Frau heiraten, die nicht einmal
lächelt, wenn dafür ihr Leben verschont wird?« Die
beiden Soldaten sahen schon sehr seltsam zu ihnen hinüber, und
Dannen wußte, daß er seine Stimme besser leise halten
sollte, aber Hanas Gesicht schlug ihm dermaßen auf die Laune,
daß es ihm egal war. Dann würden sie eben nicht das
glücklich verliebte Brautpaar spielen, aber zumindest
mußte er nicht mit sich reden lassen, als wäre er der
letzte Trottel. »Ich tu das hier für dich. Glaub mir,
ich hätte auch jede andere Frau haben können.«
»Warum habt Ihr sie dann nicht genommen?«
Natürlich, er hätte einen der vergangenen Tage nutzen
können, Hana in ihrem Gemach aufsuchen und mit ihr sprechen,
ihr erklären, was los war und warum er angeboten hatte, sie zu
heiraten - aber das hatte er nicht getan, und so war dies Hanas
erste Gelegenheit, überhaupt wieder mit ihm zu reden. Aber
mußte das ausgerechnet jetzt sein? Hatte es nicht Zeit, bis
die Trauung vorüber war?
»Wenn du lieber tot wärst, statt jetzt hier mit mir zu
stehen, bitte, ich habe mein Schwert dabei!« Dannens Hand
fuhr wie von selbst an seinen Schwertknauf und zuckte dann
zurück, als er begriff, daß er es fast zur Drohung
gezogen hatte. Das war nicht der erregende Schlagabtausch wie an
dem Tag, als sie sich kennenlernten, das war Ernst, bitterer Ernst.
Aber er hatte sich eingebildet, daß sie ihn doch nicht so
sehr haßte. Oder daß sie wenigstens bereit war, ihre
Dankbarkeit zu zeigen. So konnte man sich irren.
»Wenn Ihr mich lieber tot sehen wollt, nur zu«, sagte
Hana, und Dannen war noch nie so kurz davor, eine Frau zu schlagen.
Nicht mehr lange hin, nur warten, bis die Zeremonie vorbei war, und
es war sein gutes Recht - aber Dannen hätte nie gedacht,
daß er davon einmal Gebrauch machen wollte. Nur wie sollte er
sie jetzt still bekommen, daß sie in den Thronsaal treten
konnten und so tun, als wäre alles in bester Ordnung, als
hätte der neue Thronfolger eine Frau, die ihn zumindest
respektierte?
»Lächle wenigstens«, fuhr er sie an.
Ȇbermorgen zieh ich in den Krieg, und wenn du
Glück hast, komme ich nicht lebend zurück - die zwei Tage
wirst du doch noch aushalten!« Und dann, ohne noch eine
Antwort abzuwarten oder den nächsten Schlag in sein Gesicht,
stieß er die Tür zum Thronsaal auf. Hatte es jemals ein
Brautpaar in so schlechter Stimmung gegeben? Dannen war es egal.
Hauptsache, sie brachten es hinter sich, bevor sie ihre Laune noch
weiter vergifteten - denn da, das spürte Dannen, war noch
Spiel. Genug Haß für eine lange, fruchtbare
Ehe…
Plötzlich war Dannen froh, in seinem Vater so ein gutes
Vorbild zu haben. Wenn der ihn eines gelehrt hatte in den letzten
Jahren, dann, wie man über seine Ehefrau herzog. Und wenn
Dannen Glück hatte, nahm sich Hana ein Vorbild an seiner
Mutter und verschwand, aus der Ehe, aus seinem Leben. Oder sie
starb im Kindbett Dannen wurde schlecht, als er sich bei dem
Gedanken ertappte, aber er konnte ihn nicht mehr ungedacht machen -
sollte Hana ruhig hoffen, daß der Krieg ihr auch den zweiten
Mann nahm, das stand ihr jetzt zu. Nur schnell alles hinter sich
bringen, Richter, Ritual, Ehe, und am anderen Morgen aufwachen und
merken, daß es nur ein böser Traum war, oder daß
niemand etwas von der ganzen Hochzeit mitbekommen hatte -
Doch zumindest diese Hoffnung mußte Dannen begraben. Der
Thronsaal war voller Menschen, mehr als Dannen erwartet hatte. Mit
dem Gesinde hatte er gerechnet, mit ein paar Soldaten, die den
König aus Loringaril hierher begleitet hatten, und dann noch
ein paar Leute aus der Stadt, damit es nicht ganz so leer aussah,
aber wenn man so vorgegangen war, dann hatte man es doch zu gut
gemeint. Der Saal platzte fast vor Hochzeitsgästen, und alle
blickten sie ihnen erwartungsvoll entgegen. Dannen erkannte die
alten Generäle, die nicht mehr selbst kämpften und darum
den Krieg ebensogut von Car Diuree aus richten konnten, und die
ausländischen Botschafter mußten auch wohl kommen, da
gab es kein Drumherum, aber von den meisten Leuten hatte Dannen
keine Ahnung, wer sie waren. Ihm grauste bei der Vorstellung,
daß er König werden und mit denen allen verkehren
sollte, Namen lernen, Feste ausrichten, was auch immer…
Dannen richtete seinen Blick lieber starr geradeaus und konnte
doch nicht verhindern, daß er in Angstschweiß ausbrach.
Hatten sie nicht von einer schnellen kleinen Hochzeit gesprochen?
Ohne großes Aufsehen, ohne daß sich hinterher alle Welt
das Maul darüber zerriß, wie sehr sich der Leib der
Braut unter ihrem Kleid spannte, ohne Spekulationen, von wem das
Kind wohl sein sollte. Er hatte schon Getuschel gehört in den
letzten Tagen, daß in Wirklichkeit der König der Vater
war und Dannen nur eingesprungen, um die Ehre zu retten, aber die
meisten wußten, daß es von Gerrat kam - wenn es das nur
tat! Aber niemand, wirklich niemand, kam auf den Gedanken,
daß Dannen selbst jemals ein Kind zustande bringen
sollte… Blick nach vorne. Hin zum König, hin zum
Richter, nicht zu den Menschenmassen, nicht nach links zu Hana, die
würde er noch oft genug zu sehen bekommen -
Dannens Knie zitterten, und er hoffte, daß niemand das
merkte. Er legte die Hand an den Schwertgriff, das beruhigte ihn
ein wenig und sah auch sehr stark und männlich aus. Wie an
einer Leine gezogen, ging er schneller und schneller und hoffte,
daß Hana in Würde mit ihm Schritt halten konnte, ohne
rennen zu müssen oder über ihren Kleidersaum zu stolpern.
