Vierzehntes Kapitel

Der kräftig gebaute Schatten verschwand zügig im Frühnebel des Berges, dass bald nur noch die kräftigen Schultern zu erahnen waren, doch Mendrion sah wenig Sinn darin, ihm nachzublicken. Die Sonne ging auf, und das bedeutete, Dannen schnürte sich einen Rucksack mit Brotzeit und Feldflasche und brach ins Gebirge auf. Aber selbst wenn ihm das gut tun mochte - die frische Luft, die Bewegung, und nicht zuletzt die Einsamkeit - war solcher Sport doch nichts für Mendrion. Und so brauchte er keine großen Ausreden, um an Leotas Seite zu bleiben. Berge hin, Jagdgründe her - sie waren zu einem anderen Zweck in Elad Courblaka. Sie hatten Arbeit zu tun in diesem Tal. Aber es war eine Arbeit, für die man sie auf ewig nur als 'Die Fremden' bezeichnen würde - jetzt nach zwei Wochen, aber auch noch in Jahren - und Mendrion wagte nicht zu fragen, wie lange sie noch hier sitzen und warten sollten. Und Patrouillen reiten, sinnlose Patrouillen, die kaum einen Sinn hatten, als den Pferden ein wenig Bewegung zu verschaffen. Arme Pferde. Dieses Tal war kein Ort für sie, und nicht für einen Hauptmann, dessen Krieg nun ohne ihn statt finden mußte.
Also hatte Mendrion die Wahl: Patrouillieren in der Hoffnung, die Jungen noch vor dem Tal zu erwischen, bevor einer der Dorfbewohner die beiden warnen konnte, daß die Häscher des Königs hinter ihnen her waren. Oder dem vergnügten Wandersmann im Dunst auf den Berg zu folgen. Oder im Wirtshaus zu sitzen und sich von der Dorfjugend erst bestaunen und dann beleidigen zu lassen, nur um zwischendurch die schöne Venna für sich allein zu haben. Oder zusammen mit Leota Varyns - oder besser: Gavens - Mutter von der Arbeit abzuhalten, alles für einen Moment mit der schönen Königstochter - nichts davon war das Wahre. Was immer man hier auch über königliche Hauptmänner sagen und denken mochte, Mendrion lebte dafür, nützlich zu sein und dabei noch bewundert zu werden. Er wollte nicht als Hanswurst enden und war doch auf dem besten Wege dorthin.
»Sagt, Leota, ist es in Ordnung, wenn ich mit Euch komme?«
Sie zuckte die Schultern. »Tut, was Ihr nicht lassen könnt. Aber erwartet nicht, daß wir heute noch etwas Neues erfahren werden.«
Mendrion versuchte zu lachen. »Natürlich nicht.« Sie wußten, was es über Varyn zu wissen gab - und das war nur unwesentlich mehr, als sie bei ihrer Ankunft wußten. Alles an seiner Herkunft war seltsam genug, um ins Bild zu passen, und der Schuft von einem Wanderarbeiter, der den Jungen gezeugt hatte, mochte ebensogut ein Engel auf der Durchreise gewesen sein - es änderte nichts, und das Wissen nutzte auch niemandem, solange sie hier festsaßen.
»Irgendwann müssen wir uns damit abfinden«, sagte Mendrion. »Er kommt nicht mehr hierher zurück. Ist längst über alle Berge, hat sich nach Elysir durchgeschlagen oder sonstwo hin, hat seinen Bruder totgeschlagen und traut sich nicht heim - wir sehen ihn nicht wieder.«
Leota schüttelte den Kopf. »Ich will hier nicht überwintern, ganz sicher nicht. Ich würd gern zu meinem Vater gehen und ihm sagen, tut mir leid, der Junge ist tot - aber das geht nicht, solange er noch irgendwo lebend auftauchen könnte
»Aber das kann er auch, während wir hier warten - und uns derweil zu Tode langweilen.« Nein, das waren nicht Mendrions Pläne! Da freute er sich so auf den Moment, wo er mit Leota allein sein sollte - und vermutete, daß Dannens Bergwanderungen auch dazu dienten, ihm diese Gelegenheit zu geben - und dann redeten sie doch immerzu nur über Varyn. Und wenn es eine Sache gab, die Mendrion dem Kohlenjungen übelnahm, dann das!
»Wenn Ihr Euch langweilt, unterrichtet die Burschen hier mit dem Schwert. Oder vergnügt Euch mit der Schankmagd.«
Oh, diese Worte schmerzten! Mendrion hatte die Schankmagd gnädig Dannen überlassen - von ein paar neckenden Worten dann und wann mal abgesehen - damit Leota nicht schlecht von ihm dachte. Aber es hätte wohl keinen Unterschied gemacht, wenn die beiden Männer sich die Wirtstochter geteilt hätten; Venna war ein einfach gestricktes, gut gebautes Mädchen, das um ein bißchen Abwechslung froh war. Mendrion verzog das Gesicht. »Ich weiß nicht, was Ihr von mir denkt, Leota -«
Sie lachte schnippisch. »Wißt Ihr, Mendrion«, sagte sie, »für gewöhnlich ziehe ich es vor, gar nicht an Euch zu denken.«
»Wie auch immer«, sagte Mendrion. »Gehen wir.« Es war müßig, auf dem Thema weiter herumzureiten oder auch nur zu fragen, was sie schon wieder bei Varyns Familie wollte. Der Mutter im Haushalt helfen? Ganz sicher nicht. Aber sie gingen dort so oft aus und ein, dass nicht mehr viel fehlte, bis die Kinder sie mit Onkel und Tante anreden würden. Oder, bis man sie eines Tages endgültig vor die Tür setzte.
Unüberhörbar seufzte die Frau, als schon wieder zwei ungebetene Gäste vor ihrer Tür standen und Einlaß verlangten. »Tretet ein, in Vigilanders Namen.« Sie gab die Tür frei - eine kleine schmale Frau, die nur aus Entfernung zerbrechlich wirkte, bevor man die harten Muskeln unter der Haut sah und das strenge Gesicht unter dem schwarzen Haarknoten. Unverkennbar ihre Ähnlichkeit mit Gaven, der hatte ihre wachen schwarzen Augen geerbt - und ebenso unverkennbar hatte sie nicht die geringste Ähnlichkeit mit Varyn.
Auch Leotas Stimme war streng und lange nicht mehr so freundlich wie noch vor einer Woche. »Wirklich, Katka, Ihr wißt, wie ungern ich Euch von der Arbeit abhalte - aber wenn Ihr Euch nicht entschließt, mit uns zu reden, habe ich keine andere Wahl.«
Die Hütte war karg und wirkte armseliger, als man von der Familie eines Mannes erwarten durfte, der immerhin ein Bergwerk besaß. Aber reich war hier oben niemand, und auch niemand dick - da mochte Dannen noch so sehr jammern, aber er war zur Zeit sicherlich der bestgenährte Mann im ganzen Tal. Mendrion konnte froh sein um die paar Pfunde, die ihm an dem Titel fehlten. Dennoch, selbst für diese Maßstäbe war Varyn zu dünn. An den Kochkünsten der Mutter sollte es sicher nicht liegen.
»Warum soll ich mit Euch reden wollen? Ihr sagt mir nicht einmal, warum Ihr meine Söhne jagt - was erwartet Ihr von mir oder meinem Mann?«
»Wir reisen im Auftrag des Königs«, erwiderte Leota hart. »Das ist alles, was Ihr wissen müßt.«
Die Frau lachte. »Ich bin die Mutter dieser beiden Jungen - und das ist alles, was Ihr wissen müßt.«
Leota schüttelte den Kopf. Mendrion verzog keine Miene. Sie konnten der Frau jetzt sagen, daß sie den Grund selbst nicht wußten - aber was für einen Eindruck sollte das machen? Es war der beste Weg, um noch lauter ausgelacht zu werden. An Sturheit war diese Frau ihrem Mann ebenbürtig, und an Dreistigkeit das ganze Dorf. Es hätte Mendrion nicht mal gewundert, wenn die Leute hier längst wußten, daß Leota und Dannen nicht irgendwelche königlichen Gesandten waren - hier machte es keinen Unterschied, und so war es den Engelsgeborenen weniger peinlich, sich hier hinter ihrer vorgeblichen Anonymität verstecken zu können. Und für Mendrion sowieso.
»Wenn wir Euch irgendwie zur Hand gehen können?« fragte Leota.
Aber so gern Mendrion die Königstochter mal mit dem Besen in der Hand gesehen hätte oder am Kochtopf, sagte die Bergmannsfrau nur: »Ach, setzt Euch einfach irgendwo hin, und seid mir nicht in den Füßen.«
Sie setzten sich an den massiv gezimmerten Esstisch, von dessen glattgehobelter Platte sicher schon Generationen von Kohlenhauern und Kindern gegessen hatten, und dann begann das quälende Warten, wer zuerst etwas sagen würde. Katka hatte die besseren Karten: Sie war zu beschäftigt. Mendrion dagegen wünschte sich, wieder einmal, doch Patrouille geritten zu sein. Oder mit Dannen auf den Berg gestiegen. Es war kein Vergnügen, einer Frau bei der Hausarbeit zuzusehen, erst recht nicht für einen Mann. Mendrion fühlte sich überflüssig und fehl am Platz. Aber zuvor hatte es Leota auch schon allein versucht, von Frau zu Frau - das Ergebnis war das Gleiche. Ob er sie einmal fragen sollte, ob sie Würfel dabeihatte oder Spielkarten? Mendrion ließ es bleiben.
»Ihr wißt, daß ich Euch gleich vor die Tür setzen werde«, sagte Katka irgendwann, nach einer Ewigkeit des ungemütlichen Schweigens. »Aber Gesandte des Königs hin oder her - ich dulde keine Fremden im Haus, wenn ich selbst nicht drin bin.«
Diesmal war es Leota, die seufzte. »Ihr bringt ihnen schon wieder das Mittagessen raus?«
»Wie an jedem Tag«, erwiderte die Frau mit geduldigem Gleichmut. Wer wußte, wie oft sie das Leota schon gesagt hatte?
»Warum tut Ihr Euch das immerzu an?« fragte Leota weiter. »Raus zum Berg und wieder zurück - Ihr braucht bestimmt eine Stunde, bis Ihr wieder hier seid, und dabei habt Ihr wahrlich genug Arbeit.«
»Meine Arbeit ist nicht Eure Sache.« Der Tonfall Katkas verriet, wieviel Hausarbeit sei einer Frau zutraute, die Rüstung und Schwert trug - sicher kaum mehr als Mendrion, und sicher ebenso verdient.
»Ich verstehe ja, daß sie nicht schon Mittags ihren Dreck ins Haus schleppen sollen.« Diesmal konnte Leota nicht klein bei geben. Was bezweckte sie? Wenn die Bergmannsfrau schon nicht reden wollte, mußte sie zumindest ihr Leben nach Leota ordnen? »Aber sie sollten doch wenigstens Manns genug sein, sich morgens eine Brotzeit fürs Mittagessen einzupacken.«
Einen Moment lang sah es aus, als wolle Katka Leota ohrfeigen, doch sie beließ es bei einem Blick. »Was versteht Ihr schon? Manns genug? Ihr sprecht von meinem Mann, und von meinen Kindern!«
»Entschuldigt bitte«, sagte Leota schnell. »Ich wollte nicht -«
»Ich bringe ihnen das Essen in den Berg«, sagte Katka, »weil ich es will. Weil ich sehen will, daß sie alle noch da sind und noch am Leben. Der Berg ist gefährlich, jeder Narr weiß das. Und ich habe gerade erst zwei Söhne verloren. Reicht das?«
Mendrion und Leota verließen die Hütte hastig, aber nicht überhastet. Mit allem rechnete Mendrion - daß Leota fluchen sollte oder diese sture Frau verwünschen, ihr endlich drohen, bis sie redete - wo es keinen Büttel gab, konnte man sich immer noch selbst dazu machen, und diese Leute hatten kein Recht, derart mit Gesandten des Königs umzugehen, geschweige denn mit seiner Tochter - mit allem rechnete Mendrion, nur nicht damit, daß sich Leota nach dem Haus umdrehen würde, kaum daß sie die Wegbiegung erreicht hatten, und seufzen.
»Ach, ich liebe diese Frau einfach!«
»Was?« entfuhr es Mendrion. Das konnte sie doch unmöglich so meinen! Wenn das jetzt bedeutete, daß Leota… Wenn sie schon lieber kämpfte wie ein Mann…
»Ich bekomme einfach nicht genug von ihr«, fuhr Leota fort. »Aber wehe, Ihr verratet das Dannen! Er muß wirklich nicht alles wissen, was er nicht versteht.«
Nein, Mendrion verstand auch nicht. »Ihr… Ihr sagt, Ihr liebt sie?« Es war nicht einmal eine schöne Frau, und viel zu alt war sie noch dazu! Mendrion schüttelte sich.
