Drittes Kapitel

Mendrion war es, der die wahren Worte sprach. »Wenn du schon vor deine Hochzeit anfängst zu trinken, wie soll das dann erst gehen, wenn du verheiratet bist?« Wahre Worte, und doch völlig unangebracht. Der Hauptmann Mendrion hatte schon wieder vergessen, wo sein Platz war. Dannen wünschte, er könne das auch.
»Ich hab dich auf meine Hochzeit eingeladen«, knurrte Dannen, »aber nicht, damit du mir Vorträge hältst!« Dafür waren die Frauensleute da - seine Schwester, die war ja gerade in der Übung seit ihrer gemeinsamen Reise, und, um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, seine Mutter. Dannen grauste vor seiner Ehe, aber nicht, weil dann eine Frau mehr an ihm herummeckern konnte. Sondern weil er im Grunde seines Herzens wußte, daß sie der Fehler seines Lebens war.
Hana ziehen lassen. Das war die einzige sinnvolle Lösung. Laßt sie ihr Kind nehmen und sonstwohin gehen. Es würde ihnen keinen Ärger machen. Jedenfalls nicht mehr, als sie jetzt ohnehin schon mit Varyn hatten. Niemand würde jemals erfahren, wer der Vater war. Gebt ihr noch einen Beutel Geld mit, damit sie und das Kind nicht in Armut leben müssen, und dann lebwohl. Ein letzter Blick, ein letztes Nicken, und dann ein und für allemal Freiheit auf beiden Seiten. Neue Männer für Hana. Neue Frauen für Dannen. Aber nein - in dem entscheidenden Moment, wo er einmal in seinem Leben alle hätte richtig machen können, hatte er natürlich alles falsch gemacht, und war auch noch stolz gewesen auf seine brillante Argumentation.
Jetzt mußte Hana ihn heiraten, ob sie wollte oder nicht - und oh, sie wollte nicht, das sah man ihr schon von weitem an. Dannen hätte sich ohrfeigen können - daß er das nötig hatte! Warum schlug er sie nicht gleich nieder und band sie am Bett fest, damit sie erst recht nicht wegrennen konnte, das kam doch ungefähr aufs Gleiche raus… Es war wie verhext. Dannen konnte nicht einmal mehr sagen, ob er Hana überhaupt noch liebte, aber egal was sie tat, oder was er tat, er kam nicht von ihr fort. Und jeder Schritt, den einer von beiden in die falsche Richtung tat, machte es für sie beide nur um so schwerer.
»Ich wußte nicht, daß du es so eilig hast damit«, sagte Mendrion, und der Schluck, den er von seinem Bier nahm, war mehr eine Entschuldigung dafür, daß er den Krug nicht angerührt hatte, als bis das letzte Restchen Schaum eingefallen war.
»Ich auch nicht«, antwortete Dannen kurz angebunden. Warum hatte er Mendrion jetzt bloß eingeladen? Doch nicht, um sich das Herz auszuschütten! Dannen verstand sich selbst immer weniger. Es gab den einen Dannen und den anderen, und sie drifteten immer weiter auseinander. Leider war der eine Dannen, der ein getreuer Diener seines Hauses war und alles tat, um Schande und Gefahr von Vigilanders Sippschaft fernzuhalten, ein Arschloch - und der andere, der eigentlich nichts wollte als ein gemütliches, friedliches Leben, auch. »Ich hätt Venna mitnehmen sollen, weißt du noch, die Schankmagd - da hätten sie Augen gemacht!« Und diese Venna, im Unterschied zu Hana, hätte sich am Ende sogar gefreut, ihn zu heiraten. So aber kriegte er eine Frau, die ihn nicht liebte, ein Kind von einem anderen bekam, und die bestenfalls seinen Haushalt führen würde, aber niemals, todsicher niemals, mit ihm ins Bett gehen würde. Es war ein Fehler… Und Dannen hatte keine Ahnung, wie er da jemals wieder raus kommen sollte. Zumindest nicht lebend.
»Manchmal hab ich das Gefühl, du denkst einfach zu viel«, sagte Mendrion und kam gar nicht weiter, weil ihm Dannen sofort das Wort abschnitt.
»Ich denke nicht genug! Was soll ich denn machen, von einem Tag auf den anderen heißt es, ich werde König, weißt du, was das bedeutet? Jeder Furz, den ich von heut an tue, hat irgendwas zur Folge, was das ganze Land betrifft! Was sollte ich auch damit rechnen, daß mein verdammter Bruder sich einfach so umbringen läßt?« Dannen stürzte den Rest seines Bieres runter und verfluchte sich selbst, daß er sich von Mendrion auf Bier hatte runterhandeln lassen.
»Dann denkst du an die falschen Sachen«, sagte Mendrion ungerührt. Es war wirklich an der Zeit, ihn wieder zurechtzustutzen, er bildete sich einfach zu viel ein auf seine Position. Er war zweimal zum richtigen Moment am richtigen Ort, aber in seinen Augen machte ihn das jetzt zum besten Freund des Fürsten - nein, schon des Königs Dannen. Oder wo er gerade dabei war noch besser gleich zum Schwager… Dannen hatte bessere Freunde, die er mehr schätzte. Nur war keiner von ihnen mehr hier - sie waren alle drüben im Krieg, und man mußte nur darauf warten, wer von ihnen als nächstes sterben würde. »Was erwartest du, wenn deine Familie in die Schlacht zieht?«
»Aber warum kann nicht Rul sterben?« wütete Dannen. »Um den wär es nicht schade, verdammter Bastard… oder mein alter Herr, der wartet doch nur darauf - aber doch nicht Gerrat!« Irgendwo in Dannens Hirn saß eine Stelle, die hatte damit gerechnet, und die dachte, daß auch der König damit gerechnet hatte. Hätte er sonst Dannen eingeweiht in die Geheimnisse des Hauses? Ruß auf das heilige Schwert, damit die Klinge auf Geheiß des Engels schwarz wurde… Sie verdienten es, daß Vigilander ihr Haus auslöschte, ihr ganzes Haus, Dannen eingeschlossen, das war die Strafe für Frevler. Er hatte mit Gerrat angefangen, das war sicher der falsche, aber er würde nicht mit Gerrat aufhören. »Warum nehmen wir nicht gleich Varyn, drücken ihm das Schwert in die Hand und die nächstbeste Krone auf den Kopf und haben den ganzen Scheiß hinter uns? Spart dem Kerkermeister eine Schüssel Grütze am Tag, und seinen armen kleinen Bruder können wir dann auch endlich wieder raus lassen.«
»Sitzt der etwa immer noch in dem Loch?« Für einen Moment klang Mendrion entgeistert.
Dannen nickte. »Was juckt dich das, du warst bereit, ihn im Krieg sterben zu lassen, hier lebt er wenigstens. Ich hab dafür sorgen lassen, daß er eine bessere Behandlung bekommt, er hat eigenes Licht und so, ich bin ja kein Unmensch, und die Engel wissen, der Junge hat nichts getan.« Die Engel wußten eine ganze Menge, und der andere Junge hatte auch nichts getan und wurde trotzdem behandelt wie ein Schwerverbrecher… »Frage mich nur, was mein Vater jetzt mit den beiden vorhat, und ob überhaupt. Wenn er die auf Dauer da unten sitzen lassen will, werd ich fuchsig.« Natürlich, es war seine Idee gewesen, die beiden einzusperren, aber doch nicht gleich für so lange! Bis das mit Gerrat geklärt war, und mit Hana, und dann wieder raus mit den beiden! Aber jetzt mußte Dannen erst noch heiraten, und so wie es aussah, würde sich in der Zeit für die Jungs nichts ändern. »Wir hatten soviel Scherereien, die beiden zu bekommen, und jetzt läßt mein Vater sich Zeit, sie überhaupt mal anzusehen, wirklich, wenn ich das gewußt hätte!«
Wenn man Dannen Zeit ließ, fand er immer etwas neues, um sich aufzuregen, und wenn man ihm ein paar Humpen Bier dazu gab, wurde er nur noch besser darin. »Ich hab die Nase voll, ich laß die zwei jetzt raus und schleif sie zu meinem Vater, und dann soll der mal selbst sehen, was er mit ihnen macht!«
»Keine gute Idee«, sagte Mendrion.
»Was?« schnaubte Dannen. Mendrion hatte nicht über seine Einfälle zu entscheiden!
»Würde bis morgen warten, wenn ich du wär«, sagte Mendrion. »Es ist mitten in der Nacht, dein Vater ist schon zu Bett, du hattest das eine oder andere Bier, und morgen leben die Jungen immer noch, und was du nicht vergessen solltest: Du heiratest in der Frühe.«
Da, jetzt hatte er es. Dannen hatte wirklich gehofft, das zu vergessen. Aber dann sollte er morgen eben zwei Gäste mehr auf seiner Hochzeit haben.

Am anderen Morgen erwachte Dannen lang vor dem Tag. Das war um die Jahreszeit nicht weiter schwer, aber daß er gleich so früh aufwachen würde, hätte er dann doch nicht erwartet, nach dem Bier. Aber er hatte nicht gut geschlafen und nicht viel, und wie es zu erwarten war, fühlte er sich komplett erschlagen. Das war weniger eine Frage von Brummschädel, als mehr von kalten Füßen. Der Winter kam früh in diesem Jahr, und in Dannens Bett hatte er damit angefangen. Da fehlte jemand anderes, um es vorzuwärmen… Was ihn dann gleich wieder auf seine bevorstehende Hochzeit brachte und ihm den Tag versaute, eh der überhaupt angefangen hatte. Auch daß es um diese Jahreszeit sein mußte, kurz vor dem Winteranfang - letztes Jahr um die Zeit hatte er Hana verloren, statt sie zu gewinnen, und sie ausgerechnet jetzt zu heiraten, war ein Hohn. Aber das war es sowieso.