Nichts tun, worüber hinterher irgend jemand lachen konnte.
Eine Hochzeit war nicht zum Lachen. Ernster als der Krieg, der
grimmigste Moment im Leben eines Mannes…
War der Thronsaal immer schon so lang? Aus den Augenwinkeln sah
Dannen, daß links und rechts der Gasse, die er durchqueren
mußte, Krieger standen, die ihre Schwerter erhoben, wenn er
sich ihnen näherte, und sie dann zu einer Art Dach formten. Es
war Dannen egal, er konnte auf die ganzen Zeremonien verzichten und
das Brimborium, aber schon als er vorhin seine beste Rüstung
anlegte, hätte ihm die Parallele auffallen müssen. Die
Ehe war ein Krieg, daran gab es keinen Zweifel. Und wenigstens war
er derjenige, der seine Waffe dabei hatte.
In Dannens Ohren rauschte es, und er brauchte einen Moment, um zu
begreifen, daß dies die ganzen Leute waren, die klatschten.
Er nahm sie nur noch verschwommen wahr, als er auf seinen Vater und
den Richter zutrat, und war froh, als er sie endlich erreicht
hatte. Dannen schloß die Augen und atmete durch. Er
wußte nicht, wen er ansehen sollte - da wählte er besser
keinen.
»Dannen von Vigilanders Blute«, dröhnte die
Stimme des Königs, dazu bestimmt, bis in die hinterste Ecke
des Saales zu schallen und direkt vor Dannens Ohr keine Freude,
»du hast diesen Saal betreten, Vigilanders heilige Halle, um
vor deinem Engel, vor deinem König und vor deinen Volk in den
Stand der Ehe zu treten.«
Ohne die Augen zu öffnen, nickte Dannen. Wenn sie erwarteten,
daß er etwas sagte, würde er das schon mitbekommen.
»Sieh mich an!« herrschte der König ihn an und
fuhr etwas gemäßigter vor: »Und vernehme aus
meinem Mund, welche Frau ich für dich auserwählt
habe!«
Dannen atmete auf. Das nahm ihn ein wenig aus der Verantwortung,
vielleicht auch vor Hana. Es war die Wahl des Königs, sie
hatten beide dabei kein Wort mitzureden. Trotzdem war es der
König, den er danach anblickte - er traute sich immer noch
nicht wieder Hanas Blick zu begegnen. Die Frau sollte sich freuen,
so einen zahmen Bräutigam bekam sie so schnell nicht noch
einmal!
»Der oberste Richter dieses Landes ist anwesend und wird die
Trauung vornehmen«, sagte der König, »doch
geschlossen wird euer Bund nach den Gesetzen Vigilanders, und kein
Mensch und kein Engel sollen sich jemals dazwischen stellen
können.« War das ein Zwinkern in den Augen des
Königs? Wollte er Dannen daran erinnern, wie schnell so eine
Ehe sich wieder aufheben ließ, wenn erst einmal die Frau ihre
Sachen gepackt und den Mann sitzen gelassen hatte? Strenggenommen
waren Dannens Eltern immer noch Mann und Frau, aber wehe, es
erinnerte sie jemand daran… »So wirst du in
Vigilanders Namen verheiratet mit Hana, die hier an deiner Seite
steht.«
Vorsichtig schielte Dannen nach links, nur um zu sehen, ob Hana
wirklich da war und nicht das Weite gesucht hatte, während
Dannen den Thronsaal durchschritt - aber natürlich war sie da,
wich seinem Blick aus wie er dem ihren - eine großartige Ehe
versprach das zu werden!
»Möge eure Ehe so fruchtbar werden, wie die Engel es
uns heute versprechen.« An dieser Stelle raunte ein Lachen
durch den Saal, fruchtbar in der Tat, wenigstens das hatte Hana
schon unter Beweis gestellt. Aber um jedes weitere Kind würde
Dannen einen harten Kampf ausfechten müssen. Wenn
überhaupt. Sicher, wenn sie einmal verheiratet waren, konnte
Dannen Hana zwingen, mit ihm zu schlafen, wann immer er wollte -
mußte er sich darüber jetzt freuen? Und wie hatten es
seine Eltern überhaupt geschafft, vier Kinder zu bekommen?
»Sprich nun, Dannen von Vigilanders Blute, bist du bereit,
vor deinen Engel zu treten und den heiligen Eid der Ehe zu
leisten?«
Dannen lächelte. Aus dem Mund seines Vaters klang jeder Eid
wie ein Racheschwur. »Das bin ich«, sagte er laut und
war es nicht. Irgendwo hinter ihm erklangen Posaunen. Auch das
noch. Wenn es Musik gab, würden sie nachher noch tanzen
müssen… Aber niemand fragte Hana, ob sie bereit war.
Was, wenn Dannen ‘Nein’ gesagt hätte?
»Dann, Richter, tut Euer Werk, und tut es in Vigilanders
Namen!«
Der Richter verzog leicht das Gesicht bei diesen Worten. Er war in
Doubladir geboren, aufgewachsen und würde wohl auch in
Doubladir sterben, und weit konnte das nicht mehr hin sein, denn
der oberste Richter war alt genug, um schon die Eltern des
Königs getraut zu haben, und er hatte auch das Schreiben
aufsetzen müssen, als der König Rul als Sohn aufnahm; er
kannte die Familie wohl besser als irgend jemand, der nicht mit ihr
verwandt war - aber sein Herz schlug für den Engel der
Gerechtigkeit, nicht der Rache. Dannen wußte, sein Vater
hatte schon alles daran gesetzt, Richter in Vigilanders Namen
ernennen zu dürfen, die das Schwert führten und mit dem
Schwert richteten, aber die konnten einen Verbrecher enthaupten,
nicht eine Ehe schließen. Ehen gingen immer noch nicht ohne
Gerechtigkeit. Außer dieser hier.