Aber Leota nickte. »Nicht so, wie Ihr denkt.« Mendrion atmete erleichtert auf. »Sie ist so stark - sie läßt sich nicht einschüchtern, von niemandem, nicht mal von einem Schwert. Die Welt müßte untergehen, ehe sie ihre Familie im Stich ließe.«
Ja, wenn es das war! »Sie muß so stark sein, wenn sie hier draußen überleben will«, beeilte er sich zu sagen. Und diese Stärke hatte sie an ihre Söhne weitergegeben, zumindest an die beiden, die sie nun suchten - ihr jüngster war ein kleiner Junge von vielleicht acht Jahren, aus dem konnte einmal alles werden - der älteste ein unangenehmer halbwüchsiger Bursche, der bereit war, seinen Bruder für ein Bier oder mehrere ans Messer zu liefern… Mendrion wußte, daß er mit den Edriks dieser Welt gut zusammenarbeiten konnte. Aber menschlich war auch ihm die Mutter lieber.
»Nur - warum darf Dannen das nicht wissen?« fragte Mendrion, immer bereit, wie es schien, zur falschen Zeit das falsche zu sagen. Diesmal also gegenüber Leota.
»Weil er nie gefragt hat, warum sie uns nicht mitgenommen hat!« Leotas Ausbruch war kurz und zornig. »Weil er immer nur bereit war, ihn zu hassen, nicht sie. Aber sie hat uns schließlich allein gelassen!«
Mendrion fragte nicht weiter nach. Da zumindest wußte er es besser. Aber wenn er bei sich meinte, daß Dannen manchmal eine ebenso verkrachte Existenz war wie Varyn, konnte er das eigentlich auch gleich über Leota sagen.
»Heute Nachmittag ist sie wieder da«, sagte er. »Dann können wir es noch einmal versuchen, oder Ihr allein.« Er sprach von einer anderen Mutter als Leota. Aber das war schon in Ordnung.

Zumindest als es gegen Abend ging, hörte der Tag auf, ein vertaner Tag zu sein. Zwar passierte nichts wirklich Bemerkenswertes, nichts, was den weiten Weg und die lange Zeit gelohnt hätte, aber doch zumindest etwas, das den Tag von seinen Vorgängern unterschied, und sicher auch von seinen Nachfolgern. Endlich ergab sich für Mendrion und seine Leute die Gelegenheit, mit dem Vater der Jungen zu sprechen. Auch wenn Inhalt wie Umstand verbesserungswürdig waren…
»Packt Eure Sachen und schert Euch aus diesem Tal!« sagte der Mann und baute sich neben ihrem Tisch auf, als wäre er mindestens einen Kopf größer und breiter als in Wirklichkeit. »Schert Euch zurück zu Eurem König, oder zu Vigilander persönlich, oder wer immer Euch auch schickt - aber vergeudet nicht Eure oder unsere Zeit, oder Euren oder unseren Krieg!«
Es war das erste Mal, daß Gavens Vater von sich aus das Wort an sie richtete - auch wenn sie Abend für Abend in der gleichen Schankstube saßen, ging doch immer eine unsichtbare Mauer durch den Raum und trennte die Dorfmänner von den Königsleuten. Die einzige, die diese Grenze in beide Richtungen zu überschreiten vermochte, war Venna. Und sie war es auch, die nun eilig aufsprang, als hätte der Mann sie bei etwas Unerlaubtem ertappt.
Wie auch immer man das sehen mochte: Es stimmte zumindest, daß sie verdächtig nah bei Dannen saß, und das, obwohl es ihre Aufgabe gewesen wäre, auch die durstigen Schmiede und Eisengießer und Bergleute mit Bier zu versorgen. Und auch wenn dieser Tamrik nur Gavens Vater war und nicht ihr eigener, packte er sie doch recht grob und schob sie in Richtung des Schanktisches, wo sie hingehörte.
Mendrion saß Leota gegenüber, und er sah, wie ihre Augen schmal wurden. »Behandelt Ihr eure eigenen Töchter auch so?« fragte sie. Es klang wie eine Drohung, die bereit war, zur Kriegserklärung heranzuwachsen.
Der Bergmann schnaubte. »Sie hat hier nichts verloren, und das weiß sie auch.«
Leota erhob sich. »Mit Verlaub - Venna saß als Gast an unserem Tisch, weil wir sie zu uns gebeten hatten.«
»Wir?« fragte der Mann zurück. »Oder meint Ihr nicht doch nur Euren feinen Herrn Bruder?«
Mendrion, an Dannens Stelle, hätte diesen Satz geflissentlich überhört. Aber das war Dannens Art nicht. Oder zu den Dingen, die er in diesem Dorf vermißte, gehörten zünftige Wirtshausschlägereien. Oder er war einfach wütend. Jedenfalls sagte er: »Solange ich sie nicht schwängere, kann es Euch egal sein. Und selbst wenn, dann auch. Laßt das Sache ihres Vaters sein - oder gibt es da irgendwas, das wir nicht wissen sollen, und auch sonst niemand im Dorf?«
Mendrion biß sich auf die Lippe und bereute, daß er Dannen hatte aussprechen lassen. Wenn man sie jetzt aus dem Tal prügelte -
Tamrik langte quer über den Tisch und verpaßte Dannen die Ohrfeige, die er sich verdient hatte. Dabei schnaubte er. »Glaubt nicht, daß wir nicht genau wissen, wer Ihr seid, Fürst Dannen. Und glaubt nicht, daß Ihr Euch deswegen alles erlauben dürft! Vergeßt nicht, wer wir hier sind. Ohne uns könnte es Eure ganzen Kriege nicht geben.«
Doch Dannen schlug nicht zurück und ließ, sehr zu Mendrions Erleichterung, auch den Tisch stehen wo er war. Statt dessen grinste er über das ganze Gesicht. »Ohne unsere ganzen Kriege könnte es Euch nicht geben. Was soll Eure Kohle schmelzen, wenn nicht das Erz zu Eisen für Schwerter? So viele Pflugscharen werden im ganzen Land nicht gebraucht!« Er stand auf und blickte herausfordernd auf den Mann hinunter, den er gut um Haupteslänge überragte.
»Natürlich nicht!« Der Bergmann machte einen Schritt rückwärts, doch seine Stimme war nicht minder kämpferisch. »Wer braucht noch Pflugscharen? Wer braucht noch Brot, wenn unsere Jugend in Eurem Krieg stirbt? Ein Toter muß nicht mehr fressen!« Diese ehrliche Heftigkeit überraschte Mendrion, gerade weil der Mann doch wußte, wen er vor sich hatte.
Vielleicht war es das Bier, das aus ihm sprach. Oder aus Dannen. Wären die Beiden Mendrions Rekruten gewesen, er hätte die Streithammel jetzt vor die Tür gesetzt und seine Ruhe gehabt. Aber das war ihm nicht vergönnt. Dannen bleckte die Zähne.
»Wenn Ihr Angst habt, die Doubladai sterben aus vor lauter Krieg, was stört es Euch dann, wenn ich Venna ein Kind mache?«
Mendrion - der schon einmal eine Diskussion mit Tamrik verloren hatte, und das vor all seinen Männern und dem ganzen Dorf - mußte zugeben, daß dieser Punkt an Dannen ging. Was die Lage nicht wirklich verbesserte. Denn jetzt trat Leota neben ihren Bruder und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
»Laß gut sein, Dannen«, sagte sie. »Die Entscheidung solltest du immer noch Venna überlassen. Aber Ihr« - und nun wandte sie sich an den Bergmann - »haltet Euch zurück. Und laßt nicht an Venna aus, was damals mit Eurer Schwester passiert ist.«
Tamriks Gesicht wechselte von rot zu weiß zu rot zu weiß. »Haltet meine Schwester da raus«, sagte er dumpf. Offenbar waren seine Trümpfe verspielt.
»So?« sagte Leota. »Was müssen wir denn über sie wissen, um sie da raushalten zu können?«
»Denn seht Ihr«, fuhr Dannen fort, »wenn Ihr nicht langsam mal das Maul aufmacht, was Eure Schwester und ihr Bankert angeht, und den Mann, der ihr das Kind gemacht hat, haben wir keinen Grund, Euer gastfreundliches Dorf wieder zu verlassen - und Venna freut sich sicher, wenn wir bleiben.« Er setzte die Hände auf die Hüften und grinste feist. »Warum setzt Ihr Euch nicht zu uns und trinkt ein Bier auf Kosten Eures Königs?«
»So bekommt Ihr mich nicht«, sagte Tamrik. »Ihr habt meinen Großen oft genug abgefüllt, um es besser zu wissen. Und wenn Ihr es genau wissen wollt - der Mann, dem wir unseren Varyn zu verdanken haben, wäre in meinem Haus jederzeit ein willkommener Gast, und er könnte von mir aus Venna schwängern, soviel sie will. Aber Euresgleichen wollen wir hier nicht.«
Dannen und Leota warfen sich einen kurzen Blick zu, dessen Bedeutung Mendrion nichts anging und die er sich doch bei nahe denken konnte.
»Und ein Bier auf den ganzen Ärger können wir Euch auch nicht aufschwatzen?« fragte Dannen im Plauderton weiter.
»Höchstens eine Maulschelle könnt ihr von mir erwarten«, knurrte Tamrik. »Und haltet Euch von meinen Söhnen fern!«
»Wenn Ihr uns dafür Eure Töchter vorbeischickt?« sagte Dannen und bekam seine zweite Ohrfeige, diese jedoch von seiner Schwester.
»Und ich verbiete Euch«, sagte Tamrik, »jemals wieder auch nur einen Fuß in mein Haus zu setzen und meine Frau zu belästigen. Wir haben genug von Euch. Und was immer Ihr von Varyn wollt, Ihr werdet ihn niemals bekommen. Nur über meine Leiche.«
»Fordert uns nicht heraus«, sagte Leota mit leiser, rauher Stimme. »Wenn Ihr Euch uns entgegenstellt, stellt Ihr Euch auch gegen unsere Schwerter. Wir können sie vielleicht nicht schmieden - aber dafür wissen wir, wie man sie führt.«
Es waren gute letzte Worte für einen Abend, dem bis auf die Wirtshausschlägerei kein Ärgernis fehlte. Mendrion sah noch zu wie der Bergmann mit schweren Schritten die Schankstube verließ und die Tür grob hinter sich zuwarf. Dann schüttelte er den Kopf, leerte sein Bier und stand auf. »Ich denke, ihr braucht mich nicht mehr«, sagte er. »Und wenn ihr euch prügeln wollt, würde ich euch raten, das draußen vor der Tür zu machen.«
Dann ging er zu Bett, nicht ohne vorher noch laut zu seufzen und Vigilander um Erlösung anzuflehen - von diesem Dorf, oder zumindest von diesen Geschwistern.

nächste Tag brachte schlechtes Wetter in jeder Hinsicht - vom Himmel bis zur Stimmung. Es goß in Strömen, und die Wolken hingen so schwarz und tief, daß die Gipfel der Berge ganz und gar in ihnen verschwanden und es zu dunkel war, um auch nur zu sagen, wo sie aufhörten und wo der Regen anfing. Auch in der Schankstube, hinter verschlossener Tür und verriegelten Fensterläden, war das Rauschen immer noch lauter als jeder Versuch, eine normale Unterhaltung zu führen.
Venna, die ihnen das Frühstück brachte, kommentierte das Wetter mit ungerührtem Schulterzucken. »Was soll's schon geben, steht halt der Winter vor der Tür.«
»Regnet es bei euch im Herbst immer so?« fragte Leota, sichtlich bemüht um eine freundliche Konversation mit einer jungen Frau, der es gekonnt gelang, Dannen nichts als ihren Rücken zuzuwenden, ohne dabei seinen Blick auf ihren Hintern zu lenken.
Venna zuckte nochmals die Schultern. »Daran machen wir fest, daß Herbst ist. Wenn es anfängt zu schneien, nennen wir's Winter. Aber so ist das nun mal. Bald tritt der Bach übers Ufer, und dann sitzen wir hier und keiner kommt mehr rein ins Dorf oder raus dem Dorf für zwei Wochen oder so.«
»Wann wird es soweit sein?« Mendrion konnte weder diese Frage noch seine Besorgnis zurückhalten, nicht zu dieser frühen Stunde - sie saßen jetzt schon in dem Tal fest, aber vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein war dann noch eine Ecke schlimmer. Vor allem, da Leota und Dannen ihrem Vater eine Nachricht geschickt hatten, daß sie mehr Zeit brauchten und vor allem mehr Geld - wenn letzteres nicht ankam, konnte das ärgerlich werden.