Dannen reckte die verspannten Glieder und bewegte sich ein bißchen, um wieder warm zu werden. Er hatte keine Lust, sich wieder hinzulegen, lieber wollte er seine letzten Stunden in Freiheit genießen, wie hatte er nur mit nüchternem Kopf so eine Idee fabrizieren können? Half alles nichts, geheiratet mußte werden, es sei denn, es gelang Dannen jetzt, sich entweder so zu verstecken, daß ihn niemand fand, oder sein Pferd bereitzumachen und sich selbst aus dem Staub - aber wohin sollte er reiten, heim nach Car Lamanthul? Und wo würde man ihn als erstes suchen? Nein, da machte es mehr Sinn, jetzt Hana aus dem Schlaf zu klopfen, ihr zu sagen, sie sollte sich was warmes anziehen, ihr ein Pferd zu geben und das Beste zu wünschen… Aber das konnte Dannen nicht, und es war zu gefährlich. Wenn der König das in den falschen Hals bekam und Hana die Jäger hinterherhetzte - wie weit konnte eine schwangere Frau reiten, und wie lange? Und er hatte sie schon beim letzten Mal, als er die Chance gehabt hätte, nicht freigeben können. Er konnte es auch jetzt nicht. Sie war immer noch die Frau, die er mehr geliebt hatte als jede andere.
Statt dessen erinnerte sich Dannen, nachdem er noch ein Paar warme Socken angezogen hatte zu denen, die er schon trug, an sein Versprechen aus der Nacht, und er ging in den Kerker hinunter, um zu sehen, ob da schon jemand auf war und wie es den Jungen ging. Er hatte sich die vergangenen Tage über nur um seine eigenen Dinge geschert, und das waren mehr als genug, seit Gerrat tot war, und war froh, keinen Gedanken mehr an Varyn verloren zu haben und an dessen Bruder erst recht nicht. Jetzt hatte er irgendwie schlechtes Gewissen ihretwegen, eigentlich waren das ja doch noch Kinder, und in der Zeit, die sie gemeinsam unterwegs waren, hatte er sie ja doch irgendwie besser kennen gelernt, so gut man jemanden kennen lernen konnte, der nicht mehr er selbst war nach dem Verlust seiner ganzen Familie. Gerrats Tod hatte ihm geholfen, die zwei besser zu verstehen, was nicht gut war. Es ging nicht darum, die Jungen zu verstehen. Es ging darum, herauszufinden, was Varyn war und zu welchem Engel er gehörte, und zu verhindern, daß er sie alle in ihren Betten ermordete und das Land an sich riß.
Der Kerker schlief genauso wie der Rest der Burg, auch der Kerkermeister war nicht mehr wach - nicht, daß es einen Unterschied machte, die Zellentüren waren mit dicken Riegeln gesichert, und wer es schaffen sollte, da durch zu kommen, dem machte auch ein alter Mann mit Gicht in den Knochen nicht mehr viel aus. Trotzdem warf Dannen einen Blick in die Kammer des Mannes, der nie das Tageslicht sah, und dort fand er einen Anblick vor, der ihn irgendwie erleichterte: Denn dort auf dem Boden, zusammengerollt auf einem Stück Fell, lag der Gaven und schlief. Dannen mußte bei sich schmunzeln. Gaven war ein häßlicher kleiner Bengel, aber man mußte ihn irgendwie mögen, und wenn es aus Mitleid war, man konnte ihm nicht lange böse sein, und ebenso wenig mochte man ihn lange einsperren. Da hatte sich der Kerkermeister die Aufforderung, dem Jungen Licht und etwas mehr Essen angedeihen zu lassen, etwas weiter ausgelegt und sich selbst für Gesellschaft gesorgt. Kerkermeister war wirklich einer der letzten Berufe, die Dannen sich vorstellen konnte, direkt vor König.
Er beschloß, die beiden erstmal schlafen zu lassen und sich direkt um Varyn zu kümmern. Der würde schon wach sein. Dannen wußte nicht, ob der Junge überhaupt mal die Augen zukriegte, wann immer er ihn nachts zu Gesicht bekam, war der am stillen Brüten, hellwach, und die Ringe unter seinen Augen waren unterwegs nicht besser geworden. Aber all die Zeit über, seit er ihn in Ausnahmezustand vor dem eingestürzten Stollen eingesammelt hatte, war nie die Gelegenheit gewesen, in Ruhe mit dem Jungen zu reden - und auf Elomond. Wochenlang, und nie war Dannen dazu gekommen, ihn mit den längst einstudierten Worten zu konfrontieren um zu sehen, wie er darauf reagierte. Nicht, daß es jetzt noch viel ausmachte, Varyn war ein Engelsgeborener ohne jeden Zweifel, aber trotzdem… Dannen gab einen einmal gefaßten Plan nur ungern wieder auf. Und hier konnte ihm der Bursche wenigstens nicht weglaufen.
Dannen war froh um die Fackel in seiner Hand, weil sie ein bißchen Wärme gab - war es in seiner Kammer schon kalt gewesen, war es hier unten richtig frostig. Kein Ort, wo man sich lange aufhalten mochte. Falls Dannen überlegt hatte, sich in einer der Zellen zu verstecken, um der Hochzeit zu entgehen, verwarf er das sofort wieder. Fehlte nur noch, daß sein Atem zu Rauch gefror, aber so kalt war es dann wohl doch noch nicht. Vielleicht im Winter… Winter war immer ihre Versteckspielzeit gewesen, aber die Zeiten lagen zu lang zurück, als daß Dannen sich erinnern konnte, ob er dann schon einmal hier gewesen war. Verboten war der Kerker ihnen allemal, aber er wurde auch nie groß genutzt - Schurken richtete man hin, statt sie durchzufüttern. Und der Kerkermeister war früher mal einer der Waffenmeister gewesen, ehe ihm Arme und Beine lahm wurden und er im Keller abgestellt wurde, mehr ein Akt der Gnade, denn keiner wußte so recht, wo hin mit dem alten Kerl.
Dannen ging etwas langsamer und suchte die Worte zusammen, die er sich zurechtgelegt hatte - so oft hatte er das schon im Kopf durchgespielt, aber die fremden Wörter jetzt über die Lippen zu bringen, war etwas anderes. Wenn Gerrat sein Elomond lernte, hatte Dannen immer besser Dinge zu tun gefunden - ein König mußte die Sprache wohl können, aber wann hatte Dannen schon damit gerechnet, daß er das einmal werden sollte? Jetzt rächte sich das, und nicht nur mit der Sprache. Also: ‘Andalin tir elomarl su raka?’ - Hast du heute schon den Himmel gesehen? Dannen schüttelte den Kopf. Gab es etwas Mieseres, das man einen Jungen im tiefsten Kerker fragen konnte? Als sich Dannen den Satz aussuchte, paßte das alles noch sehr schön, aber jetzt sollte er sich doch besser einen anderen überlegen, oder hoffen, daß Varyn doch kein Elomond konnte, wenn er nicht mit einer gebrochenen Nase enden wollte. Daß, oder gleich ganz auf das Experiment verzichten.
Dannen stand vor der verschlossenen Tür, eine Hand am Riegel, die andere an der Fackel, und rief sich verzweifelt Wörter und Satzbau in den Kopf. Einigermaßen verstehen war eine Sache, selbst sprechen eine andere. Dannen mußte sich mit vor langer Zeit auswendig gelernten Sprüchen behelfen, Segen und Gebete für kleine Kinder. Der Himmel soll dir helfen, das mußte er doch noch auf die Reihe bringen! ‘Elomar loentos ejon tai’ Oder loentoi? Ejos? Egal. Irgend einen Sinn würde es schon machen. Dannen hoffte nur, daß ihm Varyn dann nicht in fließendem Elomond antworteten würde, sonst stand er nämlich dumm da. Elomar loentos ejon tai… Dannen schob den Riegel zurück und öffnete mit Schwung die Zellentür.
Und dann erstarben die vorbereiteten Worte auf Dannens Lippen.
Varyn saß auf der Pritsche, die langen dünnen Beine angezogen und mit den Armen umschlungen, und blickte Dannen aus seinen unheimlichen grauen Augen weit offen und hellwach an. Sein Gesicht war im Fackelschein ohne jede Farbe, seine Wangen noch hohler als sonst, wie ein Gespenst. Nach ihrer ersten Begegnung hatte Varyn nicht mehr so ausgesehen, daß man Angst vor ihm haben mußte, aber jetzt war wieder so ein Moment - aber diesmal war Dannen darauf vorbereitet. Es war nicht der Junge, vor dem er erschrak. Es war das, was Varyn in der Zwischenzeit mit seiner Zelle gemacht hatte.
Dannen sah Wörter an den Wänden, Elomond, Zeichen an Zeichen, in weiß auf dem grauen Grund. Er wußte nicht, wo der Junge so plötzlich Kreide hergenommen hatte, vielleicht trug er sie die ganze Zeit mit sich herum, auch das Zeichen, daß Dannen an dem Stollen gesehen hatte, war in Kreide. Aber es ging nicht um das womit, es ging um das was. Dannen machte einen Schritt in die Zelle, hielt die Fackel vor sich, um einen Sinn in das Geschriebene zu bringen - in dem Moment sprang Varyn auf und begann, mit fieberhaften Bewegungen mit den Ärmeln die Zeichen fortzuwischen.
»Halt!« rief Dannen. »Weg von der Wand!«
Der Junge hörte ihn nicht. Dannen packte ihn bei der Schulter und riß ihn zurück, versuchte ihn mit einer Hand festzuhalten, während er las, was an Schrift übriggenblieben war - vieles war verschmiert, nicht erst seit jetzt, aber es war egal. So oder so wurde Dannen aus den Zeichen nicht schlau. Die Schrift war Elomond, keine Frage, aber welche Sprache das sein sollte, wußte Dannen nicht. Das waren nur Silben, die zusammen keinen Sinn ergaben, wie das Geschmier eines Kindes, das gerade schreiben lernte.
»Was soll das heißen?« fragte Dannen schroff und ließ Varyn los, so abrupt, das der zu Boden sackte.
»Nichts«, murmelte Varyn und rappelte sich auf, dann stellte er sich so mit dem Rücken zur Wand, daß Dannen der Blick auf die Zeichen wieder versperrt war. »Das heißt nichts.«
Dannen zog die Tür hinter sich zu. Das war ein Risiko, allein mit einem unberechenbaren Jungen in einer Zelle, und nicht nur, weil jemand von außen hätte absperren können. Das, was Dannen in Varyns Augen gesehen hatte, wollte er nicht Wahnsinn nennen, und die Unterhaltungen, die sie unterwegs geführt hatten, locker und freundschaftlich, Dannen wollte Varyn im Zweifelsfall auf seiner Seite haben und nicht zum Feind, waren auch die von normalen Menschen. Aber sie waren nicht normal, alle beide nicht, und das wußten sie auch - und was immer es war in Varyns Augen, es machte Dannen kälter als der Winter in seinem Bett.