»Wendet Euch nun einander zu, Dannen von Vigilanders Blute
und Hana« - es klang seltsam, so ein langer Name für ihn
und so ein kurzer für Hana, man hätte sie wenigstens nach
ihrem Heimatort nennen können, aber in dem Moment fiel Dannen
auf, daß er noch nicht einmal wußte, woher Hana stammte
oder wie alt sie genau war. Solange sie nur die schöne
Falknerin war oder Gerrats ferne Geliebte, mochte das noch gehen,
aber nun war es an der Zeit, daß Dannen seine Frau besser
kennen lernte.
Aber vor allem mußten sie nun gehorchten, sie drehten sich,
daß sie einander gegenüberstanden, und Dannen
fühlte sich so eingefroren, wie Hanas Gesicht in dem Moment
war. Kein Lächeln, nicht.
»Hebt eure linke Hand, und laßt die Handflächen
sich berühren.«
Auch das taten sie, steif und zaghaft. Dannen konnte nicht sagen,
ob sie einander jemals berührt hatten, aber Hanas Hand war so
kalt und abweisend, daß er es so schnell nicht wieder wollte
- nichts von dem Gefühl der Liebe, das er früher in sich
gespürt hatte, wenn er auch nur an sie dachte, war geblieben.
Hätte er seine Handfläche gegen das Glas eines Spiegels
gelegt, es hätte sich einladender angefühlt. Aber
wenigstens mußte er nur die linke Hand nehmen, da hatte sich
das kriegerische Doubladir doch gegen den friedfertigen Tolimander
durchsetzen können: Die rechte Hand eines Doubladai
gehörte an seinen Schwertgriff und sonst nirgendwo hin.
Ein kalter Schauder lief Dannen über den Rücken, als der
Richter ihm Hand und Handgelenk mit einer breiten Seidenschnur an
Hanas band. Tolimander hatte es mit gefesselten Händen, die
Richter bekamen ihre vor dem Urteilsspruch gebunden, und so
fesselte man auch Eheleute aneinander. Seine Finger suchten Kontakt
zu Hanas, es war einfacher, wenn sie ihre Hände ineinander
verschränkten, sonst schnitt sich das Band unangenehm ein,
aber auch wenn Hana es mit sich geschehen ließ, bewegte sie
ihre Finger nicht von sich aus seinen entgegen.
Der Richter machte einen Schritt zurück und hieß sie
sich dann zu den Menschen im Saal umdrehen, damit jeder sehen
konnte, wie ihre Hände gebunden waren. Und eines mußte
man diesem alten Mann lassen, er konnte verdammt feste Knoten
machen. Diese Ehe begann mit Schmerzen - was für ein Zeichen
sollte das denn sein?
»Vor Vigilander seid Ihr zusammengetreten«, sagte der
Richter mit seiner nasalen, singenden Stimme, »nun wird
zusammengefügt, was zusammen gehört.«
Die Menge klatschte und jubelte, als würde sie dafür
bezahlt - Dannen hoffte, das nicht. Diese Hochzeit würde schon
genug Geld verschlingen, das sonst gut im Krieg verbrannt werden
konnte, allein die alle durchzufüttern… dafür
würde ein gebratener Ochse nicht reichen, da brauchte es schon
eine ganze Herde!
»Ehe ihr den Text des Hochzeitseides sprecht«, fuhr
der Richter fort, »reiche ich euch nun den Hochzeitskelch,
damit er eure Zungen und Herzen eint und ihr fortan als eine Stimme
sprecht.« Was für gewöhnlich hieß, der Mann
sprach, während die Frau schwieg - mit Hana versprach das
schwieriger zu werden.
Sie mußten den Kelch mit ihren aneinander gebundenen
Händen annehmen, ein Unterfangen, das sie besser vorher
geübt hätten, aber nun war es dafür zu spät -
irgendwie mußten sie versuchen, den großen silbernen
Kelch, der auch noch bis unter den Rand gefüllt war, zu
halten, ohne den ganzen Inhalt zu verschütten. Und das vor all
den Leuten, die bestimmt nur darauf warteten, daß einer von
ihnen einen Fehler machte… Wenn der Kelch ihnen hinfiel,
stand die ganze Ehe unter einem schlechten Stern, und Dannen war
fast in Versuchung geführt, einfach loszulassen und dem
Schicksal seinen Lauf, aber er war immer noch hier, um den Ruf
seiner Familie zu retten, also mußten sie ihr bestes geben,
beide, und sich nichts anmerken lassen. Mit soviel Würde, wie
er aufbringen konnte, führte er den Kelch vorsichtig an Hanas
Lippen.
Sie nippte nur daran und schob den Kelch dann so weit von sich,
wie sie konnte und Dannen das zuließ. Die Hochzeit würde
hart für sie werden, so viele Trinksprüche würde man
auf das Brautpaar noch ausbringen, und das, wo Hana mit ihrer
Schwangerschaft besser einen weiten Bogen um Wein machte…
Aber Dannen war nicht schwanger, und niemand erwartete, daß
ein Mann in der Nacht seiner Hochzeit nüchtern zu Bett gehen
sollte. Er zog den Kelch zu sich hinüber, und obwohl er von
Hanas Seite ein deutliches Ziehen spürte und sie ihm den Kelch
wohl am liebsten gleich wieder weggenommen hätte, leerte er
ihn unter dem tosenden Applaus der Hochzeitsgäste bis auf den
Grund.
Seine Hand war gefesselt, und auch wenn ihnen der Richter dieses
Band irgendwann wieder abnehmen würde, sollten die Fesseln der
Ehe doch ewig halten - aber Dannen hatte immer noch die
Möglichkeit, sie sich wenigstens
schönzutrinken.

Nach dem Entschluß,
einfach nichts mehr auf die ganze Hochzeitsgeschichte zu geben,
ging es Dannen ein wenig besser. Er konnte nicht ignorieren, wo er
sich befand - noch nicht - aber er konnte versuchen, zumindest so
zu tun, als ob die ganzen Leute nicht da waren und ihn
beobachteten. Wieso gab er immer soviel darauf, was andere dachten?
Er würde König sein, zumindest irgendwann, und keiner von
den Kerlen hier konnte irgend etwas dagegen tun, egal ob sie ihn
mochten oder nicht. Gut, sie konnten versuchen, ihn umzubringen,
aber sonst? Er mußte sich keine Sorgen machen. Und wenn er
zehn Varyns hatte, die ihm Krone und Schwert wegnehmen wollten -
sollten sie das doch erst mal versuchen!