Venna zuckte abermals die Schultern. »Was weiß ich, ich zähle die Tage nicht, und zum Bach runter komm ich auch nie - paar Wochen, denk ich mal. Aber übern Winter wollt ihr sowieso nicht hier bleiben.« Und ihrem Tonfall war das auch nicht schade drum.
Hinter ihrem Rücken schob Dannen seine sichtlich angebrannte Grütze von sich und stand auf. »Wir sehen uns dann mal gegen Abend, denke ich«, sagte er, mehr in den Raum hinein als zu einem bestimmten Anwesenden und ganz sicher nicht zu Venna.
Leota blickte auf. »Wo willst du denn hin?« fragte sie.
»Wohin wohl?« Dannen deutete mit dem Kinn auf die Tür. »Glaubt ihr, ich will hier mit euch versauern und würfeln? Ich geh Bergwandern.«
»Bei dem Regen?« Leota zog verärgert die Brauen zusammen. »Du bist doch -«
Dannen lachte. Es war sein erstes Lachen an diesem Tag - bis dahin hatte er kaum mehr getan als grunzen und mißmutig und verkatert dreinzublicken. »Meinst du, ich bin in Leben noch nie naß geworden? Einem Kerl wie mir macht so ein bißchen Regen doch nichts aus!« Fraglich, wen er damit beeindrucken wollte. Seine Schwester vielleicht?
»Das ist nicht ein bißchen Regen«, erwiderte Leota streng - richtig, sie war die ältere der beiden und mußte dann auch wohl die Rolle der Vernunft übernehmen. »Das ist kein Wetter zum Wandern. Es ist gefährlich. Es kann einen Bergrutsch geben.« Sie blickte zu Venna hin, als erwarte sie Unterstützung, Warnungen oder hilfreiche Bauernweisheiten, doch Venna hatte gerade entdeckt, daß einige Tische am hinteren Ende der Schankstube dringend abgewischt werden mußten.
»Wenn du mich aufhalten willst, mußt du schon mitkommen«, sagte Dannen und griff nach seinem Mantel. »Und selbst dann wird es dir nicht gelingen.« Er schnaubte. »Hast du schon mal erlebt, daß einer von unserem Blut sich was hätte ausreden lassen?« Er wartete nicht auf ihr Kopfschütteln. In den Raum hinein und mehr zu Mendrion als zu irgend jemandem sonst sagte er: »Haltet mir einen heißen Zuber bereit, wenn ich wiederkomme.« Und dann war er draußen.
»Ich schrubb dir sicher nicht den Rücken«, murmelte Mendrion zu sich selbst und seiner Ziegenmilch, aber Leota hörte ihn natürlich.
»Warum habt Ihr ihn nicht zurückgehalten?«
Mendrion legte den Kopf schief. »Warum sollte ich? Euer Bruder, seine Dummheit - ich hab damit nichts zu schaffen. Warum habt Ihr ihn nicht aufgehalten?«
Leota zeigte etwas, das man fast für ein Lächeln halten konnte. »Aus dem gleichen Grund wie ihr - um ihn los zu sein. Glaubt Ihr, ich will den ganzen Tag über bei Regen in der Gaststube hier festsitzen mit Venna am einen Ende und Dannen am anderen? Venna kann hier nicht weg, und Dannen weiß das.«
Mendrion atmete durch. »War gestern Abend noch was zwischen Dannen und Venna?«
»Ha!« Leota verzog das Gesicht. »Ich sag mal so - Venna ist nicht taub. Und Dannen war gestern nicht gerade gut im Flüstern.«
»Ach, das«, erwiderte Mendrion, als sei er von Dannen nichts anderes gewöhnt, und leider war er das auch. »Ich nehme an, entschuldigt hat er sich auch nicht?«
»Entschuldigt?« Leota lachte. »Das Wort gäb es doch in diesem Land nicht, wenn wir nicht fast die gleiche Sprache hätten wie unsere Nachbarn. Das haben sie sicher in Landalon erfunden - für uns gibt es sowas nicht. Ihr Männer kennt das Wort nicht, und wir Frauen würden sowieso nicht drauf reinfallen.«
Mendrion lachte. Es war das erste Mal, daß Leota so deutlich die Grenze zog zwischen sich als Frau und ihm als Mann. Dann seufzte er. »Aber ehrlich, was hat Venna erwartet? Doch sicher nicht, daß er sie am Ende mitnimmt und heiratet.«
Fast sah es aus, als wolle Leota aufspringen und ihm eine scheuern, aber da flog hinter ihnen scheppernd ein Blechkrug an die Wand und ließ sie herumfahren.
Da stand Venna mit vor Zornesröte glühenden Wangen, und die Hände hielt sie wohl nur deswegen zu Fäusten geballt, weil alles andere in ihrer direkten Umgebung, womit sie hätte werfen können, zerbrechlich war. »Als ob es mir um so was ginge!« fauchte sie. »Ich hab immer gesagt, wenn ihr hier weggeht, komm ich mit - aber doch nicht, um irgend so einen Kerl zu heiraten!« Und dabei war es ihr sichtlich egal, ob Dannen nun rim Königssohn oder doch nur irgendein Kerl war - Mann war Mann.
Leota schüttelte den Kopf. »Komm, Venna, setz dich zu uns, trink einen Schluck, reg dich ab, der Kerl verbringt heute den ganzen Tag im Regen draußen, da ist er wohl bestraft genug.«
»Als ob es mir darum ginge!« Venna schnaubte, schenkte sich aber trotzdem einen Becher ein und kam zu ihnen an den Tisch. »Ist doch immedr wieder das gleiche mit den Leuten - aber ich darf mich nicht aufregen, oder was?« So, wie sie den Becher hinunterstürzte, war keine Milch darin. »Solange ich hierbleibe, bin ich doch immer nur die Dorfhure - als ob die was darüber wüßten, ich hab mich schlau gemacht, eine Hure bekommt wenigstens Geld dafür - als ob ich Lust hätte, irgend jemand anderens Hure zu werden!« Ihre schwarzen Augen irrten suchend über den Tisch, und als sie dort nicht fanden, was sie wollten, stand Venna wieder auf und marschierte mit ihrem Becher zurück zum Schanktisch, ohne dafür die Worte, die aus ihrem Mund hinausprasselten, zu unterbrechen. »Ich will doch nichts von Dannen, zumindest nicht mehr als er von mir - aber wenn er das macht, ist es in Ordnung, und wenn ich das mache, bin ich die Dorfhure und mache für jeden die Beine breit - das hätten die wohl gerne, was? Ich such mir meine Männer immer noch selbst aus. Als ob das mein Traum wäre, jeden Abend besoffen mit irgend einem Kerl im Heu zu landen! Aber das läßt mein Vater mich wenigstens tun, sonst darf ich ja nichts! Wenn hier Betrieb ist abends, krieg ich keine Pause und nichts, ich komm nicht mal raus zum Abort - aber immer tüchtig mit den Kerlen trinken, die bezahlen das ja - das kotzt mich an, das könnt ihr mir glauben!« Endlich nahm Venna sich die Zeit zum Luftholen und blieb wieder bei Leota und Mendrion neben dem Tisch stehen. »Ihr müßt nicht glauben, daß es mir nichts ausmacht, wenn die mich hier Hure nennen«, sagte sie etwas ruhiger. »Die sagen, ich treibe es mit jedem - aber was sagen sie über die, die es mit mir treiben? Die sind doch genausolche Huren!« Sie blickte Mendrion triumphierend an.
Der fragte sich kurz, ob Leota wohl wußte, daß er selbst schon mit Venna geschlafen hatte, als er damals mit seinen Männern durch dieses Dorf gekommen war - aber ob sie sich das nun denken konnte oder nicht, es war kein Grund für Mendrion zu erröten oder sich zu schämen. Er hatte nichts mehr mit Venna unternommen, seit Leota dabei war.
»Und was willst du jetzt tun?« fragte Leota und bedeutete dem Mädchen nochmals sich zu setzen.
»Ich denk noch immer, daß ich mit euch gehen werde.« Jetzt war der Zorn aus Vennas Stimme verschwunden und einem träumerischen Klang gewichen. »Ich hab ja bis jetzt immer gedacht, nur Männer kommen hier raus, wenn sie in den Krieg ziehen - und deswegen sag ich euch ja auch, ihr seid schön blöd, wenn ihr hier auf den Varyn wartet, der hat einfach zuviel Grips im Kopf, um hier freiwillig wieder zurückzukommen - aber jetzt wo ich gesehen hab, daß es auch Frauen gibt die kämpfen, geh ich mit euch und werd auch so eine Schwertmaid.«
»Das kannst du nicht«, unterbrach Leota sie rauh.
Venna lachte. »Weil ich keine Jungfrau mehr bin? Das interessiert doch keinen, das hat nichts mit dem Kämpfen zu tun -«
»Du kannst es nicht«, sagte Leota nochmals, »und das hat nichts damit zu tun, mit wem du dein Lager geteilt hast. Ich bin die einzige Schwertmaid von ganz Doubladir. Vor mir gab es wohl mal eine Tante, die hat sich das Wort ausgedacht. Aber ich habe mit dem Schwert trainiert, seit ich ein kleines Mädchen war. Du bist nicht schwächer als die Burschen hier im Dorf, du hast starke Arme, sonst könntest du die ganzen schweren Krüge nie auf einmal schleppen - aber stark allein reicht nicht. Du wirst kein Kämpfer mehr, dafür bist du zu alt.«
Mendrion verscheuchte alle Erinnerungen an Varyns erste Versuche mit dem Schwert - er gruselte sich immer noch, wenn er daran denken mußte…
»Und die Burschen?« fragte Venna erbost. »Die, die ihr aus den anderen Dörfern für euren Krieg geholt habt?«
»Die werden auch keine Kämpfer mehr«, sagte Leota mit stechender Ehrlichkeit. »Aber bei Männern macht das nicht soviel. Da ist es egal, wie gut die kämpfen, Hauptsache sie sind viele. Aber wenn du als Frau in den Krieg ziehen willst, als Kämpferin und nicht als Hure, hast du keine Wahl, als besser zu sein als die ganzen Kerle. Und das wirst du nicht mehr.« Leota seufzte. »Ich mag dich, Venna. Aber du bist eine Wirtstochter. Die einzigen Berufe, in denen du es zu was bringen kannst, sind Wirtin -«
»Und Hure, ich weiß!« Venna trat gegen den Tisch und sprang auf. »Warum geh ich nicht gleich und suche mir einen Strick?«
Leota lächelte. »Weil du auf deine Weise immer noch ganz zufrieden bist mit deinem Leben. Niemand hat dich gezwungen, die Dorfhure zu werden, nicht mal dein Vater, möchte ich wetten.«
Mendrion unterdrückte ein Grinsen. Es stimmte schon, Venna machte durchaus einen vergnügten Eindruck, wenn sie mit ihm oder mit Dannen herumturtelte. Und auch wenn sie sich nicht über jeden Mann freuen mußte, der ihr ans Mieder und den Hintern grapschte - solange sie sich aussuchen konnte, wen sie mit ins Bett nahm, mußte sie keine Huren um ihr Geld beneiden. Und hier im Tal war sie besser untergebracht als anderswo.
Venna lachte dafür grimmig. »Nicht gezwungen ist gut! Wenn ich's nicht geworden wär, hätte das Dorf irgendein anderes Mädchen zur Hure erklärt, egal ob sie will oder nicht. Wißt ihr, wer vor mit die Dorfhure gewesen ist?«
Leota und Mendrion schüttelten die Köpfe, aber damit hatte Venna auch wohl gerechnet, denn sie wartete nicht lang und redete weiter. Vielleicht hätten sie sich viel Arbeit in diesem Dorf erspart, wenn sie sich gleich die Schankmagd als unerschöpflich gesprächige Informationsquelle geschnappt hätten und nicht nur als Gespielin für Dannen!
»Vor mir war's nämlich Varyns Mutter«, sagte Venna triumphierend. »Sie ist gestorben, als ich noch klein war - wer's dazwischen gemacht hat, weiß ich nicht, ich bin dann da so reingerutscht - aber die Frau hatte wirklich einen üblen Ruf hier, und dabei hat sie's längst nicht mit allen getrieben! Die hat sich ihre Männer auch ausgesucht, und eben weil sie fast alle hat abblitzen lassen, haben die anderen angefangen, sich das Maul über sie zu zerreißen - der Schmied, den könnt ihr mal fragen, der hätt sie sogar heiraten wollen, aber den pack selbst ich mit der Kneifzange nicht an! Der Varyn hätt heut nicht halbsoviele Feinde hier im Dorf, wenn der Schmied nicht solchen Dreck über dem seine Mutter erzählt hätt…
Mendrion zog sich dann doch lieber für eine Weile zurück, auf Leotas Wink hin - zwischen zwei Frauen war jetzt wohl mehr an brauchbaren Sachen aus Venna rauszuholen als wenn irgendsoein Kerl dabei saß, und es reichte, wenn Leota die ganze Lebensgeschichte von Varyns Mutter kannte. Er war doch beinahe froh, sich solange um die Pferde zu kümmern, auch wenn es regnete und regnete, es halb nichts, die Tiere mußten jeden Tag bewegt werden, und sie warten ohnehin nach der langen Zeit hier schon in trauriger Verfassung. Mendrion verfluchte das Wetter; es war immer noch nicht heller geworden, der Himmel war vielmehr im Laufen des Morgens noch weiter nach unten gerückt.