»Varyn«, sagte er. »Mach mir nichts vor. Ich hab es gesehen, und das nicht zum ersten Mal. Wer hat dir diese Zeichen beigebracht?« Es gab nicht viel Auswahl. Ein Engel würde sich leichter in dieses entlegene Tal verirrt haben als ein Engelsgeborener.
»Ich selbst«, antwortete Varyn. »Warum fragt mich jeder danach? Sie gehören mir. Euch bedeuten sie nichts. Ihr habt Eure eigenen Zeichen.«
Dannen versuchte zu lächeln. »Das sind meine eigenen Zeichen. Darum frage ich.«
Varyn schüttelte den Kopf, dann nestelte irgendwie in seinem Hemd herum und zog dann ein ziemlich mitgenommenes Stück Pergament hervor. Was immer er da alles mit sich rumschleppte, Kreide, Schreibzeug… »Hier, das habe ich von Eurem Schreiber bekommen. Völlig andere Zeichen.«
Es war genau das, worüber sich ein Mann am Tag seiner Hochzeit unterhalten sollte: Schriftzeichen. An jedem anderen Morgen hätte man Dannen damit jagen können, aber jetzt nahm er die Abwechslung dankend an. »Hast du dich nie gefragt, warum wir uns auf deine Fährte gesetzt haben? Sicher, es gibt die Schrift, die der Schreiber benutzt, gut für Soldlisten, Briefe, alles mögliche, Weiberkram. Es gibt aber noch eine andere Schrift, in der die Sprache der Engel niedergeschrieben wird. Sie ist nur für Engel und ihre Nachkommen. Das sind ihre Zeichen.«
Varyns Lippen begannen sich zu kräuseln, verzogen sich zu einer Art Lächeln, aber er mußte nichts sagen, und auch Dannen grinste.
»Wir sind hier unter uns, Varyn. Wir wissen beide, daß du ein Engelsgeborener bist, du mußt mir nichts vormachen, ich habe Augen im Kopf. Die Idee, dich im hintersten Bergkaff zu zeugen, war gut, und die Idee, einen Bergmann aus dir zu machen noch besser, denn wärst du nicht den halben Tag völlig verdreckt rumgelaufen, hätten selbst eure Leute das früher oder später gemerkt. Aber was für ein Engel hat dich gezeugt, Varyn? Und warum hat er dir seine Schrift beigebracht, aber nicht seine Sprache?«
»Ich hab nie eine andere Sprache gebraucht.« Varyn entschied sich beim Antworten für die einfachere Frage, natürlich. »Und auch nie andere Zeichen.«
»Und welcher Engel?« fragte Dannen nochmal. Wenigstens stritt der Junge jetzt nichts mehr ab, entweder ließ er sich leicht in die Enge treiben, oder er haßte Lügen noch mehr als Dannen. Und die Frage kam nicht von ungefähr. Dannen hatte wirklich keine Ahnung, was Varyn sein sollte, und er dachte, daß er doch alle Engel kennen müßte. Aber keiner von ihnen hatte graue Augen.
Dannen ging sie im Kopf durch, so wie er sie von den Abbildungen kannte. Vigilander, die kannte er von sich selbst, zwei verschiedene Farben, braun oder grün, so wie auch das Schwert die Farbe ändern konnte, nur daß es bei den Augen echt war. Lorimander, blau. Iriander, rot. Korisander, auch blau. Elysander, golden. Alexander, grün. Kaliander, auch grün. Jetzt kam Dannen etwas ins Schwimmen, wer fehlte, das waren noch keine acht… Tolimander. Dannen hatte keine Ahnung mehr, wie der aussah. Hatte Tolimander graue Augen? Das konnte sein, paßte zu ihm, der ganze Engel war ja irgendwie grau mit seinem ‘Gerechtigkeit steht über Gut und … Aber wie sollte Tolimander ein Kind im Bergland Doubladirs aussetzen? Und warum? Tolimander, vor allem! Dieser wir-halten-uns-aus-jedem-Krieg-raus-Engel, versuchte der das jetzt etwa hintenrum?
»Ich kann’s nicht sagen«, flüsterte Varyn. »Und bitte, das andere, was Ihr gerade gesagt habt - behaltet das für Euch!«
»Einen Dreck werd ich tun!« entfuhr es Dannen. »Du weißt, daß mein Vater dich verhören will, du weißt, warum du hier unten sitzt - alles, was du uns irgendwie sagen kannst, hilft dir selbst mehr als uns, denn solange wir dich nicht einschätzen können, bist du eine Gefahr für uns.«
Wieder lächelte Varyn. »Ich bin eine Gefahr für alle, die mir nahe kommen. Und für mich selbst.«
»Red keinen Unsinn! Ich meine es ernst!«
»Ich auch.« Das Lächeln erstarb.
Dannen hatte schon eine Hand am Schwertgriff und ließ es dann doch sein. »Eigentlich bin ich gekommen, um dich heute hier rauszuholen, dich und deinen Bruder. Vielleicht freut es dich zu hören, daß der nicht mehr in seiner Zelle sitzt? Der Kerkermeister hat ihn bei sich aufgenommen.«
Varyn verzog keine Miene. »Dann ist der Kerkermeister ein Dummkopf.« Er drehte die Hände ineinander, während er sprach, und Dannen fielen seine zerschrammten Fingerkuppen und gesplitterten Nägel auf. Wenn er die Kreide bis aufs letzte Krümelchen aufgebraucht hatte, mußte das wehgetan haben. »Gaven muß nur hingehen und mich aus meiner Zelle befreien, dann komme ich in der Nacht und reiße Euer Land an mich, ganz wie Ihr befürchtet.«
»Ich befürchte gar nichts«, antwortete Dannen. »Ich hoffe.« Jetzt war das Lächeln an ihm. Wenn Varyn ihm den ganzen Dreck abnahm, Krone und Königreich, konnten sie dann nicht beide zufrieden sein?
»Und wenn ich sage, ich will Eure Krone nicht?« fragte Varyn.
Dannen zuckte die Schultern. »Dann sind wir schon zu zweit.« Er trat einen Schritt zurück und machte die Tür wieder auf. »Aber ich bin wirklich gekommen, um dich hier rauszulassen, das war kein Scherz, und Gaven nehme ich auch gern mit.«
Varyn blickte ihn zweifelnd an, als traue er dem Braten nicht - zugegeben, er hatte Grund dazu. Als Dannen ihm damals sagte, daß er mitzukommen hätte, war auch noch nicht vom Kerker die Rede, und ebensogut konnte oben das Henkersbeil auf ihn warten. Aber warum sollte es? »Will Euer Vater mich jetzt sehen?« fragte er mit Zögern in der Stimme.
Lachend schüttelte Dannen den Kopf. »Nicht daß ich wüßte. Aber ich heirate heute, und ich dachte mir, ich lade euch ein.« Es wurde ein grimmigeres Lachen als beabsichtigt. Wenn man Dannen mal gesagt hätte, daß seine Hochzeit so ablaufen würde, hastig anberaunt und mit weniger Gästen, als man für eine normale Fuchsjagd einlud… Das Lachen endete, das Kopfschütteln blieb. »Sofern ich dein Wort habe, daß ihr zwei keinen Mist macht.«
»Ihr müßt kein schlechtes Gewissen haben, daß Ihr mich hier abgeladen habt«, sagte Varyn leise. »Wirklich nicht.« Und wenn man Dannen gefragt hätte, hätte er gesagt, daß Varyn nach den Tagen im Kerker tatsächlich besser aussah als vorher. Wenn er die Zeit zum Nachdenken genutzt hatte, war das sogar verständlich. Varyn hatte viel zu verarbeiten vor sich und zu spät damit angefangen. »Und Ihr heiratet besser ohne mich.«
Dannen spielte beleidigter, als er eigentlich war. »Du sitzt lieber in einer kalten, feuchten, dunklen Zelle, als mit mir auf meine Hochzeit zu trinken?« Engel, er säße ja selbst halb lieber hier unten! Aber er hätte nicht mit Varyns Nicken gerechnet.
»Wenn es Euch nichts ausmacht, ja. Ihr habt noch genug Ärger mit mir. Da sollt Ihr wenigstens eine angenehme Hochzeit haben.« Langsam klang er wirklich so, als ob er etwas im Schilde führte… Dannen fragte sich, ob er anfangen mußte, sich Sorgen zu machen. Aber er war bereit, den Jungen beim Wort zu nehmen. Die Hochzeit würde schon schlimm genug werden, ohne daß er einen maulenden Halbstarken da sitzen hatte - in Wirklichkeit hoffte er ja nur, daß in Anwesenheit des Jungen irgend etwas passieren würde, das im letzten Moment das Schlimmste verhindern würde… Dannen legte den Kopf schief. »Wie du willst.« Er schob sich wieder rückwärts aus der Zelle. »Dann muß auch keiner wissen, daß ich hier war.«
»Und das, worum ich Euch gebeten habe?« fragte Varyn vorsichtig.
»Bleibt erst einmal unter uns.« Natürlich, es ging Dannens Vater etwas an. Aber wenn der bislang so wenig Interesse an dem Burschen gezeigt hatte, war er selber schuld… »Ich bringe euch heute Abend einen Krug Wein runter, dann könnt ihr wenigstens einen Schluck auf meine Braut und mich trinken.«
»Wen heiratet Ihr denn?« fragte Varyn.
Dannen lächelte. »Die schönste Frau der Welt.« Und für einen Moment war ihm tatsächlich wohl bei dem Gedanken.

Und dann gab es kein Wegrennen mehr. Dannen stand vor der Tür des Thronsaals. Sein frischgestutzter Bart juckte zum Verrücktwerden an den Stellen, an denen man sich am schlechtesten kratzen konnte, direkt auf Höhe des Kehlkopfes, und Dannen wünschte sich, zum tausendsten Mal, er hätte ihn sich nie wachsen lassen. Oder zumindest diesen besonderen Tag genutzt, um ihn sich wieder abzurasieren, um wieder der alte Dannen zu werden, der er selbst war und nicht nur ein müder Abklatsch seines Bruders. Oder, noch schlimmer, seines Vaters. Aber jetzt war es zu spät und das Rasiermesser noch ferner als die Freiheit.
Hinter der Thronsaaltür warteten die Gäste - oder das, was auf die Schnelle an Gästen zusammengekratzt werden konnte. Dafür, daß immerhin der Kronprinz heiratete, waren nicht viele Leute da, und Dannen war sich sicher, daß sein Vater ganz zufrieden deswegen war. Wenn man ihn fragte, was wichtiger war, Hochzeiten oder Kriege, hätte er sich sofort für letzteres entschieden, und da auch das ganze Geld dorthin floß, war es gut, wenn nicht so viele Gäste durchzufüttern waren. Unten in der Küche garte ein Ochse am Spieß - und war Dannen der einzige, der sich fragte, ob man absichtlich einen Ochsen genommen hatte, als Symbol für das, was die Ehe aus einem Mann machte?