Es gelang Dannen sogar, ein Lächeln aufzusetzen, nur der
Versuch, es mit Hana zu teilen, scheiterte - aber auch auf die kam
es nicht an, sie hatte ihm ebenso wenig zu sagen wie alle anderen.
Aber bevor es soweit war, daß sie sich auch nur seine
Gemahlin nennen durfte, stand ihr erst noch der Eid zuvor. Und die
Gebräuche verlangten, daß die Frau zuerst schwor -
vielleicht, damit der Mann noch die Möglichkeit hatte, es sich
anders zu überlegen.
Sie standen da, immer noch mit aneinander gefesselten Händen,
die sich wie gefesselte Füße anfühlten, so weit war
die Ausgangstür entfernt, und der König trat vor sie, so
daß jeder in der Menge ihn sehen konnte, das Schwert erhoben.
Er hob das Schwert mit beiden Händen senkrecht über
seinen Kopf, bestimmt auch nur, damit auch der hinterste Hansel ihn
sehen konnte, und senkte es dann langsam auf den Knoten in dem
seidenen Band hinunter.
»Im Namen Vigilanders«, sagte er laut, »sollte
einer von euch den heiligen Bund brechen, möge die Rache des
Engels ihn treffen und trennen, was nur das Schwert zu trennen
vermag.« So wie er es sagte, klang es wie eine Drohung,
daß Dannen und Hana bis zum Ende ihrer Tage aneinander
gekettet bleiben sollten - aber auch wenn es ihm auf der Zunge lag,
sparte sich Dannen diese Bemerkung. Ein Lacher im Publikum war
nicht soviel wert wie ein Kopf, der noch auf den Schultern
saß, und Dannen war noch lange nicht betrunken genug, als
daß man ihm so etwas verziehen hätte. Der König
legte das Schwert auf Hanas rechte Schulter, beiläufig genug,
um nicht wie eine Drohung auszusehen, und doch mit der Spitze auf
ihren Hals gerichtet. »Schwöre nun in Vigilanders Namen,
Hana, daß du deinem Gemahl treu sein wirst und ergeben, was
auch immer kommen möge. Schwöre Tugend und Treue auf
Vigilanders Schwert, oder bezahle es mit deinem Blut.«
Dannen wollte in diesem Moment nicht Hana anblicken müssen,
aber er hatte keine andere Wahl. Er sah, wie sie noch weiter
erbleichte, und da sie ungeschminkt vor ihm stand, fiel es um so
mehr auf. Er versuchte, ihr irgendwie zuzulächeln, sollte sie
doch schwören, ein Eid waren auch nur Wörter, aber es
gelang ihm nicht, der Moment war zu ernst, und alles, was Dannen
zustande brachte, war ein finsteres Starren, für das er sich
haßte. Hana öffnete den Mund und schloß ihn
wieder, und das Zittern, das durch ihren Körper lief, ging
durch ihre Hand auch in Dannen über und ließ ihn
frösteln. Dann, von einem Moment auf den anderen, klärte
sich ihr Gesicht auf, wurden ihre Augen hell, und sie richtete sich
kerzengerade auf unter dem Schwert, bevor sie mit lauter, klarer
Stimme anfing zu sprechen.
»Ich, Hana, schwöre«,
sagte sie, »bei dem Engel der Rache, bei dem Engel der
Gerechtigkeit, und bei allen anderen Engeln, daß ich diesem
Mann, der mir seine Hand angetragen hat, den ich über alles
liebe, treu sein werde bis über den Tod hinaus, so wahr das
Blut Vigilanders in seinen Adern fließt und sein Haus
über Doubladir herrscht. Ich schwöre bei meinem Leben,
daß kein anderer mein Lager teilen wird, daß ich nur
ihm Kinder gebären werde und niemandem sonst, und ich
schwöre, daß ich seinem Wort Folge leisten werde wie
keinem anderen. Ich schwöre bei meinem Blut, sollte ich jemals
diesen heiligen Eid brechen, möge mein Leben verwirkt sein
unter eben jenem geheiligten Schwert, auf das ich nun diesen Eid
leiste. Und die Engel sind meine Zeugen und meine Wächter und
meine Richter, so wahr und so lange ich lebe.«
Dannen fühlte, wie alles Blut aus seinem Gesicht wich,
während sie sprach. Er sah ihr Lächeln, er sah, wie der
Stolz in ihren Körper zurück floß, wie sie mit
jedem Wort, das sie sprach, wieder zu der freien Frau wurde, in die
er sich verliebt hatte, und doch konnte er in diesem Moment nichts,
als sie bewundernd zu hassen. Bewundernd für ihren Mut und
ihre Klugheit, und hassen dafür, daß sie ihre ewige
Treue nicht ihm schwor, sondern Gerrat. Seinem verdammten toten
Bruder. Und Dannen konnte nichts dagegen tun.
Als Hana geendet hatte, nahm der König das Schwert von ihrer
Schulter, die Posaunen bliesen, und die Menge applaudierte wieder.
Hatte denn niemand außer Dannen begriffen, was Hana da gerade
tat? Nein, sie hatte es so geschickt gesagt, daß man genau
hinhören mußte, so genau wie der Richter, der ein jedes
Wort des Schwurs mitgeschrieben hatte und es ihr gleich zur
Unterschrift vorlegen würde in ihrem eigenen Blut - aber egal
ob auf Pergament festgehalten oder nicht, es änderte nichts an
dem Schwur und daran, daß Hana ihn gerade vor dem ganzen
Königshaus, vor dem ganzen Königsreich zum Narren gemacht
hatte. Sie sollte dafür büßen. Aber Dannen
wußte nicht, wie.
»Du hast deine zukünftige Gemahlin schwören
gehört, Dannen von Vigilanders Blute«, sagte der
Richter. »Leistest nun auch du den heiligen Eid, wird diese
Ehe geschlossen und in Stein gemeißelt, daß nur der Tod
sie trennen kann und die Engel selbst.«
Dannen fühlte sich am ganzen Körper beben. Jetzt konnte
er noch dazwischenrufen, ‘Hört doch, sie hat den Eid
nicht mir geschworen, diese Ehe ist ungültig!’, aber
damit schnitt er sich nur ins eigene Fleisch - wer jetzt noch nicht
wußte, daß er der letzte Trottel war, würde es
dann begriffen haben. Aber er war nicht gut genug mit Worten, und
wenn doch, nicht gut genug im Denken, um es Hana jetzt mit gleicher
Münze heimzuzahlen und selbst einen Eid zu leisten, der sie
genauso übel in die Zange nehmen sollte wie sie eben ihn.