Schnell war Mendrion naß bis auf die Haut, aber es gab hier keinen Stallknecht, und alle Versuche, in der Dorfbevölkerung einen geeigneten Burschen zu finden, waren gescheitert - und wozu lange weitersuchen, wenn es auch einen Mendrion gab, der jeden Tag bewegt werden, um nicht völlig aus der Form zu geraten? Er hatte bestimmt schon soviel zugenommen wie Dannen ab, seit sie in diesem Tal festsaßen. Inzwischen hatte er sich auch schon angewöhnt, wie die Einheimischen nur 'Das Tal' oder 'Das Dorf' zu sagen, als gäbe es keine anderen auf der Welt - und wer wußte, vielleicht sprach er selbst längst den breiten Dialekt der Dorfleute und hatte es nur noch nicht bemerkt?
Mendrion ritt ein Pferd nach dem anderen durch den Regen und rieb es mit Stroh trocken, bevor er selbst endlich wieder in die warme Stube treten konnte und sich schütteln wie ein aufgeweichter Hund. Er ließ sich von Venna einen Schnaps geben - es war zwar immer noch erst kurz vor Mittag, wenn man das bei dem Wetter überhaupt abschätzen konnte - aber darauf kam es jetzt auch nicht mehr an, und Mendrion war völlig durchgefroren. Erst nachdem er sich selbst trockengerubbelt und frische Kleider angezogen hatte, gesellte er sich wieder zu Leota, die noch an der gleichen Stelle saß wie zuvor, jetzt ohne Venna, und ein Schreibzeug vor sich hatte.
Sie blickte auf. »Puh«, sagte sie. »Wenn diese Frauen erstmal anfangen zu reden…«
»Aber Ihr habt genug -« Mendrion sah eine Menge Zeichen auf dem Pergament, das sie da gerade bearbeitete.
Leota nickte. »Ich habe eine Menge erfahren, sagen wir mal so.«
Mendrion schüttelte sich. Ihm war immer noch durch und durch kalt, und es war gut, daß Dannen jetzt nicht da war, der hätte ihn nur zu noch einem Schnaps ermutigt. »Das Wetter ist wirklich jämmerlich«, sagte er. »Und es wird immer noch dunkler dabei.«
»Den Regen hör ich ja«, erwiderte Leota wenig einladend und wandte sich wieder ihrer Schreibarbeit zu. »Und dunkel ist es hier drin auch.«
Mendrion fragte nicht, ob das Schreiben nicht Zeit hätte für später und sie nicht lieber würfeln wollte oder kartenspielen. Er kannte sie zwar jetzt deutlich besser als zuvor, aber sie war ihm immer noch viel ferner als Dannen und legte Wert darauf. Blieb also doch wieder nur das gepflegt-verkrampfte Gespräch. »Macht Ihr Euch keine Sorgen um Euren Bruder, daß er bei dem Wetter irgendwo draußen auf dem Berg unterwegs ist?«
Das Gute, oder das Schlechte, bei Vigilanders Familie war - man merkte immer sofort, wenn man etwas falsches gesagt hatte. Leota ließ ihre Feder fallen und blickte Mendrion zornig an. »Die Frage ist nicht Euer Ernst, oder?«
Abwehrend hob Mendrion die Hände. »Ihr wirktet doch vorhin schon ein bißchen besorgt -«
»Haltet Euren Mund!« rief Leota schroff. »Mein Vater und drei meiner Brüder kämpfen im Krieg, ich habe seit Wochen keine Nachricht von ihnen, und sie können jeden Tag sterben oder längst tot sein - und ich soll mit Gedanken, Sorgen machen um den einen Dummkopf, der nicht auf sich selbst aufpassen kann?«
Der Krieg. Am Anfang hatten sie noch kaum ein anderes Thema gekannt. Aber jetzt war er so fern, daß selbst der Hauptmann Mendrion nicht mehr wußte, was er sagen sollte. »Oh«, brachte er nur hervor.
Und zu mehr kam er auch nicht.

Ein lautes Krachen erschütterte die Schankstube - die Bänke bebten, der Tisch zitterte, Leotas Tintenfaß rutsche wie von selbst in Richtung der Tischkante, und auf den Borden an der Wand tanzten die Zinnkrüge und Teller wie beim heftigsten aller Donnerschläge, daß die Formen der Welt vor dem Auge verschwommen. Doch es war kein Donnerschlag, es war lauter und näher und länger, viel länger, es fülte Mendrions ganzen Kopf und Körper aus und wollte kein Ende mehr nehmen. Ein Krachen, daß einem das Herz davon stehenblieb; ein Krachen, daß das Herz eines Toten wieder anfing zu schlagen vor lauter Schreck.
Dann kam Venna aus dem Hinterzimmer in die Schankstube gestürzt, doch ihre Bewegungen, ihre rudernden Arme als sie fiel, waren für Mendrion so seltsam langsam und verzerrt, daß sie erst in seinem Verstand ankamen, als Venna längst am Boden lag.
Dann, für einen Augenblick, herrschte Stille.
Dann begannen sie alle zu schreien.
»Was war das?« schrie Leota und sprang auf, so heftig, daß sie gegen den Tisch stieß und das Tintenfaß hinterhersprang und auf dem Boden mit schwarzem Schleier davonrollte.
»Der Blitz schlägt ein! Der Blitz schlägt ein!« schrie Venna und barg, flach auf dem Boden liegend, ihren Kopf unter gekreuzten Armen. Mendrion erinnerte sich nicht, aufgestanden zu sein, doch er mußte es wohl, denn er war plötzlich bei ihr und half ihr hoch. Auch er schrie, gleichzeitig mit den anderen und doch ein jeder für sich.
»Raus hier!« schrie er. »Das Haus stürzt ein!«
Das Krachen hallte immer noch in seinem Kopf wieder, so laut und deutlich, daß er es genau benennen konnte - es war so dicht über ihm, es war so nah, der Dachstuhl krachte in sich zusammen, sie mußten raus, raus, raus -
Dann krachte es wieder.
Diesmal war es anders, ein anderes Krachen, beinhe etwas zäher, verhaltener, zaghafter, ferner, es nahm Anlauf wie mit einem Seufzen der ganzen Welt - oder verlor Mendrion den Verstand? Oder verlor er nur das Gehör? Sein Kopf raste, seine Kehle puliserte, es war gleich. Mit jeder Hand packte Mendrion eine Frau beim Arm, Wirtstochter, Königstochter, es war gleich, sie mußten nur raus, raus, raus, bevor das Wirtshaus sie alle mit sich und in sich und unter sich vergrub.
Mit Kopf und Schulter zuvorderst warf sich Mendrion gegen die Tür, hinaus ins Freie, in den Regen, in Sicherheit - und dann war da dieses Grollen, ein tiefes, dunkles, langes Grollen, und es war der Moment, in dem Mendrions Herz stehenblieb.
»Das ist nicht unser Dach!« schrie Venna, aber tief in seinem Inneren wußte Mendrion das längst, schon seit dem ersten Krachen. Es war nicht dieses Dach oder irgendein anderes Dach, oder sonst ein von Menschenhand geschaffenes Gebäude oder Gebilde. Es waren die Berge. Die Berge brachen zusammen.
Mendrion ließ die Frauen los. Seine Beine gaben unter ihm nach, doch er fing sich, fiel nicht hin, stürzte nur vorwärts. Er mußte in Bewegung bleiben, rennen, schneller sein als die Angst. Er war ein Hauptmann des Königs. Ein Vorbild für seine Männer, auch wenn gerade keine Männer von ihm da waren - egal, alles egal. Angst war nicht für Mendrion. Mendrion wünschte sich, daß auch die Angst das wußte -
Das Grollen schwoll an, der Boden bebte unter seinen Füßen, daß Mendrion meinte, der Grund würde unter ihm aufreißen, und schwoll an, und schwoll weiter an, doch das erleichternde Krachen blieb aus - das nächste konnte von überall kommen, oben, unten - ob die Berge auf das Dorf stürzten oder das Dorf in den Abgrund, niemand konnte es sagen, nur die Engel wußten es, oder die Abgründigen.
»Zur Grube, schnell! Das ist die Grube!«
Es waren noch andere Menschen draußen, sie kamen aus allen Häusern, aus der Schmiede, aus der Eisengießerei, sie rannten zum Bergwerk, und Mendrion rannte mit ihnen, weil er mußte, weil er nicht anders konnte, weil er froh war, ein Ziel zu haben, und weil es tröstlich war zu wissen, woher das Grollen kam, daß es nur ein Berg war und nicht der Abgrund unter dem Dorf.
Er rannte blindlings geradeaus, durch den Regen, mit den anderen - er rannte nicht vor, er rannte nur mit, es war nicht sein Tal, die anden kannten den Weg besser. Er rannte nicht mit, um zu helfen, er rannte nur, um zu rennen. Es krachte noch einmal, während er rannte, aber solange er in Bewegung war, erschreckte es ihn nicht mehr. Nur rennen, mit der Menge, wie in der Schlacht, und sein Körper handelte von selbst, und sein Kopf mußte nicht mehr denken. Der Berg brüllte, und sie rannten hin.
Mendrion war nicht der erste, der am Bergwerk ankam, und nicht der letzte - Leota kam ein paar Schritte hinter ihm - aber offenbar war Mendrion von allen Anwesenden der einzige, der es nicht dabei beließ, entgeistert die Unglücksstelle anzustarren. Das war ein Schicksalsschlag, aber keine Katastrophe, und ein Dutzend Männer standen da, bereit zum Zupacken - was warteten die noch?
Drei Stollen hatte das Bergwerk, die sich in die Seiten des Bergs hineinfraßen, aber sie lagen so weit auseinander, daß jetzt auch nur einen von ihnen eingestürtzt war - er führte ein Stück weit geradeaus, aber dann, wo er im Dunkel hätte verschwinden müssen, war Schluß. Dicke Felsbrocken, geborstene Balken, die früher einmal die Decke getragen hatten - nun wurden sie nicht mehr gebraucht, die Decke lag unten.
»Ist jemand verschüttet?« rief Mendrion - eine wichtige Frage, denn wenn sich alle rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatten, dann konnten sie mit den Räumarbeiten warten, bis der Regen aufhörte. Aber wenn jemand verschüttet war… Zumindest sah man keine Körperteile unter dem Schutt…
»Jemand?« fragte ein anderer zurück. »Alle! Sie sind da alle noch drin!«
Mendrion schwang sich auf einen Felsvorsprung - er brauchte eine Anhöhe, um den Überblick zu bekommen, und wenn es nicht von einem Pferderücken aus ging, dann mußte eben der nächste Felsklotz dafür herhalten. Gavens Vater war nirgendwo auszumachen - das hieß also - »Tamrik ist da drin?« rief Mendrion und war froh, daß er sich den Namen inzwischen gemerkt hatte. »Worauf wartet ihr dann noch?« Und worauf wartete er?
»Tamrik - und die Kinder.« Das war ein Murmeln in der Menge.
Mendrion schluckte. Die Kinder - das jüngste war wie alt? Sieben Jahre, acht? Er verstand die Starre, die über die Menschen gekommen war, aber gerade wenn es um Kinder ging, machte sie noch weniger Sinn.
»Katka!« rief Leota. »Weiß Katka es schon? Ich kann schnell rennen, ich sag es ihr, sie muß es…« Ihre Stimme erstarb. Mendrion mußte die Fassungslosigkeit in ihrem Gesicht sehen, um die in den anderen Gesichtern zu verstehen. Etwas zog seinen Blick zur Seite, den Weg entlang, den Hang hinunter, dorthin, wo das kleine Haus lag, wo sie vor einem Tag noch alle drei gesessen hatten… Und dann zurück zu dem Loch im Berg, hinter dem sich die Steinbrocken auftürmten. Die Zeit stand still, als Mendrion von seinem Felsbrocken sprang.
Noch war nichts verloren. Noch konnten sie alle retten. Er konnte alle retten. Er war nicht gelähmt wie die anderen. Er kannte die Bergmannsfamilie nicht, oder kaum, oder zu wenig, um sich um sie zu sorgen - aber wenn er sie rettete, wenn er auch nur einen von ihnen rettete, mit seinen eigenen Händen, dann hatte er gewonnen, das ganze Dorf und die Herzen einer störrischen Familie. Mendrion dachte und wußte und haßte und verachtete sich gleichzeitig für seine Ruhe. Ein königlicher Hauptmann mußte den Tod nicht fürchten. Außer seinen eigenen.