Aber auf die Gäste kam es nicht an, Hauptsache, es gab einen Richter, um die Trauung zu vollziehen. Richter brauchte man für alles, außer um einen Krieg zu führen, und für Beerdigungen natürlich auch nicht, dafür waren Totenmägde da. Aber ansonsten konnte man fast glauben, der Richter war wichtiger als der König. Die Aufgaben waren klar verteilt, aber dies war Doubladir, und da war der Winzer immer noch wichtiger als der Koch und der König zusammen. Das große Fressen und Saufen, das im Anschluß folgen sollte, war das einzige, worauf Dannen sich in dem Moment wirklich freute, und wenn es nach ihm ging, konnte man auf den Mittelteil wirklich verzichten… Und dann wurde seine Braut herbeigeführt.
Dannen fühlte, wie es ihn heiß und kalt überlief, und er bemühte sich, Hana nicht anzublicken, auch wenn er jetzt ihr Bräutigam war und es sein gutes Recht - er hatte von jetzt an darauf zu achten, daß kein anderer Mann sie mehr anblickte, zumindest nicht so, wie Dannen es gerade versuchte nicht zu tun. Sie war wirklich unglaublich schön, obwohl sie so schwanger war, daß man es sehen konnte, aber zu schaden schien ihr das nicht. War sie sonst mehr eine zierliche Frau, hatte die Schwangerschaft nicht nur ihren Leib, sondern auch ihre Brüste anschwellen lassen, und das schadete keiner Frau.
Aber der Grund, daß Dannen schlucken mußte bei ihrem Anblick und sich wünschte, weit, weit weg zu sein, war der, daß jeder Zoll ihres Körpers schrie ‘Nicht Deine Frau!’ Es war Gerrats Kind, das sie so schön gemacht hatte, Gerrat war der Grund, daß sie überhaupt hier war, Gerrat war in ihrem Herzen, und das äußerste, was Dannen von ihr erwarten konnte, war vermutlich eine Ohrfeige. Und so schön Hana in diesem Moment auch sein mochte, das, in was sich Dannen am ersten Tag verliebt hatte, fehlte in ihrem Blick, und diese zierliche Hand sollte nicht zur Faust gebannt sein, sondern einen Falken halten. Hana war die schönste Frau der Welt. Aber wenn sich nichts änderte, schnell, war sie bald nichts mehr als das.
Hinter Hana gingen zwei Soldaten mit Schwertern. Sie sollten vielleicht aussehen wie eine Ehrengarde, um die Braut zu ihrem Zukünftigen zu geleiten, aber ihr wahrer Zweck war klar: Sie sollten verhindern, daß Hana im letzten Moment die Flucht ergriff. Solche Männer hatte man Dannen nicht an die Seite gestellt, das konnte er noch ausnutzen, aber er ließ es sein, blickte nur zu Boden, und dann zwang er sich, Hana ins Gesicht zu blicken - in den Zorn in ihren Augen, das Funkeln, das sie am Leben hielt, und das niemandem galt als ihm.
»Hana«, sagte er leise, »du siehst wunderschön aus.« Wie oft hatte er sich gewünscht, ihr das sagen zu können, einfach so, als wäre es das natürlichste auf der Welt? Sie sah wunderschön aus, aber nicht für ihn…
Hanas Lippen spannten sich. »Und um mir das zu sagen, mußtet Ihr mich -«
Dannen legte eine Hand an seinen Mund. »Bitte. Keinen Streit. Das hier ist für mich ebenso schwer wie für dich.« Er wußte, daß sie ihm niemals glauben würde.
»Wenigstens Ihr seid jetzt da, wo Ihr hin wolltet«, sagte sie grimmig. Konnte sie nicht wenigstens so tun, als möge sie ihn, zumindest ein ganz kleines bißchen?
»Du glaubst, ich wollte eine Frau heiraten, die nicht einmal lächelt, wenn dafür ihr Leben verschont wird?« Die beiden Soldaten sahen schon sehr seltsam zu ihnen hinüber, und Dannen wußte, daß er seine Stimme besser leise halten sollte, aber Hanas Gesicht schlug ihm dermaßen auf die Laune, daß es ihm egal war. Dann würden sie eben nicht das glücklich verliebte Brautpaar spielen, aber zumindest mußte er nicht mit sich reden lassen, als wäre er der letzte Trottel. »Ich tu das hier für dich. Glaub mir, ich hätte auch jede andere Frau haben können.«
»Warum habt Ihr sie dann nicht genommen?«
Natürlich, er hätte einen der vergangenen Tage nutzen können, Hana in ihrem Gemach aufsuchen und mit ihr sprechen, ihr erklären, was los war und warum er angeboten hatte, sie zu heiraten - aber das hatte er nicht getan, und so war dies Hanas erste Gelegenheit, überhaupt wieder mit ihm zu reden. Aber mußte das ausgerechnet jetzt sein? Hatte es nicht Zeit, bis die Trauung vorüber war?
»Wenn du lieber tot wärst, statt jetzt hier mit mir zu stehen, bitte, ich habe mein Schwert dabei!« Dannens Hand fuhr wie von selbst an seinen Schwertknauf und zuckte dann zurück, als er begriff, daß er es fast zur Drohung gezogen hatte. Das war nicht der erregende Schlagabtausch wie an dem Tag, als sie sich kennenlernten, das war Ernst, bitterer Ernst. Aber er hatte sich eingebildet, daß sie ihn doch nicht so sehr haßte. Oder daß sie wenigstens bereit war, ihre Dankbarkeit zu zeigen. So konnte man sich irren.
»Wenn Ihr mich lieber tot sehen wollt, nur zu«, sagte Hana, und Dannen war noch nie so kurz davor, eine Frau zu schlagen. Nicht mehr lange hin, nur warten, bis die Zeremonie vorbei war, und es war sein gutes Recht - aber Dannen hätte nie gedacht, daß er davon einmal Gebrauch machen wollte. Nur wie sollte er sie jetzt still bekommen, daß sie in den Thronsaal treten konnten und so tun, als wäre alles in bester Ordnung, als hätte der neue Thronfolger eine Frau, die ihn zumindest respektierte?
»Lächle wenigstens«, fuhr er sie an. »Übermorgen zieh ich in den Krieg, und wenn du Glück hast, komme ich nicht lebend zurück - die zwei Tage wirst du doch noch aushalten!« Und dann, ohne noch eine Antwort abzuwarten oder den nächsten Schlag in sein Gesicht, stieß er die Tür zum Thronsaal auf. Hatte es jemals ein Brautpaar in so schlechter Stimmung gegeben? Dannen war es egal. Hauptsache, sie brachten es hinter sich, bevor sie ihre Laune noch weiter vergifteten - denn da, das spürte Dannen, war noch Spiel. Genug Haß für eine lange, fruchtbare Ehe…
Plötzlich war Dannen froh, in seinem Vater so ein gutes Vorbild zu haben. Wenn der ihn eines gelehrt hatte in den letzten Jahren, dann, wie man über seine Ehefrau herzog. Und wenn Dannen Glück hatte, nahm sich Hana ein Vorbild an seiner Mutter und verschwand, aus der Ehe, aus seinem Leben. Oder sie starb im Kindbett Dannen wurde schlecht, als er sich bei dem Gedanken ertappte, aber er konnte ihn nicht mehr ungedacht machen - sollte Hana ruhig hoffen, daß der Krieg ihr auch den zweiten Mann nahm, das stand ihr jetzt zu. Nur schnell alles hinter sich bringen, Richter, Ritual, Ehe, und am anderen Morgen aufwachen und merken, daß es nur ein böser Traum war, oder daß niemand etwas von der ganzen Hochzeit mitbekommen hatte -
Doch zumindest diese Hoffnung mußte Dannen begraben. Der Thronsaal war voller Menschen, mehr als Dannen erwartet hatte. Mit dem Gesinde hatte er gerechnet, mit ein paar Soldaten, die den König aus Loringaril hierher begleitet hatten, und dann noch ein paar Leute aus der Stadt, damit es nicht ganz so leer aussah, aber wenn man so vorgegangen war, dann hatte man es doch zu gut gemeint. Der Saal platzte fast vor Hochzeitsgästen, und alle blickten sie ihnen erwartungsvoll entgegen. Dannen erkannte die alten Generäle, die nicht mehr selbst kämpften und darum den Krieg ebensogut von Car Diuree aus richten konnten, und die ausländischen Botschafter mußten auch wohl kommen, da gab es kein Drumherum, aber von den meisten Leuten hatte Dannen keine Ahnung, wer sie waren. Ihm grauste bei der Vorstellung, daß er König werden und mit denen allen verkehren sollte, Namen lernen, Feste ausrichten, was auch immer…
Dannen richtete seinen Blick lieber starr geradeaus und konnte doch nicht verhindern, daß er in Angstschweiß ausbrach. Hatten sie nicht von einer schnellen kleinen Hochzeit gesprochen? Ohne großes Aufsehen, ohne daß sich hinterher alle Welt das Maul darüber zerriß, wie sehr sich der Leib der Braut unter ihrem Kleid spannte, ohne Spekulationen, von wem das Kind wohl sein sollte. Er hatte schon Getuschel gehört in den letzten Tagen, daß in Wirklichkeit der König der Vater war und Dannen nur eingesprungen, um die Ehre zu retten, aber die meisten wußten, daß es von Gerrat kam - wenn es das nur tat! Aber niemand, wirklich niemand, kam auf den Gedanken, daß Dannen selbst jemals ein Kind zustande bringen sollte… Blick nach vorne. Hin zum König, hin zum Richter, nicht zu den Menschenmassen, nicht nach links zu Hana, die würde er noch oft genug zu sehen bekommen -
Dannens Knie zitterten, und er hoffte, daß niemand das merkte. Er legte die Hand an den Schwertgriff, das beruhigte ihn ein wenig und sah auch sehr stark und männlich aus. Wie an einer Leine gezogen, ging er schneller und schneller und hoffte, daß Hana in Würde mit ihm Schritt halten konnte, ohne rennen zu müssen oder über ihren Kleidersaum zu stolpern. Nichts tun, worüber hinterher irgend jemand lachen konnte. Eine Hochzeit war nicht zum Lachen. Ernster als der Krieg, der grimmigste Moment im Leben eines Mannes…
War der Thronsaal immer schon so lang? Aus den Augenwinkeln sah Dannen, daß links und rechts der Gasse, die er durchqueren mußte, Krieger standen, die ihre Schwerter erhoben, wenn er sich ihnen näherte, und sie dann zu einer Art Dach formten. Es war Dannen egal, er konnte auf die ganzen Zeremonien verzichten und das Brimborium, aber schon als er vorhin seine beste Rüstung anlegte, hätte ihm die Parallele auffallen müssen. Die Ehe war ein Krieg, daran gab es keinen Zweifel. Und wenigstens war er derjenige, der seine Waffe dabei hatte.