»Schwöre nun, Dannen!« Der König wurde
ungeduldig, weil Dannen noch nicht zu schwören angefangen
hatte, und je länger er das jetzt rauszögern würde,
desto länger dauerte es, bis es für alle etwas zu essen
gab.
»Ich werde auf das Schwert schwören«, antwortete
Dannen. »Was für meine Braut recht ist, das muß
auch ich nicht fürchten.« Er verfluchte sich im gleichen
Moment dafür. Wollte er sich erst recht in Schwierigkeiten
bringen, sich so verschwören, daß er da selbst nicht
mehr rauskam? Hana, soviel war jetzt ein und für alle Male
klar, würde ihn nicht zwischen ihre Schenkel lassen, und wenn
er jetzt das Falsche sagte, galt das auch für alle anderen
Frauen… Es wird keine weiteren Bastarde geben… Dannen
wollte fluchen, nicht schwören, aber da fühlte er schon
das kalte Gewicht des Schwertes auf seiner linken Schulter. Dann
eben mit Schwert. So heilig war es auch nicht, in Wirklichkeit,
wenn es Ruß brauchte, um nach Rache zu verlangen - und wenn
man ein Schwert fälschen konnte, dann auch einen Eid. Wenn
Dannen doch nur gewußt hätte, wie!
»Ich, Dannen, schwöre«, fing er an. So fing man
immer an, und er hatte drei Wörter mehr Zeit zum
Überlegen, aber ihm fiel nichts ein. Er fing nochmal von vorne
an, mit ein paar mehr Wörtern: »Ich, Dannen von
Vigilanders Blute, Thronfolger des Landes Doubladir,
schwöre«, aber da hörte es schon wieder auf. Es
half nichts, Dannen konnte Hanas Eid nicht ebenbürtig
erwidern. »Schwöre, diese Frau, die mich mein Engel und
meine Gesetze gebunden haben, zur Frau zu nehmen und sie auch so zu
behandeln -« Was wurde das? Redete er irre? Hatte ihm der
eine Becher Wein solch einen Knoten in die Zunge gemacht?
»Und wo sie mir treu ist und ihr Lager mit mir teilt, werde
auch ich ihr treu sein -« Na, vielleicht war dies das
Schlupfloch, nach dem er gesucht hatte - treu nur, wenn sie auch
etwas dafür tat. Dannen atmete durch und brachte den Rest des
Eides schnell hinter sich, je schneller er jetzt bei der
Schlußformel ankam, desto schlechter konnte ihn noch jemand
unterbrechen und den Eid ungeschehen machen. »Ich
schwöre bei Vigilander, der über mein Haus wacht und
dessen Blut in meinen Adern fließt, und sollte ich diesen Eid
brechen, möge er mich strafen und meine Nachkommen bis ins
letzte Glied. Und der Engel ist mein Zeuge und mein Wächter
und mein Richter, so wahr und so lange ich lebe.«
Dannen schloß erleichtert die Augen, als er fertig war und
der Druck des Schwertes von seiner Schulter wich. Er hätte
gern gefragt, was genau sein Vater damals geschworen hatte,
daß er einfach so einen Bastard in die Welt setzen konnte,
ohne daß Vigilander selbst vom Himmel herabstieg, um ihn
für den Eidbruch zu strafen - aber wenigstens war er sich
selbst jetzt sicher, einen Eid geleistet zu haben, aus dem er ohne
großen Schaden wieder herauskommen konnte. Er nickte bei
sich, öffnete die Augen wieder und versuchte, unter den Leuten
im Saal vielleicht ein vertrautes weibliches Gesicht zu sehen. Hana
hatte ihn vor allen gedemütigt, und Dannens Eid versprach ihm
keine Rache - aber wenn er schon die Hochzeitsnacht in einem
anderen Bett verbringen sollte, würde sie schon sehen, was sie
davon hatte, ihn dermaßen vorzuführen.
»Dann«, schmetterte der Richter, begleitet von den
ewigen Posaunen, »ist diese Ehe besiegelt, und Dannen und
Hana sind vom heutigen Tag an Eheleute im Namen der
Engel.«
Und dann entdeckte Dannen seinen Denkfehler. Keine Bastarde, das
galt auch für ihn. Und hatte er den Gedanken früher abtun
können mit einem Schulternzucken und sagen ‘Wenn das
passiert, kann ich sie ja immer noch heiraten’ - das ging
jetzt nicht mehr. Dannen hatte jetzt eine Frau. Und mehr als eine
war nicht erlaubt. Dannen fluchte bei sich, und als er das Mitleid
in den Augen seines Vaters sah, wußte er, daß er
verloren war.

Der Rest des Tages war so
gnädig, sich nicht in Dannens Erinnerung festzufressen, auch
wenn es eine Menge Wein brauchte, um dem nachzuhelfen. Er konnte
sich nicht beschweren, daß es ihm schwer gemacht wurde, aber
er mußte dafür arbeiten. Oder zumindest: Er mußte
dastehen wie ein Esel und sich Treueschwüre anhören. Und
daß diese dann ihm galten und nicht irgend einem anderen
toten Kerl, war nur ein schwacher Trost.