Dann war er am Stolleneingang. »Packt mit an!« rief er. »Wir können sie da immer noch rausholen - worauf wartet ihr?«
Vielleicht dachten die Dorfleute, daß Mendrion nicht wußte, was Arbeit war, aber das stimmte nicht - er hatte Hornhaut an den Händen wie jeder von ihnen, und mit diesen Händen packte er jetzt zu. Keiner dieser Steinbrocken war zu groß zum Heben für einen Mann mit Kraft in den Armen, und Mendrion packte den nächsten besten Freiliegenden - man mußte kein Bergmann sein, um zu wissen, daß man nichts mitten aus einem Steinhaufen rausziehen sollte. Mendrion wußte, was er tat.
»Stellt euch in einer Reihe auf!« rief er den Leuten zu. »Wer keine Kraft hat, aus dem Weg, die starken Männer her zu mir, hier, in eine Reihe! Ich reiche die Steine an, jeder reicht sie an seinen Nebenmann weiter, der letzte türmt sie da hinten auf, verstanden?«
Die Männer rührten sich nicht, oder wenn, dann nur um ihre Köpfe nach links und rechts zu wenden und einander anzublicken. Einzig Leota stellte sich neben den Tunneleingang, bereit, den ersten Steinbrocken von Mendrion anzunehmen.
Der Brocken wog schwer in Mendrions Händen, zerrte an seinen kampfgestählten Oberarmen, doch Mendrion hielt ihn, seine Ruhe ein Gemisch aus Unsicherheit, Ärger und Argwohn. Warum packte niemand mit an?
»Was ist?« fuhr Leota die Leute an. »Ihr könnt die da doch nicht drin krepieren lassen!« Sie hielt Mendrion ihre Hände hin und funkelte ihn so lange böse an, bis er ihr den Stein gab - wollte sie jetzt ihn lächerlich machen oder doch nur die Umstehenden, die Versteinerten, die Gaffer -
»Da ist eine ganze Familie verschüttet!« Mendrion fing an zu schwitzen, dabei lag die Last in jetzt in Leotas Händen. »Ein Mann, seine Frau, drei Kinder -«
»Vier!« verbesserte Leota ihn, und Mendrion, dem das Blut der Scham ins Gesicht schoß, drehte sich schnell zur Seite und packte den nächsten Gesteinsbrocken. Er fühlte ein Stechen in der Brust, Wut auf sich selbst: Der Fehler hätte ihm nicht unterlaufen dürfen; er wußte vielleicht nicht die Namen aller Kinder, aber es waren zwei Mädchen und zwei Jungen, so schwer konnte das doch nicht sein! Als er sich zu Leota umwandte, waren ihre Augen gerötet. Sie weinte nicht, aber es ging ihr nahe, viel näher als Mendrion. Und ihre Hände waren leer.
»Es ist zu gefährlich«, sagte ein älterer Mann ruhig und trat auf sie zu. »Kommt da weg, ihr zwei. Es hat viermal gekracht - keine Chance, daß dort nicht alles eingestürzt ist. Aber hier am Eingang kann immer noch alles runterkommen.«
»Und die Menschen? Und die Kinder?« Mendrions Wut wuchs.
»Ihr kennt den Berg nicht so gut wie wir. Wenn der Berg sie haben will, dann gibt er sie nicht wieder her.«
Leota schnaubte, vor Anstrengung oder Wut. »Zu wem betet ihr? Zu den Engeln, oder zu einem verdammten Berg? Ich gebe nichts auf diesen Berg! Aber ich geb was auf diese Familie, und ich will verdammt sein, wenn ich sie kampflos aufgebe! Und ihr -« jetzt schrie sie die Umstehenden an, »ihr solltet euch schämen! Ihr habt hier eine großartige Familie von tapferen Menschen, die jeden Tag in diesen Berg gehen, obwohl sie wissen, daß er sie umbringen kann, nur damit ihr -«
Weiter kam sie nicht. Der ältere Mann trat zu ihr hin und ohrfeigte sie. »Sei still!« fuhr er sie an. »Ich bin selbst Bergmann! Mein Sohn, mein Bruder, ich, wir sind gerade mit Glück aus dem Weststollen rausgekommen, wir sind froh, daß wir noch leben, und verdammt, ich kenn Tamrik selbst, seit er ein Junge war, ich kannte seinen Vater vor ihm, und ich kenne diesen Berg - also sag du uns nicht, was wir zu tun haben, Kriegsgör!«
Und mit diesen Worten ließ er sie stehen, riß Mendrion beiseite und prüfte dann mit geübtem Blick die Stollendecke, bevor er sich selbst dem Einsturz näherte. »Beiseite, Kinder!« Er winkte, und zwei andere Männer - wohl der Sohn und der Bruder - kamen hinzu, ihre Gesichter grimmig. Auch sie bewegten sich vorsichtig, hielten die Decke im Auge, die jetzt jeder Stütze entbehrte. Mendrion ließ sie gewähren, trat beiseite und gab sich damit zufrieden, in der zweiten Garde zu kämpfen. Er hatte es wenigstens versucht. Er hatte getan was er konnte, einen Anfang gemacht - was wollte er mehr?
Und in diesem Moment begriff Mendrion, daß er wirklich mehr wollte. Er wollte diese Familie retten.
»Hat sich beruhigt«, sagte der Mann, welcher der Sohn sein mußte. »Wir können es versuchen, vorsichtig.«
»Hm«, sagte der Mann, den Mendrion für den Bruder hielt. »Und ich fühle mich trotzdem, als würden wir hier ein Grab aufreißen. Als wär es falsch, da noch etwas anzurühren - aber wir sind es Tam schuldig.«
»Wie ist das passiert?« fragte Mendrion, versuchte noch, es ganz geschäftig klingen zu lassen, interessiert, nicht besorgt oder gar verzweifelt.
»Wie das passiert ist?« Der alte Mann zuckte die Schultern. »Frag den Berg , frag die Engel, ich weiß es nicht. Mir ist es gleich - ich will nur wissen, was aus Tam und den Kindern geworden ist.«
Mendrion nickte. »Sagt was zu tun ist. Ich bin bereit.«
Er hatte dicke Hornhaut an beiden Händen, doch jetzt war er bereit zu schuften, bis das Blut fließen sollte.

Die Frau fanden sie als erstes, diejenige Person, die nicht hätte hier sein dürfen, die nicht hierher gehörte. Sie lag nahe am Ausgang, Gesicht nach unten, die Arme schützend über den Kopf gerissen, aber die Arme waren kein Schutz vor den Gesteinsmassen. Sie brauchten drei Mann, um den größten Brocken von ihr herunterzuheben, und als sie den Leichnam ins Freie trugen, verriet sie nur ihr Kleid als die Mutter dieser Kinder. Ihr Kleid, und die zerschmetterten Überreste des Korbs, in dem sie ihrer Familie das Essen gebracht hatte.
Sie legten sie vorne neben dem Eingang ab und hatten doch nicht einmal ein Tuch, um ihren Körper vor dem Regen und den Blicken zu schützen. Sie hätte nicht hier sein sollen. Aber vielleicht war es besser so, besser für sie - der Tod war grausam und schrecklich, aber er hatte sie nicht lange leiden lassen: Sie war sofort tot, als der Einsturz sie traf. Und welche Frau, überhaupt welcher Mensch,wollte einen solchen Schicksalsschlag überleben, überstehen, und weiterleben müssen mit dem Wissen, was mit ihrer Familie geschehen war? Am Ende war dieser Tod vielleicht gnädig.
Mendrion blickte Leota an und hätte sie am liebsten in den Arm genommen, aber ihr Stand und ihr Stolz standen zwischen ihnen. »Ihr habt genug getan, Leota«, sagte er leise. »Niemand nimmt nimmt es Euch übel, wenn Ihr Euch jetzt zurückzieht.«
»Doch«, antwortete sie. Sie blickte nicht ihn an, sondern die tote Frau, deren geschundenen Leib der Regen dem grauen Gestein ähnlich machte. »Ich würde es mir übel nehmen.«
»Sie leben nicht mehr«, sagte Mendrion. »Sie können unmöglich noch leben. Und wenn ihr Anblick schlimm ist - das nächste was kommt sind ihre Kinder. Seid Ihr auf den Anblick gefaßt?«
Vier Kinder, von denen das älteste schon ein Mann sein wollte und das Jüngste selbst für die einfachsten Arbeiten eigentlich noch zu klein war…
»Seid Ihr es denn?« fragte Leota zurück und blickte noch immer nicht auf, und so konnte sie nicht sehen, wie Mendrion den Kopf schüttelte.
»Nein«, sagte er tonlos. »Nein, bin ich nicht.«
Er war bereit, in den Krieg zu ziehen. Er war bereit zu töten. Aber das war etwas anders - Töten im Kampf. Männer, keine Kinder, keine Frauen. Es starben auch Frauen und Kinder im Krieg, und sie starben nicht weniger grausam als Katka; sie starben schrecklich, langsam, qualvoll, aber nicht durch Mendrions Hand, und nicht, wenn er dabei war - und vor allem war es noch nie geschehen. Mendrion war noch nie im Krieg, und er hatte noch nie getötet. Er hatte Tote gesehen, tote Männer, tote Greise, aber das war etwas anderes. Wenn das hier wie der Krieg war - dann war Mendrion für den Krieg nicht bereit. Noch nicht.
»Wenn auch nur einer von ihnen noch lebt«, sagte Mendrion, dann ist er das alles hier wert. Und wenn sie alle tot sind…« Er sprach nicht weiter. Dann verdienten sie eine würdige Beisetzung. Aber gab es etwas Würdevolleres für einen Bergmann, als unter einem Berg begraben zu werden? Hatten sie es nicht besser verdient, als ans Licht gezerrt zu werden, öffentlich aufgebahrt, ausgestellt zu werden, daß jeder ihre toten Körper anstarren konnte, selbst wenn es nur voll Trauer war?
Mendrion schüttelte den Kopf. Dann zog er seine Joppe aus und breitete sie über die tote Frau; zumindest ihren Kopf konnte er damit bedecken. Es war nicht viel. Es war keine Hilfe, nicht für ihn und nicht für die Frau - es war nur besser als nichts.
»He, ihr zwei!« rief es aus dem Unglücksstollen. »Wir brauchen euch nochmal! Wir haben hier die nächsten gefunden!«
Es waren längst mehr als nur die drei Bergleute, Leota und Mendrion, die versuchten, die Verschütteten zu bergen. An diesem Tag ging niemand im Tal mehr seiner Arbeit nach, alle waren hier, die Bauern, die Eisengießer, die Schmiede, die Frauen. Als Mendrion mit Leota in den Stollen eilte, sah er noch aus dem Augenwinkel, wie die Frauen sich der Toten annahmen, sie in eine Decke legten, um sie dann gemeinsam zu ihrem Haus zu tragen. Katka sollte zuhause auf ihre Familie warten dürfen. Als wäre sie noch am Leben. Oder ihre Familie.
Die nächsten zwei waren die beiden Jungen, Hand in Hand. Der Große hatte noch versucht, mit dem Kleinen ins Freie zu rennen, als der Berg zu beben begann. Und auch der Tod konnte ihre Hände nicht lösen. Das mußten erst die Männer machen, die sie hinaustrugen. Als sie den Kleinen davontrugen und dann die letzten Brocken vom Großen hoben, um auch seinen Körper über Schutt und Geröll hinauszuschleppen, wandte Mendrion seinen Blick ab. Er hätte sich gewünscht, daß diese Hände einander auch im Tod festhielten. Aber wenigstens waren die Brüder gemeinsam gestorben. Es mußte schlimm für ein Kind sein, dem Tod allein gegenüberzutreten.
Der Große hieß Edrik. Ihn kannte Mendrion von allen Familienmitgliedern am Besten - wenn man Varyn nicht mitzählte. Ein Bursche, der gut in den Krieg gepaßt hätte, der sich gut verstanden hätte mit Mendrions Rekruten - immer schnell dabei, wenn es darum ging, sich ein Bier ausgeben zu lassen, sonst nicht zu viel zu gebrauchen, aber er hätte einen brauchbaren Fußsoldaten abgegeben. Sicher wäre er lieber im Krieg gestorben als hier - er wollte fort aus diesem Tal, wie Varyn, wie Gaven, wie alle. Ihm sollte es nicht mehr vergönnt sein…
Und der Kleine. Mendrion kannte seinen Namen kaum - Harkon? Harman? Er war nicht sicher. Dem Jungen war er nur einmal oder so begegnet - der Kleine hatte ihn Onkel genannt und um Süßigkeiten angebettelt, wie ein ganz normaler Bengel. Schwer zu sagen wie alt er war - acht Jahre? Zehn? Die Kinder schienen hier kleiner als anderswo. Sie mußten schon so früh schweres Gestein schleppen, daß ihre ganze Kraft in ihre Arme ging, nicht in ihre Größe. Man mußte sie nicht bedauern. Sie kannten es nicht anders. Und wenn man ihren Vater sah… gesehen hatte… konnten aus ihnen immer noch brauchbare Männer aus ihnen werden. Aber aus diesem hier nicht mehr. Er war acht oder zehn Jahre alt, zu jung, um auch nur aus dem Tal fortzuwollen. Und er war tot.