In Dannens Ohren rauschte es, und er brauchte einen Moment, um zu begreifen, daß dies die ganzen Leute waren, die klatschten. Er nahm sie nur noch verschwommen wahr, als er auf seinen Vater und den Richter zutrat, und war froh, als er sie endlich erreicht hatte. Dannen schloß die Augen und atmete durch. Er wußte nicht, wen er ansehen sollte - da wählte er besser keinen.
»Dannen von Vigilanders Blute«, dröhnte die Stimme des Königs, dazu bestimmt, bis in die hinterste Ecke des Saales zu schallen und direkt vor Dannens Ohr keine Freude, »du hast diesen Saal betreten, Vigilanders heilige Halle, um vor deinem Engel, vor deinem König und vor deinen Volk in den Stand der Ehe zu treten.«
Ohne die Augen zu öffnen, nickte Dannen. Wenn sie erwarteten, daß er etwas sagte, würde er das schon mitbekommen.
»Sieh mich an!« herrschte der König ihn an und fuhr etwas gemäßigter vor: »Und vernehme aus meinem Mund, welche Frau ich für dich auserwählt habe!«
Dannen atmete auf. Das nahm ihn ein wenig aus der Verantwortung, vielleicht auch vor Hana. Es war die Wahl des Königs, sie hatten beide dabei kein Wort mitzureden. Trotzdem war es der König, den er danach anblickte - er traute sich immer noch nicht wieder Hanas Blick zu begegnen. Die Frau sollte sich freuen, so einen zahmen Bräutigam bekam sie so schnell nicht noch einmal!
»Der oberste Richter dieses Landes ist anwesend und wird die Trauung vornehmen«, sagte der König, »doch geschlossen wird euer Bund nach den Gesetzen Vigilanders, und kein Mensch und kein Engel sollen sich jemals dazwischen stellen können.« War das ein Zwinkern in den Augen des Königs? Wollte er Dannen daran erinnern, wie schnell so eine Ehe sich wieder aufheben ließ, wenn erst einmal die Frau ihre Sachen gepackt und den Mann sitzen gelassen hatte? Strenggenommen waren Dannens Eltern immer noch Mann und Frau, aber wehe, es erinnerte sie jemand daran… »So wirst du in Vigilanders Namen verheiratet mit Hana, die hier an deiner Seite steht.«
Vorsichtig schielte Dannen nach links, nur um zu sehen, ob Hana wirklich da war und nicht das Weite gesucht hatte, während Dannen den Thronsaal durchschritt - aber natürlich war sie da, wich seinem Blick aus wie er dem ihren - eine großartige Ehe versprach das zu werden!
»Möge eure Ehe so fruchtbar werden, wie die Engel es uns heute versprechen.« An dieser Stelle raunte ein Lachen durch den Saal, fruchtbar in der Tat, wenigstens das hatte Hana schon unter Beweis gestellt. Aber um jedes weitere Kind würde Dannen einen harten Kampf ausfechten müssen. Wenn überhaupt. Sicher, wenn sie einmal verheiratet waren, konnte Dannen Hana zwingen, mit ihm zu schlafen, wann immer er wollte - mußte er sich darüber jetzt freuen? Und wie hatten es seine Eltern überhaupt geschafft, vier Kinder zu bekommen? »Sprich nun, Dannen von Vigilanders Blute, bist du bereit, vor deinen Engel zu treten und den heiligen Eid der Ehe zu leisten?«
Dannen lächelte. Aus dem Mund seines Vaters klang jeder Eid wie ein Racheschwur. »Das bin ich«, sagte er laut und war es nicht. Irgendwo hinter ihm erklangen Posaunen. Auch das noch. Wenn es Musik gab, würden sie nachher noch tanzen müssen… Aber niemand fragte Hana, ob sie bereit war. Was, wenn Dannen ‘Nein’ gesagt hätte?
»Dann, Richter, tut Euer Werk, und tut es in Vigilanders Namen!«
Der Richter verzog leicht das Gesicht bei diesen Worten. Er war in Doubladir geboren, aufgewachsen und würde wohl auch in Doubladir sterben, und weit konnte das nicht mehr hin sein, denn der oberste Richter war alt genug, um schon die Eltern des Königs getraut zu haben, und er hatte auch das Schreiben aufsetzen müssen, als der König Rul als Sohn aufnahm; er kannte die Familie wohl besser als irgend jemand, der nicht mit ihr verwandt war - aber sein Herz schlug für den Engel der Gerechtigkeit, nicht der Rache. Dannen wußte, sein Vater hatte schon alles daran gesetzt, Richter in Vigilanders Namen ernennen zu dürfen, die das Schwert führten und mit dem Schwert richteten, aber die konnten einen Verbrecher enthaupten, nicht eine Ehe schließen. Ehen gingen immer noch nicht ohne Gerechtigkeit. Außer dieser hier.
»Wendet Euch nun einander zu, Dannen von Vigilanders Blute und Hana« - es klang seltsam, so ein langer Name für ihn und so ein kurzer für Hana, man hätte sie wenigstens nach ihrem Heimatort nennen können, aber in dem Moment fiel Dannen auf, daß er noch nicht einmal wußte, woher Hana stammte oder wie alt sie genau war. Solange sie nur die schöne Falknerin war oder Gerrats ferne Geliebte, mochte das noch gehen, aber nun war es an der Zeit, daß Dannen seine Frau besser kennen lernte.
Aber vor allem mußten sie nun gehorchten, sie drehten sich, daß sie einander gegenüberstanden, und Dannen fühlte sich so eingefroren, wie Hanas Gesicht in dem Moment war. Kein Lächeln, nicht.
»Hebt eure linke Hand, und laßt die Handflächen sich berühren.«
Auch das taten sie, steif und zaghaft. Dannen konnte nicht sagen, ob sie einander jemals berührt hatten, aber Hanas Hand war so kalt und abweisend, daß er es so schnell nicht wieder wollte - nichts von dem Gefühl der Liebe, das er früher in sich gespürt hatte, wenn er auch nur an sie dachte, war geblieben. Hätte er seine Handfläche gegen das Glas eines Spiegels gelegt, es hätte sich einladender angefühlt. Aber wenigstens mußte er nur die linke Hand nehmen, da hatte sich das kriegerische Doubladir doch gegen den friedfertigen Tolimander durchsetzen können: Die rechte Hand eines Doubladai gehörte an seinen Schwertgriff und sonst nirgendwo hin.
Ein kalter Schauder lief Dannen über den Rücken, als der Richter ihm Hand und Handgelenk mit einer breiten Seidenschnur an Hanas band. Tolimander hatte es mit gefesselten Händen, die Richter bekamen ihre vor dem Urteilsspruch gebunden, und so fesselte man auch Eheleute aneinander. Seine Finger suchten Kontakt zu Hanas, es war einfacher, wenn sie ihre Hände ineinander verschränkten, sonst schnitt sich das Band unangenehm ein, aber auch wenn Hana es mit sich geschehen ließ, bewegte sie ihre Finger nicht von sich aus seinen entgegen.
Der Richter machte einen Schritt zurück und hieß sie sich dann zu den Menschen im Saal umdrehen, damit jeder sehen konnte, wie ihre Hände gebunden waren. Und eines mußte man diesem alten Mann lassen, er konnte verdammt feste Knoten machen. Diese Ehe begann mit Schmerzen - was für ein Zeichen sollte das denn sein?
»Vor Vigilander seid Ihr zusammengetreten«, sagte der Richter mit seiner nasalen, singenden Stimme, »nun wird zusammengefügt, was zusammen gehört.«
Die Menge klatschte und jubelte, als würde sie dafür bezahlt - Dannen hoffte, das nicht. Diese Hochzeit würde schon genug Geld verschlingen, das sonst gut im Krieg verbrannt werden konnte, allein die alle durchzufüttern… dafür würde ein gebratener Ochse nicht reichen, da brauchte es schon eine ganze Herde!
»Ehe ihr den Text des Hochzeitseides sprecht«, fuhr der Richter fort, »reiche ich euch nun den Hochzeitskelch, damit er eure Zungen und Herzen eint und ihr fortan als eine Stimme sprecht.« Was für gewöhnlich hieß, der Mann sprach, während die Frau schwieg - mit Hana versprach das schwieriger zu werden.
Sie mußten den Kelch mit ihren aneinander gebundenen Händen annehmen, ein Unterfangen, das sie besser vorher geübt hätten, aber nun war es dafür zu spät - irgendwie mußten sie versuchen, den großen silbernen Kelch, der auch noch bis unter den Rand gefüllt war, zu halten, ohne den ganzen Inhalt zu verschütten. Und das vor all den Leuten, die bestimmt nur darauf warteten, daß einer von ihnen einen Fehler machte… Wenn der Kelch ihnen hinfiel, stand die ganze Ehe unter einem schlechten Stern, und Dannen war fast in Versuchung geführt, einfach loszulassen und dem Schicksal seinen Lauf, aber er war immer noch hier, um den Ruf seiner Familie zu retten, also mußten sie ihr bestes geben, beide, und sich nichts anmerken lassen. Mit soviel Würde, wie er aufbringen konnte, führte er den Kelch vorsichtig an Hanas Lippen.
Sie nippte nur daran und schob den Kelch dann so weit von sich, wie sie konnte und Dannen das zuließ. Die Hochzeit würde hart für sie werden, so viele Trinksprüche würde man auf das Brautpaar noch ausbringen, und das, wo Hana mit ihrer Schwangerschaft besser einen weiten Bogen um Wein machte… Aber Dannen war nicht schwanger, und niemand erwartete, daß ein Mann in der Nacht seiner Hochzeit nüchtern zu Bett gehen sollte. Er zog den Kelch zu sich hinüber, und obwohl er von Hanas Seite ein deutliches Ziehen spürte und sie ihm den Kelch wohl am liebsten gleich wieder weggenommen hätte, leerte er ihn unter dem tosenden Applaus der Hochzeitsgäste bis auf den Grund.