»Mein Sohn ist tot«, rief der König, falls es
jemanden gab, der das noch nicht wußte. »Ein
feindlicher Schwerthieb hat Gerrat, meinen Erstgeborenen und
Thronfolger, getötet. Er ist als Held für Doubladir
gefallen: An seine Stelle rückt nun Dannen, mein
Zweitgeborener, den ihr hier vor euch seht.« Dannen fragte
sich, ob er sich für die Vorstellung bedanken sollte -
zumindest die eigenen Hochzeitsgäste sollten doch wissen, wie
er hieß. »Eines Tages wird er als König vor euch
stehen, wenn ihn nicht das Schicksal seines Bruders ereilt« -
klang da versteckte Hoffnung heraus? - »und darum verlange
ich, daß ihr ihm die Treue schwört, schon heute, so wie
ihr sie mir geschworen habt und seinem Bruder vor ihm.«
Dannen seufzte. Der ganze Saal war voller Volk, mußten die
jetzt alle schwören kommen? Sicher hatte nicht nur er Hunger -
Dannen hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen, weil ihm zu
spät eingefallen war, daß er sich noch herauszuputzen
hatte, aber er wettete, daß auch ein Großteil der Meute
hier nur zum Fressen da war. Sollten sie eine Reihe bilden und dann
einer nach dem anderen… Wenigstens konnte man die
Ausländer abziehen, die hatten ihre eigenen Könige und
Thronfolger, denen sie sich verschwören konnten. Aber wenn
Doubladir fand, daß noch nicht genug Eide abgeleistet worden
waren an diesem Tag…
Und dann folgte das Große Schwören. Zu spät kam
Dannen auf die Idee, die Männer einfach zu einem Chor zu
versammeln und ihnen den Eid gleichzeitig abzunehmen, aber so trat
einer nach dem anderen vor - zumindest die wichtigeren Leute, die
Generäle, die greisen Fürsten, Teile des Hofstaats,
Soldaten - und schwor mit den immer gleichen Worten auf das
Schwert, Dannen als König treu zu dienen, Doubladir und
Vigilanders Haus zu verteidigen, blah blah, nichts, was man nicht
schon tausendmal gehört hatte und vor allem nichts, was man
nicht einen Augenblick später wieder brechen konnte. Hatte man
in Koristan doch alles gesehen - oder leisteten die dort etwa keine
Eide?
Mit müdem Auge sah Dannen seinen zukünftigen Getreuen
zu, wie sie sich über das heilige Schwert beugten und seinen
Griff küssten: Natürlich den Griff, bei der Klinge
hätten sie ja Ruß an den Mund bekommen und den
König in Erklärungsnot gebracht… Wirklich, das
einzig gute an der Schwurgeschichte war, daß jeder von den
Männern im Anschluß an den Eid seinen Kelch erhob und
auf Dannens Wohl trank und allein schon der Anstand verlangte,
daß Dannen zumindest mit einem guten Schluck erwiderte. Was
seiner Absicht, den Rest des Tages zu ersäufen und sich selbst
gleich mit doch sehr entgegenkam. Ein mitdenkender Mensch hatte ein
Weinfass direkt im Thronsaal untergebracht, so daß niemand um
Nachschub verlegen sein mußte, und nirgendwo stand
vorgeschrieben, daß man es bei einem Schluck belassen
mußte.
Das andere Gute an der Sache war, daß Dannen dabei seine
Frau völlig aus den Augen verlor. Sie hatte ihren Teil an der
Hochzeit getan, jetzt drehte sich die Welt nur noch um Dannen - und
nahm das recht schnell wörtlich. Hana war irgendwo, vielleicht
bei den Frauen, vielleicht auch schon wieder im ihrem Gemach,
jedenfalls nicht an Dannens Seite, und darum waren sie wohl zu
gleichen Teilen froh. Dannen derweil fand sich irgendwann mit mehr
Getreuen, als er noch zu zählen imstande war, an einer Tafel,
wo es endlich den versprochenen Ochsen gab. Sicher etwas spät,
um mit dem Essen anzufangen, aber besser als gar nichts, wenn er
nicht vorhatte, sich höchst unköniglich zu
übergeben.
Er saß im Kreis seiner Familie, wo er sich zumindest
für nichts schämen mußte, zur Rechten des
Königs, und zu seiner großen Überraschung verstand
er sich einmal gut mit ihm. Vielleicht mußte man erst einmal
betrunken genug sein dafür, vielleicht war es aber auch, weil
sie beide verheiratete Männer waren, deren Frauen alles andere
taten als das, was man von ihnen erwarten konnte. Irgendwo war auch
Dannens Mutter, aber für die galt das gleiche wie für
Hana: Irgendwo, das hieß, nicht da, wo Dannen war. Und
niemand konnte mehr von ihm erwarten, daß er irgend einen
Überblick über die Anwesenden hatte.
Er saß neben dem König, da wo sonst immer Gerrat
saß, ein ungewohnter Platz, und Jaro saß links vom
König, auch er war jetzt einen Rang aufgerückt und sicher
nicht glücklich darüber - über vieles, was der Junge
sich leistete, konnte man den Kopf schütteln, und wenn er sich
auch redlich mühen mochte, sein Schwert und er wurden keine
Freunde mehr, und alles in allem konnte man ihn nur als
abschreckendes Beispiel dafür nehmen, warum ein Mann nicht von
seiner Mutter großgezogen werden sollte, die schaffte es
sogar, Engelsblut zu verweichlichen… Dannen machte ein oder
zwei Versuche, sich mit Jaro mal zu unterhalten und gab es dann
auf. Und das war der Moment, wo er Rul bemerkte und der Tag seine
nächste häßliche Wendung nahm.
Sicher, Rul saß wohl schon die ganze Zeit über neben
Jaro, aber er war Dannen irgendwie nicht weiter aufgefallen -
saß halt ein Bärtiger neben dem anderen, um Jaro jetzt
mal wohlmeinend als bärtig zu bezeichnen, da mußte noch
viel wachsen, und Dannen vermutete nicht nur da… Aber
plötzlich ging ihm auf, daß Rul mit ihm an einem Tisch
saß, an einem Tag wie diesem, und so tat, als gehöre er
zur Familie. Dannen stand auf, stützte sich mit beiden
Händen an der Tischplatte ab, so daß er sich auch weit
zu dem Bastard vorbeugen konnte, und ging ihn mit einem lauten
»He!« an, das ausreichte, um die Hälfte aller
Köpfe an der Tafel zu ihm zu drehen.
Nur Rul reagierte nicht. Was erwartete er, sollte Dannen ihn etwa
Bruder nennen? Oder seinen Namen in den Mund nehmen? Dannen wurde
deutlicher. »He, Bastard!«
Darauf hob Rul jetzt doch den Kopf - er war der einzige Bastard am
Tisch, und darüber mußte man noch froh sein. »Was
gibt es denn - Fürst?« Er sprach das Wort noch
schäbiger aus als Dannen eben das ‘Bastard’,
daß es sich glatt wie ein Schimpfwort anhörte, und
verzog dabei sein Gesicht zu einem abfälligen Grinsen.
»Ich hab dich nicht schwören hören!« sagte
Dannen.