Mendrion war froh, als die Frauen auch den Jungen davontrugen. Die Vorstellung, aus dem Stollen zu treten und auf dem Vorplatz stapelten sich die Toten… Es gab Bilder, die wollte man ganz schnell wieder vergessen und tat es doch sein Lebtag nicht. Mendrion fröstelte, doch er vermißte seine Joppe nicht - auch wenn es draußen immer noch regnete und drinnen ein kühler Zug herrschte.
Es war dunkel. Sie konnten kaum sehen - was von Draußen noch an Licht herein fiel, reichte nicht so weit, wie sie den Gang freigelegt hatten. Die Männer holten Laternen. Sie mußten sehen können, was sie taten, und vor allem sehen können, was die Decke tat. Ein riesiger Riß klaffte dort, zog sich weit nach oben, weit in den Berg hinein. Doch es grollte nicht mehr. Es war still im Stollen, solange sie dort nicht schufteten. Totenstill.
Trotzdem stand Mendrion still und lauschte, lauschte, lauschte. Jedes Rascheln, jedes Kratzen konnte ein Lebenszeichen sein. Mendrion lauschte, und rief, und lauschte. »Tamrik? Mädchen? Könnt ihr uns hören? Keine Angst! Wir holen euch da raus!«
Er wußte nicht, wieviel Zeit seit dem Unglück vergangen war - die tiefen Wolken, die frühe Dunkelheit nahmen ihm das Gefühl für die Zeit. Aber sie würden nicht aufgeben, und wenn es Nacht wurde, und wenn es wieder Tag wurde und wieder Nacht - sie würden weitermachen, Steinbrocken um Steinbrocken davontragen, bis sie die fehlenden Bergleute gefunden hatten. Bergleute, das klang gut. Viel besser als 'ein Vater und seine zwei kleinen Töchter'. Bei Bergleuten war es nicht so schrecklich, wenn sie starben…
Aus dem Stollen kam keine Antwort.
Sie arbeiteten weiter, grimmig, wortlos, die Bergmänner mit Hacken, um die größten Brocken zu verkleinern, an denen sie sonst nicht vorbeikamen. Die anderen räumten das Gestein weg. Frauen hielten Lampen. Aber auch wenn das ganze Dorf auf den Beinen war - Hoffnung zeigte niemand mehr. Nicht mehr, nahdem jeder wußte, wie schlimm die Frau und die beiden Jungen zugerichtet waren. Und so verzweifelt sie auch alle schleppten, keiner von ihnen wollte derjenige sein, der die nächste Leiche fand. Das erste tote Mädchen.
Dann fanden sie Tamrik.
Wie seine Frau lag auch er mit dem Rücken zuoberst, aber anders als sie hatte er nicht versucht, sich mit den Händen zu schützen - er lag zusammengekauert, Arme und Beine angezogen, und als sie ihn freigelegt hatten - hauptsächlich loses Gestein, aber sie mußten eine mannshohe Steinplatte aus dem Weg räumen, um zu ihm vorzudringen - wußten sie auch warum. Als sie Tamrik auf die Seite rollten, um ihn bei den Armen zu packen und ins Freie zu schleifen, wußten sie, daß sie noch einen weiteren Körper gefunden hatten. Unter Tamriks Körper begraben, an ihn gepreßt in einem letzten Versuch, es zu schützen, war das kleine Mädchen. Unversehrt. Sie sah genauso aus, als ob sie nur schlief. Ihr Vater hatte alles herabpasselnde Gestein mit seinem Körper aufgehalten, auch als es ihn zu Boden drückte und ihnen jeden Fluchtweg abschnitt. Ganz friedlich das bleiche Gesicht, die schwarzen Haare grau vom Steinstaub. Kein Tropfen Blut war seine Farben in diesen sanften, friedlichen Tod.
»Er wollte sie doch beschützen«, sagte Leota bedrückt. »Er hat sein Leben gegeben, um sie zu retten, wieso ist sie dann…« Leotas Stimme erstarb. Den ganzen Tag lang hatte niemand Leota weinen gesehen, aber in diesem Moment mußte sie ihr Gesicht in den Händen bergen, damit es so blieb.
»Sie ist erstickt«, hörte Mendrion sich sagen und wußte nicht, warum er sich so sicher war. Er weinte nicht. Egal wie viele tote Mädchen sie noch aus diesem Berg zogen - ein königlicher Hauptmann durfte nicht weinen. Niemals. Tränen änderten nichts. Auch Trauer nicht. Mendrion durfte Rache schwören. Aber wie rächte man sich an einem Berg?
Vorsichtig lösten sie das Kind aus den Armen seines Vaters - anders als bei den Händen der beiden Jungen war es schwer, Tamrik wollte seinen Griff nicht lösen, als wisse er, daß es für immer war…
Tamriks Hände verrieten einen Kampf. Die Gnade des schnellen Todes, die seiner Frau und seinen Söhnen vergönnt war - sie hatte den Vater übergangen. Die Fingernägel waren blutig abgesplittert, Steinstaub hatte sich in die Wunden gesetzt und machte die Finger zu unförmigen, glanzlosen Krallen, aber auch das täuschte nicht darüber hinweg, daß dieser Mann gekämpft hatte bis zum Schluß. Am Ende gab es kein Entkommen, als das Gestein ihn und das Kind endgültig unter sich begraben hatte, aber Tamrik war gestorben wie ein Mann. Es gab niemanden, der sich darüber freuen würde - es war mehr Hohn als Trost. Aber dennoch. Vielleicht konnten Gaven und Varyn eines Tages stolz auf diesen Mann sein.
Tamrik ließ nicht los. Es sah mehr so aus, als ob er seine Hände noch einmal anspannte, fester hielt, als das Schicksal ihm längst entrissen hatte - keine sichtbare Bewegung, doch Mendrion fühlte es. Er beugte sich vor und legte eine Hand an den Hals des Mannes: Dort war ein Puls - und konnte es auch eine Täuschung sein, ein Zittern von Mendrions Hand, die längst kalt und taub war und aufgerissen - es war ein Puls. »Er lebt noch!« schrie Mendrion. »Tamrik lebt noch!«
»Er lebt noch!« Der Ruf eilte von Kehle zu Kehle, hinaus ins Freie, so wie sie sonst die Steinbrocken von Hand zu Hand reichten. Die anderen Helfer eilten herbei, schoben Mendrion beiseite, als ob der nur für die Toten da war und nicht für die Lebenden. »Tragt ihn raus, hier drin können wir nichts sehen.«
Mendrion kniff die Zähne zusammen, als sie den Bewußtlosen an Arm und Bein packten und ins Freie schleppten - er wußte genug übers Knocheneinrichten, um selbst die Finger davon zu lassen, man konnte dabei mehr kaputtmachen als heile. Andererseits - der Mann hatte schon stundenlang unter einem Haufen Schutt gelegen, und wenn er sich dabei noch nicht den Rücken gebrochen hatte, würde es jetzt auch nichts mehr passieren. Und selbst wenn - niemand konnte mehr sagen, was zuerst passiert war und woher welche Wunde stammte, und liegen lassen konnte man den Mann dort zwischen dem Geröll auch nicht, es sei denn, man wünschte ihm den Tod.
Während die anderen Helfer auch das kleine Mädchen davontrugen, nahm Mendrion sich eine der zurückgebliebenen Laternen und machte sich auf die Suche nach der letzten Vermißten. Das große Mädchen mußte hier irgendwo sein - und sie das große Mädchen zu nennen war ein Hohn und galt nur neben ihrer Schwester. Mendrion wußte, sie war ein gutes Jahr älter als Gaven und eines jünger als Varyn, aber im Vergleich zu dem war sie viel, viel jünger, ein dürres Kind, das ebensogut als Knabe durchgehen konnte - und sie mußte ganz in der Nähe sein, Mendrion wußte es. So sehr der Vater auch versucht hatte, das kleine Mädchen zu schützen, er hätte niemals seine große Tochter im Stich gelassen. Ganz in der Nähe. Vielleicht direkt vor seinen Augen - aber direkt vor seinen Augen endete der Stollen in einem Einsturz, der Gang war an seiner engsten Stelle bis unter den Rand mit Gestein zugetürmt - wenn das Mädchen dahinter war, konnte sie noch leben. Aber wenn sie darunter war, niemals.
Mendrion ging in die Knie und leuchtete vor sich. Ein Bild verfolgte ihn, Tamriks blutende, aufgesprungene Finger. Die hatte er sich nicht zugezogen, nach dem das Gestein ihn begrub: Ab dem Moment hatten seine Hände seine Tochter festgehalten. Aber vorher - vorher hatte er versucht -
Mendrion stellte die Laterne beinahe achtlos beiseite, und begann zu graben, hektisch, mit bloßen Händen im Gestein zu wühlen, als ginge es um Leben und Tod des wichtigsten Menschen der Welt. Die Gefahr war egal. Daß er selbst der nächste sein konnte, den das Gestein unter sich begrub, den die Decke erschlug, der Abgrund verschlang. Daß er nie auch nur ein Wort mit dem Mädchen gesprochen hatte, nicht ihren Namen kannte - er hatte ihn gehört und wieder vergessen - alles war belanglos. Aber da draußen lag ein Mann, ein verwunderter Mann. Vielleicht ein sterbender Mann. Aber wenn dieser Mann jemals die Augen wieder aufschlug, dann wollte Mendrion ihm sagen können: 'Komm auf die Beine, deine Tochter lebt und braucht dich jetzt.'
Wild bis an den Rand der Schmerzlosigkeit grub Mendrion seine Hände in den Schutt, riß Gestein heraus und schleuderte es hinter sich, wie ein Hund, der seinen Knochen vergrub. Die Geister der Verstorbenen waren bei ihm und der Geist des Mannes, der noch leben mußte. Sie erzählten ihm, was passiert war, wie es passiert war, doch Mendrion hörte nicht zu, er wollte das alles nicht wissen - er wollte dieses Mädchen finden, lebendig, und in Sicherheit bringen.
Er wußte nicht, wie lange er im Gestein wühlte. Er wußte nicht, wo die anderen waren, ob sie sich um den Vater kümmerten oder heimgegangen waren - es gab nur ihn und diese Steine. Und er wußte, daß er der falsche Mann für diese Arbeit war; er konnte Varyns Besessenheit nur imitieren, doch sie wohnte ihm nicht inne, und sie füllte ihn nicht mit neuer Kraft. Trotzdem. Varyn war nicht da, nur Mendrion, uns wenn er auch halb damit rechnete, jeden Moment könne der Kohlenjunge hinter ihm erscheinen wie ein schwarzer Engel vom Himmel herab, wütete und wütete und wütete er weiter.
Varyn kam nicht.
Und dann fand Mendrion eine Hand.
Es war eine kleine Hand, wie von einem Kind oder einem jungen Mädchen, doch ohne jede Zartheit ragte sie zwischen dem Gestein hervor. Jede Schwiele, jedes Fleckchen Hornhaut war hart unter Mendrions schmerzenden, blutenden Fingern. Die Hand war kalt wie das Gestein, das sie umgab, warm war nur Mendrions Blut daran. Kalt und starr. Trotzdem hielt Mendrion sie vorsichtig, wie etwas Lebendiges, Zerbrechliches, und tastete sich am Handrücken, am Daumenballen entlang bis zum Handgelenk, bis er einen dünnen Arm zwischen den Fingern hatte. Er konnte es nicht sehen. Es hätte ebensogut ein Holzscheit sein mögen, kalt, starr, fest, ohne Regung, ohne Puls, ohne Leben.
Mendrion konnte nicht mehr. Zu spät fiel ihm ein, daß er kein einziges Gebet gesprochen hatte, den ganzen Tag über nicht - jetzt war es zu spät. Seine Kraft war am Ende - jenseits des Endes. Er hatte das Mädchen finden wollen: Gefunden hatte er sie. Mehr konnte er nicht tun, nicht für sie und nicht für irgend jemanden sonst und nicht für sich selbst. Er konnte nur sitzen und diese Hand halten und warten, worauf, das wußte er nicht. Nur sitzen und halten und warten und im Grunde seines Herzens den alten Bakonyn verfluchen, daß der ihn niemals gelehrt hatte, den Tod fernzuhalten: Nicht von den eigenen Männern, sondern auch von sich selbst.