Seine Hand war gefesselt, und auch wenn ihnen der Richter dieses Band irgendwann wieder abnehmen würde, sollten die Fesseln der Ehe doch ewig halten - aber Dannen hatte immer noch die Möglichkeit, sie sich wenigstens schönzutrinken.

Nach dem Entschluß, einfach nichts mehr auf die ganze Hochzeitsgeschichte zu geben, ging es Dannen ein wenig besser. Er konnte nicht ignorieren, wo er sich befand - noch nicht - aber er konnte versuchen, zumindest so zu tun, als ob die ganzen Leute nicht da waren und ihn beobachteten. Wieso gab er immer soviel darauf, was andere dachten? Er würde König sein, zumindest irgendwann, und keiner von den Kerlen hier konnte irgend etwas dagegen tun, egal ob sie ihn mochten oder nicht. Gut, sie konnten versuchen, ihn umzubringen, aber sonst? Er mußte sich keine Sorgen machen. Und wenn er zehn Varyns hatte, die ihm Krone und Schwert wegnehmen wollten - sollten sie das doch erst mal versuchen!
Es gelang Dannen sogar, ein Lächeln aufzusetzen, nur der Versuch, es mit Hana zu teilen, scheiterte - aber auch auf die kam es nicht an, sie hatte ihm ebenso wenig zu sagen wie alle anderen. Aber bevor es soweit war, daß sie sich auch nur seine Gemahlin nennen durfte, stand ihr erst noch der Eid zuvor. Und die Gebräuche verlangten, daß die Frau zuerst schwor - vielleicht, damit der Mann noch die Möglichkeit hatte, es sich anders zu überlegen.
Sie standen da, immer noch mit aneinander gefesselten Händen, die sich wie gefesselte Füße anfühlten, so weit war die Ausgangstür entfernt, und der König trat vor sie, so daß jeder in der Menge ihn sehen konnte, das Schwert erhoben. Er hob das Schwert mit beiden Händen senkrecht über seinen Kopf, bestimmt auch nur, damit auch der hinterste Hansel ihn sehen konnte, und senkte es dann langsam auf den Knoten in dem seidenen Band hinunter.
»Im Namen Vigilanders«, sagte er laut, »sollte einer von euch den heiligen Bund brechen, möge die Rache des Engels ihn treffen und trennen, was nur das Schwert zu trennen vermag.« So wie er es sagte, klang es wie eine Drohung, daß Dannen und Hana bis zum Ende ihrer Tage aneinander gekettet bleiben sollten - aber auch wenn es ihm auf der Zunge lag, sparte sich Dannen diese Bemerkung. Ein Lacher im Publikum war nicht soviel wert wie ein Kopf, der noch auf den Schultern saß, und Dannen war noch lange nicht betrunken genug, als daß man ihm so etwas verziehen hätte. Der König legte das Schwert auf Hanas rechte Schulter, beiläufig genug, um nicht wie eine Drohung auszusehen, und doch mit der Spitze auf ihren Hals gerichtet. »Schwöre nun in Vigilanders Namen, Hana, daß du deinem Gemahl treu sein wirst und ergeben, was auch immer kommen möge. Schwöre Tugend und Treue auf Vigilanders Schwert, oder bezahle es mit deinem Blut.«
Dannen wollte in diesem Moment nicht Hana anblicken müssen, aber er hatte keine andere Wahl. Er sah, wie sie noch weiter erbleichte, und da sie ungeschminkt vor ihm stand, fiel es um so mehr auf. Er versuchte, ihr irgendwie zuzulächeln, sollte sie doch schwören, ein Eid waren auch nur Wörter, aber es gelang ihm nicht, der Moment war zu ernst, und alles, was Dannen zustande brachte, war ein finsteres Starren, für das er sich haßte. Hana öffnete den Mund und schloß ihn wieder, und das Zittern, das durch ihren Körper lief, ging durch ihre Hand auch in Dannen über und ließ ihn frösteln. Dann, von einem Moment auf den anderen, klärte sich ihr Gesicht auf, wurden ihre Augen hell, und sie richtete sich kerzengerade auf unter dem Schwert, bevor sie mit lauter, klarer Stimme anfing zu sprechen.
»Ich, Hana, schwöre«, sagte sie, »bei dem Engel der Rache, bei dem Engel der Gerechtigkeit, und bei allen anderen Engeln, daß ich diesem Mann, der mir seine Hand angetragen hat, den ich über alles liebe, treu sein werde bis über den Tod hinaus, so wahr das Blut Vigilanders in seinen Adern fließt und sein Haus über Doubladir herrscht. Ich schwöre bei meinem Leben, daß kein anderer mein Lager teilen wird, daß ich nur ihm Kinder gebären werde und niemandem sonst, und ich schwöre, daß ich seinem Wort Folge leisten werde wie keinem anderen. Ich schwöre bei meinem Blut, sollte ich jemals diesen heiligen Eid brechen, möge mein Leben verwirkt sein unter eben jenem geheiligten Schwert, auf das ich nun diesen Eid leiste. Und die Engel sind meine Zeugen und meine Wächter und meine Richter, so wahr und so lange ich lebe.«
Dannen fühlte, wie alles Blut aus seinem Gesicht wich, während sie sprach. Er sah ihr Lächeln, er sah, wie der Stolz in ihren Körper zurück floß, wie sie mit jedem Wort, das sie sprach, wieder zu der freien Frau wurde, in die er sich verliebt hatte, und doch konnte er in diesem Moment nichts, als sie bewundernd zu hassen. Bewundernd für ihren Mut und ihre Klugheit, und hassen dafür, daß sie ihre ewige Treue nicht ihm schwor, sondern Gerrat. Seinem verdammten toten Bruder. Und Dannen konnte nichts dagegen tun.
Als Hana geendet hatte, nahm der König das Schwert von ihrer Schulter, die Posaunen bliesen, und die Menge applaudierte wieder. Hatte denn niemand außer Dannen begriffen, was Hana da gerade tat? Nein, sie hatte es so geschickt gesagt, daß man genau hinhören mußte, so genau wie der Richter, der ein jedes Wort des Schwurs mitgeschrieben hatte und es ihr gleich zur Unterschrift vorlegen würde in ihrem eigenen Blut - aber egal ob auf Pergament festgehalten oder nicht, es änderte nichts an dem Schwur und daran, daß Hana ihn gerade vor dem ganzen Königshaus, vor dem ganzen Königsreich zum Narren gemacht hatte. Sie sollte dafür büßen. Aber Dannen wußte nicht, wie.
»Du hast deine zukünftige Gemahlin schwören gehört, Dannen von Vigilanders Blute«, sagte der Richter. »Leistest nun auch du den heiligen Eid, wird diese Ehe geschlossen und in Stein gemeißelt, daß nur der Tod sie trennen kann und die Engel selbst.«
Dannen fühlte sich am ganzen Körper beben. Jetzt konnte er noch dazwischenrufen, ‘Hört doch, sie hat den Eid nicht mir geschworen, diese Ehe ist ungültig!’, aber damit schnitt er sich nur ins eigene Fleisch - wer jetzt noch nicht wußte, daß er der letzte Trottel war, würde es dann begriffen haben. Aber er war nicht gut genug mit Worten, und wenn doch, nicht gut genug im Denken, um es Hana jetzt mit gleicher Münze heimzuzahlen und selbst einen Eid zu leisten, der sie genauso übel in die Zange nehmen sollte wie sie eben ihn.
»Schwöre nun, Dannen!« Der König wurde ungeduldig, weil Dannen noch nicht zu schwören angefangen hatte, und je länger er das jetzt rauszögern würde, desto länger dauerte es, bis es für alle etwas zu essen gab.
»Ich werde auf das Schwert schwören«, antwortete Dannen. »Was für meine Braut recht ist, das muß auch ich nicht fürchten.« Er verfluchte sich im gleichen Moment dafür. Wollte er sich erst recht in Schwierigkeiten bringen, sich so verschwören, daß er da selbst nicht mehr rauskam? Hana, soviel war jetzt ein und für alle Male klar, würde ihn nicht zwischen ihre Schenkel lassen, und wenn er jetzt das Falsche sagte, galt das auch für alle anderen Frauen… Es wird keine weiteren Bastarde geben… Dannen wollte fluchen, nicht schwören, aber da fühlte er schon das kalte Gewicht des Schwertes auf seiner linken Schulter. Dann eben mit Schwert. So heilig war es auch nicht, in Wirklichkeit, wenn es Ruß brauchte, um nach Rache zu verlangen - und wenn man ein Schwert fälschen konnte, dann auch einen Eid. Wenn Dannen doch nur gewußt hätte, wie!
»Ich, Dannen, schwöre«, fing er an. So fing man immer an, und er hatte drei Wörter mehr Zeit zum Überlegen, aber ihm fiel nichts ein. Er fing nochmal von vorne an, mit ein paar mehr Wörtern: »Ich, Dannen von Vigilanders Blute, Thronfolger des Landes Doubladir, schwöre«, aber da hörte es schon wieder auf. Es half nichts, Dannen konnte Hanas Eid nicht ebenbürtig erwidern. »Schwöre, diese Frau, die mich mein Engel und meine Gesetze gebunden haben, zur Frau zu nehmen und sie auch so zu behandeln -« Was wurde das? Redete er irre? Hatte ihm der eine Becher Wein solch einen Knoten in die Zunge gemacht? »Und wo sie mir treu ist und ihr Lager mit mir teilt, werde auch ich ihr treu sein -« Na, vielleicht war dies das Schlupfloch, nach dem er gesucht hatte - treu nur, wenn sie auch etwas dafür tat. Dannen atmete durch und brachte den Rest des Eides schnell hinter sich, je schneller er jetzt bei der Schlußformel ankam, desto schlechter konnte ihn noch jemand unterbrechen und den Eid ungeschehen machen. »Ich schwöre bei Vigilander, der über mein Haus wacht und dessen Blut in meinen Adern fließt, und sollte ich diesen Eid brechen, möge er mich strafen und meine Nachkommen bis ins letzte Glied. Und der Engel ist mein Zeuge und mein Wächter und mein Richter, so wahr und so lange ich lebe.«
Dannen schloß erleichtert die Augen, als er fertig war und der Druck des Schwertes von seiner Schulter wich. Er hätte gern gefragt, was genau sein Vater damals geschworen hatte, daß er einfach so einen Bastard in die Welt setzen konnte, ohne daß Vigilander selbst vom Himmel herabstieg, um ihn für den Eidbruch zu strafen - aber wenigstens war er sich selbst jetzt sicher, einen Eid geleistet zu haben, aus dem er ohne großen Schaden wieder herauskommen konnte. Er nickte bei sich, öffnete die Augen wieder und versuchte, unter den Leuten im Saal vielleicht ein vertrautes weibliches Gesicht zu sehen. Hana hatte ihn vor allen gedemütigt, und Dannens Eid versprach ihm keine Rache - aber wenn er schon die Hochzeitsnacht in einem anderen Bett verbringen sollte, würde sie schon sehen, was sie davon hatte, ihn dermaßen vorzuführen.