Rul lachte. »Was schwören? Hab ich geheiratet oder du?
Wirklich, du mußt schon ziemlich besoffen sein, um das
durcheinander zu bringen.« Er war nur der Bastard, und
niemand hatte auf seine Worte etwas zu geben, aber es waren doch
Leute am Tisch, irgendwo weiter hinten, die lachten
tatsächlich mit.
»Du hast mir Treue zu schwören!« rief Dannen.
»Du schwörst mir Treue wie das restliche Pack, jetzt,
sofort!«
Rul schüttelte den Kopf. »Was soll ich mich Vigilanders
Haus verschwören?« fragte er verächtlich.
»Ich gehöre selbst dazu, schon vergessen?«
»Du bist ein dreckiger Bastard!« brüllte Dannen
und war halb erstaunt über sich selbst, daß er es
schaffte, ebenso laut zu werden wie sein Vater es sonst tat.
»Wag es nicht, dich zu Vigilanders Haus zu
zählen!« Ein schwieriger Name für eine
weingelähmte Zunge, aber es gehörte viel dazu, bis Dannen
den Namen seines Engels nicht mehr aussprechen konnte. »Du
kannst froh sein, daß du am Leben bist, aber wart nur, bis
ich erstmal König bin, dann sieht das ganz anders
aus!«
Es war lange her, daß sie zuletzt direkt aneinander geraten
waren. Ganz am Anfang konnten sie sich ja noch nicht prügeln,
weil Rul immer noch drei Jahre jünger war als Dannen und damit
zwar verhauen werden konnte, aber noch nicht zurückschlagen -
das kam dann, als sie beide etwas älter wurden. Aber es machte
wenig Spaß, sich mit Rul zu prügeln, weil er früher
oder später immer zum Vater rannte und dann aus sicherer
Entfernung Rache schwor, die Jahre, die ihm an Dannen fehlten,
führten dazu, daß er nie eine richtige Herausforderung
wurde. Später kamen dann Schwerter, aber da mußten sie
Regeln einhalten, und man muß zugeben, daß sie sich
auch irgendwie aneinander gewöhnten, so daß Dannen zwar
als Kind noch oft behauptete, er würde Rul mal erschlagen und
die Familienehre wiederherstellen, aber später erschien ihm
das dann doch ein wenig übertrieben.
Sie konnten einander nicht ausstehen, daran änderten auch die
Jahre nichts, und das war allein Ruls Schuld - er hätte sich
auf den Standpunkt stellen können, daß er nur ein armer
kleiner Junge war, der nichts dafür konnte, den man seiner
Mutter entrissen hatte, damit er beim fremden Vater und den noch
fremderen - Hah! - Geschwistern aufwachsen mußte… Aber
statt dessen war Rul ein kleiner Kotzbrocken, oder später ein
größerer Kotzbrocken, der es einem leicht machte, ihn zu
hassen. Aber irgendwann gingen sie sich vor allem aus dem Weg, und
einer erinnerte den anderen nicht daran, daß er noch da war,
und so ging es meistens ganz gut. Bis auf jetzt. Rul hätte es
besser wissen müssen, als Dannen zu provozieren, einen Mann,
in dessen Adern sich das Blut des Engels der Rache mit einer
gehörigen Menge Wein mischte - er war also selbst schuld.
»Komm erstmal lebend aus dem Krieg zurück, eh du was
vom Königssein faselst!« höhnte Rul. Er mochte auch
schon seinen Teil getrunken haben, aber in dem Moment hörte
Dannen nur die Drohung darin. Hatte er sich jemals Sorgen wegen
Varyn gemacht? Die wahre Bedrohung war doch hier, saß mit am
Tisch und wartete nur geduldig, bis alle legitimen Söhne des
Königs tot waren - aber so nicht. Nicht mit Dannen.
Die Bratengabel schaffte es noch irgendwie von selbst in seine
Hand, aber als er sich vorwärts warf, war es wohl dem Alkohol
geschuldet, daß Dannen Ruls Gesicht und vor allem seine Augen
weit verfehlte, aber nicht weit genug, um den Bastard nicht
zumindest noch am Arm zu treffen. Rul brüllte auf,
stürzte sich seinerseits auf Dannen und mußte den Dolch
dafür schon lange vorbereitet haben, denn den hielt er fest
umklammert, auch als Jaro ihn packte und nach hinten wegriß.
Jaro, ausgerechnet! Aber Dannen hatte nicht lange Gelegenheit, sich
darüber zu wundern, denn bei ihm war es sein Vater, der ihn
vom Tisch wegschleifte, weit genug, daß er nicht mal mehr mit
dem Schwert an den vorgeblichen Bruder drangekommen wäre.
»Genug!« brüllte der König.
»Genug!«
Und die Welt mußte ihn wohl beim Wort genommen haben, denn
Dannen konnte nicht mehr sagen, was danach noch
passierte.

Dannen erwachte mit schwerem
Kopf, pelziger Zunge und ohne daß er sagen konnte, wo er war
oder wie dorthin gekommen. Wenigstens war es ein Bett, und es
konnte sein eigenes sein. Hauptsache Bett. Er wollte sich einmal
über die Augen reiben, sich dann umdrehen und weiterschlafen -
es war dunkel genug, um noch oder schon Nacht zu sein, und wenn dem
so war, hatte Dannen keine Lust, jetzt irgendwie aufzustehen und
herumzulaufen - als er mit dem Fuß gegen etwas stieß.
Gegen jemanden.
Auf einen Schlag ebenso wach wie nüchtern schoß Dannen
hoch, und die Sterne, die er sah, sagten ihm, daß es mit
nüchtern doch noch nicht so weit her war, aber dann konnte er
wenigstens erkennen, wer da neben ihm lag. Es war eine Frau, den
nackten Rücken ihm zugewandt, und ihre üppige dunkle
Lockenpracht und überhaupt die Breite ihres ganzen
Körpers verrieten ihm, daß es nicht Hana war. Dannen
atmete fast erleichtert auf. Nicht, daß es keine schöne
Vorstellung war, irgendwann einmal mit Hana zu schlafen - nachdem
sie ihr Kind hatte, und wenn sie gelernt hatte, ihn zu
lieben… Wenn er sie statt dessen im Suff ins Bett gezerrt
hatte und sich vor allem nicht einmal mehr daran erinnern konnte,
wie es war, mit ihr zu schlafen - nein, so durfte das nicht sein.