Mendrion saß und wartete für eine Ewigkeit, hörte nicht den Regen rauschen und nicht den Berg atmen, nicht stöhnen und nicht grollen - die Zeit stand still, bis die Männer ihn ins Freie zerrten, ins Dunkel der Nacht, in die Sicherheit, während mit einem letzten Seufzer der Gang hinter ihm zusammenbrach, zum fünften Mal und endgültig. Sechs Seelen hatte er an diesem Tag geholt. Und daß eine dieser Seelen noch in ihrem Körper steckte - dem Berg konnte es egal sein.
Und Mendrion auch.

In dieser Nacht versuchte Mendrion sich zu betrinken, komplett und stumpfsinnig, aber es gelang ihm nicht. Der Schnaps verschaffte ihm einen dicken Kopf und eine schwere Zunge, doch je mehr die Welt vor seinen Augen verschwamm, desto klarer wurden die Bilder hinter seiner Stirn. Er hätte mit einer Spitzhacke auf seinen Schädel eindreschen können, nicht einmal das hätte etwas geändert. Alles was noch blieb war die Hoffnung, daß am anderen Morgen dieser ganze verdammte Tag ausgelöscht sein konnte. Um dort hinzukommen, trank Mendrion mit niegekannter Grimmigkeit. Er war nicht der einzige.
Das ganze Dorf war in der Wirtsstube versammelt, alt und jung, vom tauben Tattergreis bis hin zum kleinsten Kind - die Krabbelkinder spielten unter dem Tisch mit den Hunden und wußten nicht, um was es ging, aber schon bei denen, die im Alter waren wie das tote Mädchen - da, jetzt dachte er schon wieder daran! - begriffen, daß etwas nicht stimmte. Aber niemand machte sich die Mühe, die Ängstlichen zu trösten, niemand konnte sich selbst trösten, und nirmand versuchte es auch nur - die meisten überließen dem Alkohol den Versuch und waren dabei nicht erfolgreicher als Mendrion. An einem anderen Abend hätte er sich vielleicht gefreut, daß die unsichtbare Mauer in der Schankstube endlich verschwunden war, aber selbst wenn es ihm sogar noch auffiel, freuen konnte sich darüber wer lustig war; Mendrion war es jedenfalls nicht.
»Der Berg holt sich, was der Berg will«, murmelte ein alter Mann, der bei Mendrion und Leota am Tisch saß - sie kannten seinen Namen nicht, doch den mußten sie auch nicht kennen, um mit ihm zu trinken. »Ist ja nicht das erste Mal, das sowas passiert, sind schon so viele gute Männer im Berg geblieben, gute Männer waren das.«
Mendrion nickte nur wortlos - soviel wußte er schon, der Alte war ja kaum stillzukriegen, und Mendrion sollte das recht sein, er mochte selbst nichts mehr sagen. Trinken, nicht reden. Vielen ging es so. Kaum zu glauben, daß es in einer vollen Schankstube so still sein konnte! Niemand grölte, niemand brüllte, und die, die sprachen, taten es mit sich selbst, so wie der alte Mann.
»Ein guter Mann war das, Alrur, Tamriks Vater, der ist auch im Berg geblieben, bis sie ihn mit den Füßen zuvorderst rausgetrangen haben…«
Mendrion wünschte sich, der alte Mann möge doch endlich sein verdammtes Maul halten. Was verstand der schon? Das konnte man doch nicht vergleichen, ob irgendwann mal zwei Mann oder drei verschüttet wurden oder eine ganze Familie mit Frau und Kindern ausgelöscht wurde, aus dem Leben gerissen in einem einzigen Augenblick!
Alsa. Harkon. Noran. Edrik. Katka. Tamrik. Ihre Namen hatten sich in Mendrions Kopf eingegraben, zusammen mit den Bildern ihrer toten Körper. Alsas lebloses Gesicht, Harkons und Edriks Hände. Ihre blutbesudelten Kleider. Ihre zerschmetterten Köpfe. Wer den Krieg schmutzig nannte, hatte keine Ahnung. Keine Feinde konnten einen Menschen so zurichten wie der Berg. Vier Kinder. Eine Frau. Ein Mann. Den Mann hatte er von allen am härtesten getroffen. Er lebte.
Mendrion hatte Tamrik gesehen, kurz nachdem er selbst aus dem Berg heraus war. Kaum verletzt, gebrochene Rippen vielleicht, ein tüchtiger Schlag auf den Schädel, Quetschungen, nichts, woran er sterben würde. Aber Mendrion hatte Tamriks Augen gesehen. Tamriks Augen waren tot. Dieser Mann war zusammen mit seinen Kinder gestorben.
An diesem Abend war er nicht mit im Wirtshaus. Er war in seinem Haus, allein, bei seiner Frau und seinen Kindern. Er war allein, weil er es so wollte- weil er es mußte. Mendrion verstand ihn. Die Leute aus dem Dorf, die ihm helfen wollten, nicht. Die Frauen hatten seine Wunden verbinden wollen - Schürfwunden, die würden auch von selbst heilen - und sie hatten die Toten gewaschen, in ihren Betten aufgebahrt und Laken über sie gebreitet. Es gab keine Totenmagd in so einem kleinen Dorf, aber Schweigen gab es an diesem Tag genug. Tamrik wollte keine Hilfe. Er wollte allein sein. So allein, wie es ihm für den Rest seiner Zeit bevorstand. Seine ganze Familie…
Mendrion konnte ihn verstehen und doch nicht. Seine eigene Familie war zu klein, als daß er es begreifen konnte, und seine Eltern zu lange tot und zu friedlich gestorben. Leota hatte Brüder. Leota verstand.
»Raus!« rief Tamrik mit aller Kraft, die ihm geblieben war - viel war es nicht, und die Anstrengung war ihm anzumerken. »Alle! Raus aus meinem Haus! Laßt mich allein!«
Und sie gehorchten. Mendrion war dankbar darum. Er wußte nicht, was er diesem Mann hätte sagen sollen - etwas 'Freut Euch doch, daß Varyn und Gaven nicht dabei waren'? Was für ein Trost sollte das sein? Wenn Varyn und Gaven jetzt auftauchen sollten, an diesem Abend noch, dann hätten sie ihren Vater erlösen können, vielleicht. So aber blieb ihm nichts als eine Familie von Toten. Und Mendrion der Suff.
Es war nur dieses eine Mal, entschuldigte er sich - bei wem? Bei sich selbst? Bei Leota? Die stand keinem anderen nach an diesem Abend, trank wie Mendrion, bitter und ohne eine Miene zu verziehen oder die Zähne auseinanderzubringen - ob sie betrunken war oder nicht, wußte nur sie allein, Mendrion wußte es nicht und wollte es nicht wissen, es war egal, wie so vieles in dieser Nacht. Es gab nur die Namen und Gesichter, die sich in ihm eingegraben hatten, jetzt und für alle Zeit - und manchmal, wenn er vor die Tür wankte, gab es auch noch den Regen, und die Berge, die über dem Dorf thronten wie die mächtigsten aller Sieger.
Mendrion trank weiter und wurde nicht betrunken, nicht so, wie er es sein wollte - war es das, wie es Varyn erging? Mendrion kniff die Augen zusammen und schüttelte sich widerwillig, auch an Varyn wollte er nicht denken in dieser Nacht, wenn der doch wenigstens heimgekommen wäre, wenn er wüßte, was geschehen war - wie sollte Mendrion jemals Varyn erklären können, was passiert war? Nein, Varyn sollte bleiben wo er war, die Abgründigen konnten ihn haben, falls sie ihn noch nicht längst geholt hatten…
Draußen dämmerte schon der Morgen, oder es war schon Morgen, vielleicht, als es heftig an die Wirtshaustür pochte und sie dann nach einem Moment, als niemand aufstehen wollte, aufgerissen wurde. Doch es war nicht Varyn, der wie erstarrt unter dem Türsturz stehenblieb. Es war Dannen.
Einen Augenblick lang stand er da, in der offenen Tür, die Hand noch am Knauf, und sah sich um. Erstaunen leerte sein Gesicht, dann schüttelte er den Kopf und trat ein, bahnte sich seinen Weg durch den überfüllten Raum bis hin zu dem Tisch, an dem Mendrion und Leota mehr schlecht als recht saßen. Die Menschenmenge verblüffte ihn sichtlich, erst recht zu dieser Stunde - einfältiger Narr, was wußte er schon? Nichts wußte er!
Dannen lachte, nicht mal übermäßig vergnügt und doch so widerwärtig, daß es Mendrion fast hochkam. »Das wär doch nicht nicht nötig gewesen« sagte er.
Mendrion blickte auf. »Was?« Es hätte ein ganzer Satz werden sollen, aber mehr wollte seine Zunge nicht, und es hatte zu reichen.
Dannen machte eine Geste, die alle Menschen im Raum miteinschloß. »Na, wenn ihr euch solche Sorgen um mich macht - ich sag doch, ich find schon irgendwie wieder zurück -«
»Halt's Maul, Dannen!« fuhr Leota ihn an und schaffte das bemerkenswert gut, gemessen daran, daß sie gerade damit beschäftigt war, sich wie Mendrion höchst undamenhaft zu betrinken. »Und hau ab!«
Dannen wehrte ab, jetzt mehr verärgert als belustigt. »He, ich hab euch nicht gezwungen, euch meinetwegen die Nacht um die Ohren zu hauen, und überhaupt -«
»Hat nichts mit dir zu tun!« schnaubte Leota noch, und dann war sie wieder still und Dannen erst einmal auch.
Sein Gesicht verzog sich. »Ich seh's schon, ich bring dich erstmal zu Bett, bevor ich was Trockenes anzuziehen finde.« Ohne zu fragen, nahm er sich einen Becher, füllte ihn aus dem Krug, der auf dem Tisch stand, und stürzte ihn runter, warum er ausgerechnet das jetzt nötig hätte - am liebsten wäre Mendrion jetzt aufgestanden und hätte ihm eine Faust vors Kinn gegeben, doch er beherrschte sich: Er mochte zwar nach allen Regeln der Kunst betrunken sein, doch er würde nicht sich selbst vergessen, eh er das mit allem, was heute geschehen war, tat.
»Und überhaupt«, redete Dannen weiter, und jetzt sah er Mendrion an, »wenn du noch stehen und gehen kannst, wär ich froh, du würdest eben mit mir nach draußen kommen, ich hab da gerade was erlebt, das glaubt ihr mir nicht, wenn ihr's nicht mit eigenen Augen erlebt.« Er goß sich nach, als hätte er es eilig, den Rest der Versammlung einzuholen, noch eh der Hahn krähte - was bald sein mußte.
»Was?« fragte Mendrion nochmal, unwirscher als zuvor.
Dannen wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht und stellte den Becher ab. Seine Augen waren unruhig. »Ich glaub«, sagte er dann, legte nochmal die Hand an den Krug und schien es sich dann doch anders zu überlegen, »ich hab gerade einen Geist gesehen.«
Einen Geist? Mendrion mußte fast lachen. Er selbst sah sechs Geister, schon die ganze Nacht über - ein einziger Geist, da konnte Dannen doch gleich einpacken! Sechs Geister, Alsa, Harkon, Noran, Edrik, Katka -
»Tamrik«, sagte Dannen. »Ich hab Tamrik gesehen, glaube ich, da draußen - der Bergmann, du weißt schon.«
»Ich weiß«, knurrte Mendrion zurück - noch einen Tag vorher hätte er diese Hilfestellung ja vielleicht noch brauchen können, aber jetzt kannte er den Namen und würde ihn im Leben nicht wieder vergessen. Trotzdem war er nun irgendwie hellhörig. »Und?«
»Mich hat echt das Gruseln gepackt«, sagte Dannen und schüttelte sich. »Wirklich, du hättest ihn sehen müssen, sein Gesicht - sowas hab ich noch nie gesehen, nicht an einem lebenden Mann.«
»Tote Augen.« Mendrion nickte. Also hatte auch Dannen Tamrik gesehen - also hielt es Tamrik auch nicht mehr im Haus. Mendrion wollte es ihm nicht verdenken. »Da draußen?« fragte er. Wenn er das Sprechen in kleine mundgerechte Stücke aufteilte, ging es noch ganz gut.
Dannen nickte und blickte sich in alle Richtungen um, ohne Mendrion direkt anzublicken. »Wenn ich nochmal sowas sehe, einen Mann mit solchen Augen und einer Hacke am Gürtel - dann geh ich gleich rennen. Aber das Schlimmste…« Dannen atmete durch - dabei machte Mendrion das mit der Hacke schon Angst genug. »Der hatte die Augen auf, vielleicht wandelt er ja im Schlaf - aber dann… er hatte ein Kind auf dem Arm.«
»Ein Kind?« Die Worte trafen Mendrion wie ein Tritt in die Magengrube.