»Dann«, schmetterte der Richter, begleitet von den ewigen Posaunen, »ist diese Ehe besiegelt, und Dannen und Hana sind vom heutigen Tag an Eheleute im Namen der Engel.«
Und dann entdeckte Dannen seinen Denkfehler. Keine Bastarde, das galt auch für ihn. Und hatte er den Gedanken früher abtun können mit einem Schulternzucken und sagen ‘Wenn das passiert, kann ich sie ja immer noch heiraten’ - das ging jetzt nicht mehr. Dannen hatte jetzt eine Frau. Und mehr als eine war nicht erlaubt. Dannen fluchte bei sich, und als er das Mitleid in den Augen seines Vaters sah, wußte er, daß er verloren war.

Der Rest des Tages war so gnädig, sich nicht in Dannens Erinnerung festzufressen, auch wenn es eine Menge Wein brauchte, um dem nachzuhelfen. Er konnte sich nicht beschweren, daß es ihm schwer gemacht wurde, aber er mußte dafür arbeiten. Oder zumindest: Er mußte dastehen wie ein Esel und sich Treueschwüre anhören. Und daß diese dann ihm galten und nicht irgend einem anderen toten Kerl, war nur ein schwacher Trost.
»Mein Sohn ist tot«, rief der König, falls es jemanden gab, der das noch nicht wußte. »Ein feindlicher Schwerthieb hat Gerrat, meinen Erstgeborenen und Thronfolger, getötet. Er ist als Held für Doubladir gefallen: An seine Stelle rückt nun Dannen, mein Zweitgeborener, den ihr hier vor euch seht.« Dannen fragte sich, ob er sich für die Vorstellung bedanken sollte - zumindest die eigenen Hochzeitsgäste sollten doch wissen, wie er hieß. »Eines Tages wird er als König vor euch stehen, wenn ihn nicht das Schicksal seines Bruders ereilt« - klang da versteckte Hoffnung heraus? - »und darum verlange ich, daß ihr ihm die Treue schwört, schon heute, so wie ihr sie mir geschworen habt und seinem Bruder vor ihm.«
Dannen seufzte. Der ganze Saal war voller Volk, mußten die jetzt alle schwören kommen? Sicher hatte nicht nur er Hunger - Dannen hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen, weil ihm zu spät eingefallen war, daß er sich noch herauszuputzen hatte, aber er wettete, daß auch ein Großteil der Meute hier nur zum Fressen da war. Sollten sie eine Reihe bilden und dann einer nach dem anderen… Wenigstens konnte man die Ausländer abziehen, die hatten ihre eigenen Könige und Thronfolger, denen sie sich verschwören konnten. Aber wenn Doubladir fand, daß noch nicht genug Eide abgeleistet worden waren an diesem Tag…
Und dann folgte das Große Schwören. Zu spät kam Dannen auf die Idee, die Männer einfach zu einem Chor zu versammeln und ihnen den Eid gleichzeitig abzunehmen, aber so trat einer nach dem anderen vor - zumindest die wichtigeren Leute, die Generäle, die greisen Fürsten, Teile des Hofstaats, Soldaten - und schwor mit den immer gleichen Worten auf das Schwert, Dannen als König treu zu dienen, Doubladir und Vigilanders Haus zu verteidigen, blah blah, nichts, was man nicht schon tausendmal gehört hatte und vor allem nichts, was man nicht einen Augenblick später wieder brechen konnte. Hatte man in Koristan doch alles gesehen - oder leisteten die dort etwa keine Eide?
Mit müdem Auge sah Dannen seinen zukünftigen Getreuen zu, wie sie sich über das heilige Schwert beugten und seinen Griff küssten: Natürlich den Griff, bei der Klinge hätten sie ja Ruß an den Mund bekommen und den König in Erklärungsnot gebracht… Wirklich, das einzig gute an der Schwurgeschichte war, daß jeder von den Männern im Anschluß an den Eid seinen Kelch erhob und auf Dannens Wohl trank und allein schon der Anstand verlangte, daß Dannen zumindest mit einem guten Schluck erwiderte. Was seiner Absicht, den Rest des Tages zu ersäufen und sich selbst gleich mit doch sehr entgegenkam. Ein mitdenkender Mensch hatte ein Weinfass direkt im Thronsaal untergebracht, so daß niemand um Nachschub verlegen sein mußte, und nirgendwo stand vorgeschrieben, daß man es bei einem Schluck belassen mußte.
Das andere Gute an der Sache war, daß Dannen dabei seine Frau völlig aus den Augen verlor. Sie hatte ihren Teil an der Hochzeit getan, jetzt drehte sich die Welt nur noch um Dannen - und nahm das recht schnell wörtlich. Hana war irgendwo, vielleicht bei den Frauen, vielleicht auch schon wieder im ihrem Gemach, jedenfalls nicht an Dannens Seite, und darum waren sie wohl zu gleichen Teilen froh. Dannen derweil fand sich irgendwann mit mehr Getreuen, als er noch zu zählen imstande war, an einer Tafel, wo es endlich den versprochenen Ochsen gab. Sicher etwas spät, um mit dem Essen anzufangen, aber besser als gar nichts, wenn er nicht vorhatte, sich höchst unköniglich zu übergeben.
Er saß im Kreis seiner Familie, wo er sich zumindest für nichts schämen mußte, zur Rechten des Königs, und zu seiner großen Überraschung verstand er sich einmal gut mit ihm. Vielleicht mußte man erst einmal betrunken genug sein dafür, vielleicht war es aber auch, weil sie beide verheiratete Männer waren, deren Frauen alles andere taten als das, was man von ihnen erwarten konnte. Irgendwo war auch Dannens Mutter, aber für die galt das gleiche wie für Hana: Irgendwo, das hieß, nicht da, wo Dannen war. Und niemand konnte mehr von ihm erwarten, daß er irgend einen Überblick über die Anwesenden hatte.
Er saß neben dem König, da wo sonst immer Gerrat saß, ein ungewohnter Platz, und Jaro saß links vom König, auch er war jetzt einen Rang aufgerückt und sicher nicht glücklich darüber - über vieles, was der Junge sich leistete, konnte man den Kopf schütteln, und wenn er sich auch redlich mühen mochte, sein Schwert und er wurden keine Freunde mehr, und alles in allem konnte man ihn nur als abschreckendes Beispiel dafür nehmen, warum ein Mann nicht von seiner Mutter großgezogen werden sollte, die schaffte es sogar, Engelsblut zu verweichlichen… Dannen machte ein oder zwei Versuche, sich mit Jaro mal zu unterhalten und gab es dann auf. Und das war der Moment, wo er Rul bemerkte und der Tag seine nächste häßliche Wendung nahm.
Sicher, Rul saß wohl schon die ganze Zeit über neben Jaro, aber er war Dannen irgendwie nicht weiter aufgefallen - saß halt ein Bärtiger neben dem anderen, um Jaro jetzt mal wohlmeinend als bärtig zu bezeichnen, da mußte noch viel wachsen, und Dannen vermutete nicht nur da… Aber plötzlich ging ihm auf, daß Rul mit ihm an einem Tisch saß, an einem Tag wie diesem, und so tat, als gehöre er zur Familie. Dannen stand auf, stützte sich mit beiden Händen an der Tischplatte ab, so daß er sich auch weit zu dem Bastard vorbeugen konnte, und ging ihn mit einem lauten »He!« an, das ausreichte, um die Hälfte aller Köpfe an der Tafel zu ihm zu drehen.
Nur Rul reagierte nicht. Was erwartete er, sollte Dannen ihn etwa Bruder nennen? Oder seinen Namen in den Mund nehmen? Dannen wurde deutlicher. »He, Bastard!«
Darauf hob Rul jetzt doch den Kopf - er war der einzige Bastard am Tisch, und darüber mußte man noch froh sein. »Was gibt es denn - Fürst?« Er sprach das Wort noch schäbiger aus als Dannen eben das ‘Bastard’, daß es sich glatt wie ein Schimpfwort anhörte, und verzog dabei sein Gesicht zu einem abfälligen Grinsen.
»Ich hab dich nicht schwören hören!« sagte Dannen.
Rul lachte. »Was schwören? Hab ich geheiratet oder du? Wirklich, du mußt schon ziemlich besoffen sein, um das durcheinander zu bringen.« Er war nur der Bastard, und niemand hatte auf seine Worte etwas zu geben, aber es waren doch Leute am Tisch, irgendwo weiter hinten, die lachten tatsächlich mit.
»Du hast mir Treue zu schwören!« rief Dannen. »Du schwörst mir Treue wie das restliche Pack, jetzt, sofort!«
Rul schüttelte den Kopf. »Was soll ich mich Vigilanders Haus verschwören?« fragte er verächtlich. »Ich gehöre selbst dazu, schon vergessen?«
»Du bist ein dreckiger Bastard!« brüllte Dannen und war halb erstaunt über sich selbst, daß er es schaffte, ebenso laut zu werden wie sein Vater es sonst tat. »Wag es nicht, dich zu Vigilanders Haus zu zählen!« Ein schwieriger Name für eine weingelähmte Zunge, aber es gehörte viel dazu, bis Dannen den Namen seines Engels nicht mehr aussprechen konnte. »Du kannst froh sein, daß du am Leben bist, aber wart nur, bis ich erstmal König bin, dann sieht das ganz anders aus!«
Es war lange her, daß sie zuletzt direkt aneinander geraten waren. Ganz am Anfang konnten sie sich ja noch nicht prügeln, weil Rul immer noch drei Jahre jünger war als Dannen und damit zwar verhauen werden konnte, aber noch nicht zurückschlagen - das kam dann, als sie beide etwas älter wurden. Aber es machte wenig Spaß, sich mit Rul zu prügeln, weil er früher oder später immer zum Vater rannte und dann aus sicherer Entfernung Rache schwor, die Jahre, die ihm an Dannen fehlten, führten dazu, daß er nie eine richtige Herausforderung wurde. Später kamen dann Schwerter, aber da mußten sie Regeln einhalten, und man muß zugeben, daß sie sich auch irgendwie aneinander gewöhnten, so daß Dannen zwar als Kind noch oft behauptete, er würde Rul mal erschlagen und die Familienehre wiederherstellen, aber später erschien ihm das dann doch ein wenig übertrieben.