Dann doch lieber die Hochzeitsnacht mit einer Fremden verbringen.
Wenn es denn eine Fremde war: Von hinten kam sie Dannen doch
irgendwie bekannt vor. Gut möglich, daß es eine
frühere Freundin war, von ihm oder von Gerrat, Dannen war
nicht so wählerisch.
Er fror. Die Nacht war nicht nur dunkel, daß er kaum mehr
als die reglosen Umrisse der Frau ausmachen konnte, sie war auch
kalt, kälter noch als die letzte. Oder kam das auch vom
Saufen? Dannen hatte Durst, übelsten Durst, aber die
Vorstellung, in diese kalte Nacht hinauszusteigen und sich auch nur
drei Schritt bis zur Waschschüssel zu bewegen, lähmte
ihn. Es war zu kalt, und das brachte ihn langsam wieder ans Denken.
Und Denken war niemals gut.
So schön es auch sein mochte, hier mit einer Frau zu liegen,
er durfte es nicht. Eid hin, Eid her - was, wenn sie schwanger
wurde? Hatte man ja an Hana gesehen, wie schnell so Frauen zu einem
Kind kamen, er konnte sich nicht vorstellen, daß Hana und
Gerrat Tag und Nacht nichts anderes gemacht hatte. Plötzlich
hoffte er, daß in dieser Nacht noch nichts passiert war,
daß er sich zwar in heißer Erregung mit der Frau ins
Bett verzogen hatte, nur um im nächsten Moment einzuschlafen
und die Frau mit nichts als seinem Schnarchen zu beglücken -
ja, das war gut möglich, im Suff verlor man nicht nur die
Kontrolle über Arme, Beine und Hirn, sondern auch manches
andere. Es war nichts passiert, noch nichts, und wenn er sich jetzt
schnell etwas überzog, das Frieren konnte auch daran liegen,
daß er splitterfasernackt war, und dann die Frau nach Hause
schickte… Er packte sie vorsichtig bei der Schulter, um sie
wachzurütteln. Die Frau rührte sich nicht - und so kalt
und schlaff, wie sich diese Schulter anfühlte, würde sie
sich auch so schnell nicht wieder rühren.
Vor blindem Entsetzen hätte sich Dannen beinahe
übergeben müssen, aber er schaffte es, ruhig genug zu
bleiben, um die Frau wenigstens auf den Rücken zu drehen.
Sehen, wer sie war. Sehen, ob sie nicht doch noch lebte. Vielleicht
hatte sie auch nur zu viel getrunken und das Bewußtsein
verloren, das konnte ja passieren, Dannen war auch gerade sehr
danach… Aber als er sie dann da liegen sah, gab es keinen
Zweifel mehr, daß sie tot war, wirklich tot. Der Mond schien
zum Fenster herein, und in seinem bläulichen Licht sah Dannen
deutlich die dunklen Würgemale am Hals der Frau. Seine
Hände fingen an zu zittern. Würgemale und ein völlig
verzerrtes Gesicht, die Augen aufgerissen, die Zunge quoll aus dem
Mund, alles bläulich, alles sehr, sehr tot…
Wie von selbst glitten seine Hände an ihren Hals. Er
mußte nicht mehr sehen, daß seine Finger genau dorthin
paßten, wo die dunklen Flecken waren. Es reichte, daß
er plötzlich genau wußte, wie sich ihr Hals
anfühlte, jetzt und als er noch lebte. Wie es sich
anfühlte, zuzudrücken, sich mit ganzem Gewicht auf einen
strampelnden, sich wehrenden Leib zu drücken, bis der
Widerstand unter seinen Fingern brach und das Leben mit einem
Schlag fort war. Seine Hände erinnerten sich.
Panik packte Dannen, jähes Erwachen und Erkennen - er hatte
eine Frau getötet. Es war egal, daß er ihren Namen nicht
kannte, sie war tot. Sie würde keine Kinder mehr kriegen, sie
würde überhaupt nichts mehr kriegen im Leben, es war kein
Leben zum Kriegen mehr da, und Dannens Hände erinnerten sich,
wie es war, sie erwürgt zu haben. Er saß im aufrecht im
Bett in einem Zimmer, das vom Mondlicht immer heller beschienen
wurde, einem kleinen Zimmer ohne Tür, ohne Fenster, die
Wände über und über mit Zeichen beschrieben, fremde
Zeichen in der Sprache der Engel, er konnte sie nicht lesen, es
waren zu viele. Sie leuchteten weißlich. Es war kein Mond,
der die Zelle erhellte. Und während er sie sah, krochen sie
über die Wand auf ihn zu, auf sein Bett, auf sein Laken, auf
seinen wehrlosen Körper. Sie waren kälter und töter
als der Tod selbst. Blinde, schwarze Panik. Dannens Herz raste und
donnerte, als versuche es, für zwei zu schlagen, und erst als
es dunkel um ihn wurde und dann wieder hell, begriff er, daß
es nur ein Traum war. Nur ein Traum, nichts weiter.
Dannen lag in seinem Bett, völlig durchgeschwitzt, sein Herz
hämmerte noch immer, er konnte sich kaum rühren, etwas
drückte ihn auf sein Laken zurück, aber es gelang ihm
trotzdem, nach den Seiten zu tasten. Er war allein, ganz allein.
Langsam versuchte Dannen wieder zu Atmen zu kommen, den Traum
abzuschütteln und die Erinnerung daran zu all den Dingen vom
Tag zu packen, an die er sich auch nicht mehr erinnerte. Er
träumte sonst nicht so. Träumte er eigentlich je? Es war
nichts, was er normalerweise wußte, wenn der Morgen kam.
Träume waren etwas für andere Leute…
Aber Dannen lag im Bett, das sein eigenes war, und konnte nicht
wieder einschlafen. Zu sehr saß die Angst an den Traum noch
in seiner Brust, in seinem Kopf, stärker als der Nachhall des
Weins, der ihn hätte betäuben sollen. Und so fest er auch
die Augen schloß und die Bilder zurück in die Nacht
verbannte, der Rücken der Frau, die Male an ihrem Hals, die
Zeichen an der Wand - seine Hände erinnerten sich immer noch
daran, wie es war, einen Menschen zu erwürgen.
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