Dannen nickte. »Eines von seinen Mädchen hatte er auf dem Arm, das hat geschlafen - wirklich, es wär mir am liebsten, wenn du -«
Weiter kam er nicht. Mendrion sprang auf. Er kannte das Gefühl, schlagartig ausgenüchtert zu werden, bis dahin nur aus den Erzählungen anderer Männer, aber nun traf es ihn selbst wie ein Eimer Eiswasser, der über sein Herz ausgeleert wurde. »Wo war das?« Die Worte schossen schneller aus ihm heraus, als er ihnen folgen konnte, aber er fühlte sich ganz klar, hellwach, nicht einmal schwindelig. »Schnell, wo war das?«
Dannen zischte durch die Zähne. »Na, du kommst ja doch ganz schön schnell wieder auf die Beine -«
Mendrion schüttelte den Kopf. »Red nicht. Raus hier. Wo war das?« Er fühlte Angst, er fühlte Grauen, eine Vorahnung - ein Wissen um etwas Schreckliches, beinahe schrecklicher als alles andere, was an diesem Tag passiert war. Alles andere hätte Mendrion nicht verhindern können. Aber dieses Grauen -
»Draußen, wo's in die Berge geht«, sagte Dannen. »Ich bring dich hin - da auf dem Weg war das, auf dem Weg zum Bergwerk von Tamriks Haus aus - er war vom Haus weg unterwegs, nicht zurück, und das mit der Kleinen auf dem Arm - ich meine, vielleicht ist da was passiert, und die brauchen Hilfe?«
»Kein vielleicht«, bellte Mendrion. »Und das Kind schläft nicht.« Die Nüchternheit wütete wie ein Pflug in seinen Innereien; er war ganz klar im Kopf, daß er glatt hätte kotzen mögen. Laut rief er: »Los, alle die noch können, raus zum Bergwerk!«
Und dann, ohne noch lange und weitere Worte zu verlieren, stürmte er vor die Tür, Dannen dicht auf seinen Fersen, und hinaus. Niemand sonst folgte ihm. Die Leute waren zu stumpf, zu gelähmt, um den Ruf überhaupt gehört zu haben. Nicht einmal Leota kam, und darüber war Mendrion froh. Er fühlte das Blut in seinem Kopf hämmern, aber die Angst war schlimmer, Angst, daß es zu spät war, zu spät für alles, daß sie Tamrik nicht mehr würden einholen können.
Tamrik, eine Spitzhacke am Gürtel, sein jüngstes Kind tot auf dem Arm, auf dem Weg zum Unglücksstollen - es war Dannens Bild, Dannen allein durfte es nun und für alle Zeit heimsuchen, doch Mendrion hatte zuviel gesehen an diesem Tag, und aus diesen Steinen setzte sich Dannens Bild jetzt auch für ihn zusammen, als wäre er selbst dabeigewesen.
»Warum hast du ihn nicht aufgehalten?« hörte er sich selbst brüllen.
»Warum hätt ich gesollt?« schrie Dannen zurück. »Ich hab ihn angesprochen, gefragt, ob er Hilfe braucht - er hat nicht reagiert.« Dannen schnaufte ein Stück hinter Mendrion. Es war kaum zu glauben, daß nach diesem harten Tag, nach Stunden des Schleppens, Schüppens und Schuftens, Mendrion Dannen immer noch abhängen sollte! Aber der jähe Schreck gab ihm Kraft und drohte nur ganz verhalten an, daß Mendrion, sobald er sein Ziel erreicht hatte, tot umfallen sollte.
»Was ist denn«, jappste Dannen, »überhaupt los?«
Mendrion erklärte nichts. Er konnte laufen, nicht reden. Das hatte alles Zeit für später, wenn überhaupt - er war wütend auf Dannen, brodelnd wütend, daß er sie an diesem Tag völlig im Stich gelassen hatte, ihnen die ganzen Rettungs- und Bergungsarbeiten überlassen, um sich selbst seinem Vergnügen zu widmen, und auch wenn Dannen nicht aussah, als ob er großes Vergnügen erlebt hatte, war das keine Entschuldigung. Egal. Mendrion wollte nicht über Dannen nachdenken. Er wollte Tamrik finden.
Eine Lampe! Mendrion fluchte. Er hätte eine Lampe mitnehmen müssen! Hier draußen war es zwar schon dämmerhell, aber wenn sie in den Stollen reinmußten, würde es darin pechschwarz sein.
»Jetzt sag schon!« rief Dannen. »Glaubst du, er bringt sich um, oder das Kind, oder wen, oder was?«
Mendrion schüttelte nur den Kopf und hastete weiter, fiel fast hin, wich knapp einem Baum aus, und lief weiter, bis er endlich den Ort erreichte, der ihn noch lange in seinen Träumen heimsuchen sollte: Die schwarze Öffnung des Todesstollens.
»Tamrik!« schrie er. »Verdammt, komm raus!«
Aus dem Stollen kam nichts zurück, noch nicht einmal Hall - mit dem letzten Einsturz war zuviel runtergekommen, da war kaum noch Gang übrig: Als sich Mendrions Augen ein wenig an das Dunkel gewöhnt hatten, konnte er schon fast den Schuttberg erahnen, der bis unter die Decke ragte. Tamrik sah er nicht.
»Wie bist du so sicher, daß er hier ist?« fragte Dannen. »Mir sah das mehr so aus, als ob er in den Seitenweg abgebogen ist, zu dem alten Stollen links von hier.«
»Links?« fragte Mendrion - sicher, es gab mehr als den Stollen hier, aber keiner von den anderen bedeutete etwas, es mußte dieser hier sein, was sollte Tamrik in einem der anderen wollen? Mendrion schüttelte den Kopf. »Tamrik!« rief er nochmal.
»Also, ich sehe und hör hier nichts«, erwiderte Dannen, und falls er den Einsturz sehen konnte, ging er zumindest nicht darauf ein. »Wenn es so wichtig ist, dann laß uns doch noch bei dem Stollen schauen, den ich meine, in Ordnung?«
Mendrion konnte nicht mehr antworten. Mit einer Hand stützte er sich an der Felswand neben dem Eingang ab, seine Knie wurden weich, in seinem Kopf drehte sich alles - das war nicht fair! Er mußte es bis zu Tamrik schaffen, um den ging es doch, nicht um diesen verfluchten Ort, Mendrion versuchte durchzuatmen, sich zusammenzureißen. Er fühlte immer noch Angst, aber zusammen mit Enttäuschung und Wut auf ihn selbst, das machte ihn fertig, lähmte ihn, statt ihn vorwärtszupeitschen.
Und dann hörte er ein Geräusch, irgendwo im Berg - wie ein Schlag. Kein Brummen, kein Krachen, nicht der Berg selbst: Dieses Geräusch war Menschenwerk, ein gleichmäßiges Schlagen, eins, Pause, Pause, zwei, Pause, Pause, drei -
»Links ist das, ist sag's doch!« rief Dannen. »Los, komm!«
Mendrion mußte ihm glauben, aber er verstand nicht - warum dort, warum nicht hier? Doch er lief mit, mehr schlecht als recht, hinter Dannen her, den Weg hinunter. Im Laufen versuchte er noch den Kopf zu schütteln, aber das war zuviel für ihn.
»Dieser linke Stollen ist älter als die anderen«, sagte Dannen noch, während er ihn verwärtszog, und Mendrion fragte gar nicht, woher er das alles wußte, »der wird eigentlich gar nicht mehr benutzt, und die Leute meinen, es spukt dort, manchmal wird da nachts ein Licht gesehen, und jetzt - hörst du das?«
Mendrion hörte, und wünschte sich, daß es wirklich nur ein Geist war. Schlag, Pause, Pause, Mendrion zählte es nicht mehr. Er sah Tamrik vor sich, wie Dannen ihn beschrieben hatte, Kind auf dem Arm, dann sah er ihn in einem dunklen, leeren Stollen, die Spitzhacke schwingend -
»Er hebt ein Grab aus.« Mendrion wußte nicht, ob er das sagte oder nur dachte, aber er wußte es. Ein Grab. Für das Kind, das er nicht retten konnte. Und für sich. Wenn Mendrions Ohren an diesem Tag eines gelernt hatten, dann, wie eine Spitzhacke auf Stein klang - hell, laut. Der Stein antwortete dem Eisen. Das hier war anders, Mendrion spürte es genau, obwohl es weit weg war - leiser, dumpf, und es gab keine Antwort. Holz. Tamrik hieb auf die Stützbalken ein. Mendrion wußte es, als ob er dabei war.
»Jetzt reiß dich am Riemen!« rief Dannen - vielleicht sagte Mendrions Gesicht, was sein Mund nicht oder nicht mehr vermochte. »Ich höre ihn hauen, du hörst ihn - also sind wir noch nicht zu spät.«
Der Morgen kam mit zügigen Schritten, die Sonne kroch über die Berge, und erst jetzt begriff Mendrion, daß der Regen vorüber war, er wußte nicht seit wann. Das Hacken wurde lauter, aber es war immer noch so gleichmäßig wie zuvor.
Zu dem Stollen, von dem Dannen sprach, führte nur noch ein Trampelpfad: Hier wurde schon so lange nicht mehr gearbeitet, daß Mendrion noch nicht einmal von seiner Existenz wußte. Drei Stollen, in denen gearbeitet wurde, und dieser hier, der vierte, der Geisterstollen. Wenn Dannen sich hier auskannte, dann hatten seine endlosen Wanderungen vielleicht doch etwas gebracht…
»Hier«, sagte Dannen, »hier hab ich ihn langgehen sehen, und hörst du, er ist ganz in der Nähe.« Er klang nicht mehr ängstlich, gar nicht, er war zu ruhig, zu abwartend für Mendrions Geschmack, aber es war wichtig, daß zumindest einer von ihnen die Nerven behielt.
Der Stolleneingang war halb zugewachsen mit hohem Gras, wo lang kein Karren mehr gefahren war und nur noch zwei lange Furchen im Boden von der schweren Last vergangener Zeit erzählten. Alles glänzte, noch vom Regen, schon vom Tau, und immer noch hörten sie dieses hackende Hämmern, vielleicht etwas langsamer als vorher, kraftloser, aber immer noch stärker als alles, was Mendrion jetzt noch fertig brachte. Er hastete, stolperte, stürzte zum dunklen Eingang hin.
»Tamrik!« schrie er. Das Geräusch erstarb für einen Moment und ging dann wieder los. Im Stollen war es finster, doch Mendrion meinte, dort eine Gestalt auszumachen, die sich bückte und krümmte und streckte, nicht wie ein lebender Mensch, sondern ein sich windender Geist. »Tamrik!« schrie Mendrion und warf sich vorwärts, in die Schwärze hinein.
»Halt!« brüllte Dannen, tausendmal lauter als Mendrion es noch konnte, packte ihn, und riß ihn zurück. »Da gehst du nicht rein!« Er warf Mendrion zu Boden, drückte ihn runter. »Das ist -«
Das Krachen schnitt ihm das Wort ab, lauter und schrecklicher als alle, die Mendrion an diesem Tag gehört hatte, als wolle der ganze Berg direkt vor seinen Augen in sich zusammenbrechen. Grober Steinstaub flog Mendrion ins Gesicht, machte ihn blind, während das Donnern in seinen Ohren weiterrollte, daß es schmerzte.
Lange lag Mendrion auf dem Boden, unfähig sich zu regen, niedergedrückt von Verzweiflung, auch lang nachdem Dannen ihn längst wieder losgelassen hatte. Er konnte nichts tun, nicht einmal fragen 'Warum?'. Er wußte warum, aber das war kein Trost.
Irgendwann zog Dannen ihn hoch, klopfte ihm mit der flachen Hand den Staub aus dem Gesicht - es konnten auch Ohrfeigen sein, doch Mendrion spürte es nicht mehr. Seine Ohren dröhnten noch immer.
Dannen sagte nichts, schimpfte nicht, tröstete nicht, packte Mendrion nur beim Nacken und drehte ihn mit dem Gesicht zur Wand neben dem Eingang. Mendrion brauchte eine Weile, um das Zeichen zu erkennen, verwaschene Kreide, kaum noch zu erkennen, und selbst dann bedeutete es für Mendrion nichts.
»Er hat es gewußt«, murmelte Dannen mit eingefrorener Miene. »Er hat es an die Wand geschrieben.«
»Was?« fragte Mendrion. Mehr schaffte er nicht. Sie hatten versagt. Er hatte versagt. Dannen auch, aber Mendrion vor allem.
Dannen atmete durch. »Gefahr.«

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