Sie konnten einander nicht ausstehen, daran änderten auch die Jahre nichts, und das war allein Ruls Schuld - er hätte sich auf den Standpunkt stellen können, daß er nur ein armer kleiner Junge war, der nichts dafür konnte, den man seiner Mutter entrissen hatte, damit er beim fremden Vater und den noch fremderen - Hah! - Geschwistern aufwachsen mußte… Aber statt dessen war Rul ein kleiner Kotzbrocken, oder später ein größerer Kotzbrocken, der es einem leicht machte, ihn zu hassen. Aber irgendwann gingen sie sich vor allem aus dem Weg, und einer erinnerte den anderen nicht daran, daß er noch da war, und so ging es meistens ganz gut. Bis auf jetzt. Rul hätte es besser wissen müssen, als Dannen zu provozieren, einen Mann, in dessen Adern sich das Blut des Engels der Rache mit einer gehörigen Menge Wein mischte - er war also selbst schuld.
»Komm erstmal lebend aus dem Krieg zurück, eh du was vom Königssein faselst!« höhnte Rul. Er mochte auch schon seinen Teil getrunken haben, aber in dem Moment hörte Dannen nur die Drohung darin. Hatte er sich jemals Sorgen wegen Varyn gemacht? Die wahre Bedrohung war doch hier, saß mit am Tisch und wartete nur geduldig, bis alle legitimen Söhne des Königs tot waren - aber so nicht. Nicht mit Dannen.
Die Bratengabel schaffte es noch irgendwie von selbst in seine Hand, aber als er sich vorwärts warf, war es wohl dem Alkohol geschuldet, daß Dannen Ruls Gesicht und vor allem seine Augen weit verfehlte, aber nicht weit genug, um den Bastard nicht zumindest noch am Arm zu treffen. Rul brüllte auf, stürzte sich seinerseits auf Dannen und mußte den Dolch dafür schon lange vorbereitet haben, denn den hielt er fest umklammert, auch als Jaro ihn packte und nach hinten wegriß. Jaro, ausgerechnet! Aber Dannen hatte nicht lange Gelegenheit, sich darüber zu wundern, denn bei ihm war es sein Vater, der ihn vom Tisch wegschleifte, weit genug, daß er nicht mal mehr mit dem Schwert an den vorgeblichen Bruder drangekommen wäre.
»Genug!« brüllte der König. »Genug!«
Und die Welt mußte ihn wohl beim Wort genommen haben, denn Dannen konnte nicht mehr sagen, was danach noch passierte.

Dannen erwachte mit schwerem Kopf, pelziger Zunge und ohne daß er sagen konnte, wo er war oder wie dorthin gekommen. Wenigstens war es ein Bett, und es konnte sein eigenes sein. Hauptsache Bett. Er wollte sich einmal über die Augen reiben, sich dann umdrehen und weiterschlafen - es war dunkel genug, um noch oder schon Nacht zu sein, und wenn dem so war, hatte Dannen keine Lust, jetzt irgendwie aufzustehen und herumzulaufen - als er mit dem Fuß gegen etwas stieß. Gegen jemanden.
Auf einen Schlag ebenso wach wie nüchtern schoß Dannen hoch, und die Sterne, die er sah, sagten ihm, daß es mit nüchtern doch noch nicht so weit her war, aber dann konnte er wenigstens erkennen, wer da neben ihm lag. Es war eine Frau, den nackten Rücken ihm zugewandt, und ihre üppige dunkle Lockenpracht und überhaupt die Breite ihres ganzen Körpers verrieten ihm, daß es nicht Hana war. Dannen atmete fast erleichtert auf. Nicht, daß es keine schöne Vorstellung war, irgendwann einmal mit Hana zu schlafen - nachdem sie ihr Kind hatte, und wenn sie gelernt hatte, ihn zu lieben… Wenn er sie statt dessen im Suff ins Bett gezerrt hatte und sich vor allem nicht einmal mehr daran erinnern konnte, wie es war, mit ihr zu schlafen - nein, so durfte das nicht sein. Dann doch lieber die Hochzeitsnacht mit einer Fremden verbringen. Wenn es denn eine Fremde war: Von hinten kam sie Dannen doch irgendwie bekannt vor. Gut möglich, daß es eine frühere Freundin war, von ihm oder von Gerrat, Dannen war nicht so wählerisch.
Er fror. Die Nacht war nicht nur dunkel, daß er kaum mehr als die reglosen Umrisse der Frau ausmachen konnte, sie war auch kalt, kälter noch als die letzte. Oder kam das auch vom Saufen? Dannen hatte Durst, übelsten Durst, aber die Vorstellung, in diese kalte Nacht hinauszusteigen und sich auch nur drei Schritt bis zur Waschschüssel zu bewegen, lähmte ihn. Es war zu kalt, und das brachte ihn langsam wieder ans Denken. Und Denken war niemals gut.
So schön es auch sein mochte, hier mit einer Frau zu liegen, er durfte es nicht. Eid hin, Eid her - was, wenn sie schwanger wurde? Hatte man ja an Hana gesehen, wie schnell so Frauen zu einem Kind kamen, er konnte sich nicht vorstellen, daß Hana und Gerrat Tag und Nacht nichts anderes gemacht hatte. Plötzlich hoffte er, daß in dieser Nacht noch nichts passiert war, daß er sich zwar in heißer Erregung mit der Frau ins Bett verzogen hatte, nur um im nächsten Moment einzuschlafen und die Frau mit nichts als seinem Schnarchen zu beglücken - ja, das war gut möglich, im Suff verlor man nicht nur die Kontrolle über Arme, Beine und Hirn, sondern auch manches andere. Es war nichts passiert, noch nichts, und wenn er sich jetzt schnell etwas überzog, das Frieren konnte auch daran liegen, daß er splitterfasernackt war, und dann die Frau nach Hause schickte… Er packte sie vorsichtig bei der Schulter, um sie wachzurütteln. Die Frau rührte sich nicht - und so kalt und schlaff, wie sich diese Schulter anfühlte, würde sie sich auch so schnell nicht wieder rühren.
Vor blindem Entsetzen hätte sich Dannen beinahe übergeben müssen, aber er schaffte es, ruhig genug zu bleiben, um die Frau wenigstens auf den Rücken zu drehen. Sehen, wer sie war. Sehen, ob sie nicht doch noch lebte. Vielleicht hatte sie auch nur zu viel getrunken und das Bewußtsein verloren, das konnte ja passieren, Dannen war auch gerade sehr danach… Aber als er sie dann da liegen sah, gab es keinen Zweifel mehr, daß sie tot war, wirklich tot. Der Mond schien zum Fenster herein, und in seinem bläulichen Licht sah Dannen deutlich die dunklen Würgemale am Hals der Frau. Seine Hände fingen an zu zittern. Würgemale und ein völlig verzerrtes Gesicht, die Augen aufgerissen, die Zunge quoll aus dem Mund, alles bläulich, alles sehr, sehr tot…
Wie von selbst glitten seine Hände an ihren Hals. Er mußte nicht mehr sehen, daß seine Finger genau dorthin paßten, wo die dunklen Flecken waren. Es reichte, daß er plötzlich genau wußte, wie sich ihr Hals anfühlte, jetzt und als er noch lebte. Wie es sich anfühlte, zuzudrücken, sich mit ganzem Gewicht auf einen strampelnden, sich wehrenden Leib zu drücken, bis der Widerstand unter seinen Fingern brach und das Leben mit einem Schlag fort war. Seine Hände erinnerten sich.
Panik packte Dannen, jähes Erwachen und Erkennen - er hatte eine Frau getötet. Es war egal, daß er ihren Namen nicht kannte, sie war tot. Sie würde keine Kinder mehr kriegen, sie würde überhaupt nichts mehr kriegen im Leben, es war kein Leben zum Kriegen mehr da, und Dannens Hände erinnerten sich, wie es war, sie erwürgt zu haben. Er saß im aufrecht im Bett in einem Zimmer, das vom Mondlicht immer heller beschienen wurde, einem kleinen Zimmer ohne Tür, ohne Fenster, die Wände über und über mit Zeichen beschrieben, fremde Zeichen in der Sprache der Engel, er konnte sie nicht lesen, es waren zu viele. Sie leuchteten weißlich. Es war kein Mond, der die Zelle erhellte. Und während er sie sah, krochen sie über die Wand auf ihn zu, auf sein Bett, auf sein Laken, auf seinen wehrlosen Körper. Sie waren kälter und töter als der Tod selbst. Blinde, schwarze Panik. Dannens Herz raste und donnerte, als versuche es, für zwei zu schlagen, und erst als es dunkel um ihn wurde und dann wieder hell, begriff er, daß es nur ein Traum war. Nur ein Traum, nichts weiter.
Dannen lag in seinem Bett, völlig durchgeschwitzt, sein Herz hämmerte noch immer, er konnte sich kaum rühren, etwas drückte ihn auf sein Laken zurück, aber es gelang ihm trotzdem, nach den Seiten zu tasten. Er war allein, ganz allein. Langsam versuchte Dannen wieder zu Atmen zu kommen, den Traum abzuschütteln und die Erinnerung daran zu all den Dingen vom Tag zu packen, an die er sich auch nicht mehr erinnerte. Er träumte sonst nicht so. Träumte er eigentlich je? Es war nichts, was er normalerweise wußte, wenn der Morgen kam. Träume waren etwas für andere Leute…
Aber Dannen lag im Bett, das sein eigenes war, und konnte nicht wieder einschlafen. Zu sehr saß die Angst an den Traum noch in seiner Brust, in seinem Kopf, stärker als der Nachhall des Weins, der ihn hätte betäuben sollen. Und so fest er auch die Augen schloß und die Bilder zurück in die Nacht verbannte, der Rücken der Frau, die Male an ihrem Hals, die Zeichen an der Wand - seine Hände erinnerten sich immer noch daran, wie es war, einen Menschen zu erwürgen.

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